Natalia T., in Rostow am Don geboren, seit Mitte der Achtzigerjahre im Westen lebend, gehört zu diesen Toscanello- und Carpaţirauchern aus intellektuellem Milieu, diesen »Armen im Geiste«, die wunderbar zu singen und zu tanzen vermögen und Georg-Trakl-Gedichte auswendig beherrschen, die alle überlieferten griechischen Tragödien mindestens dreizehnmal gelesen haben, die ihre Zeit vergeuden auf Erden und keinerlei Veranstaltungen welcher Art auch immer besuchen, die in Kaffeehäusern eher wohnen als zuhause, die sich an ihrer elegant eigenbrödlerischen Handschrift ergötzen dürfen, die sich totlachen über den Aufwand, dessen es bedarf, einen Film zu drehen, angesichts der Tatsache, daß sie für ihre Notizen eines Bleistifts nur und eines Bogens Papier bedürfen; Einzelne, die es eigentlich zu nichts gebracht haben (ungeachtet der Studien an mehreren europäischen Universitäten guten Rufs), Einzelne, welche ihr Leben lang immer nur Obstkisten mit dem LKW ausgefahren und sich während des Herumsteuerns vor Tagesanbruch unablässig mit der Kant’schen Religionsphilosophie denkerisch herumgeschlagen haben – und die doch, wie alle anderen Heutigen, stürben ohne Gesang; sie würden nichts als nur hiergewesen sein ––– Ich wiederum verstehe alles ganz anders: In meinen Augen sind Menschen wie Natalia T. Geheimnisträger. Ihre Gleichgültigkeit allem Öffentlichen, Äußeren gegenüber rührt vom entschiedenen Wissen her, daß unser Hiersein auf Erden nur als randständige Variante gelten darf einer hohen, andeutungsweise lediglich in unserer Epoche anklingenden Melodie. »Das Leben ist anderswo« (Milan Kundera)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)