Man wird wohl kaum ein ernsthafteres Gespräch führen, ohne daß auf Dunkelheiten hingewiesen würde. Worüber auch immer man nachdenkt – Gefahren werden beschworen. Auffallend, daß, mit wem auch immer man spricht, die Argumente geradezu schematisch sich wiederholen. In welcher politischen Ecke der Einzelne sich eingerichtet – was die Analyse der gesellschaftlichen Situation anbelangt, weicht niemand ab vom Augenfälligen. Selten, daß man neue Erkenntnisse mit nach Hause nimmt. Alle sitzen vor irgendwelchen Bildschirmen; verwandte Tinkturen, die man uns in die Augen träufelt. Ich kenne niemanden, der, vor einem Kaffeehaus stehend, den Titel eines schönen Duos für Violine und Viola von Jean Sibelius zitierte : »The Divine Beauty will save the World«. Anders als im 3. bis 7. Jahrhundert n.Chr. hört man auf unseren Straßen keine Auseinandersetzungen über Fragen des Glaubens. Nicht ausgeschlossen, daß man ganz gelegentlich Zeuge wird, wie zwei über Sinn oder Unsinn des Glaubens aneinandergeraten; allein, daß man der Frage sich hingäbe, ob Christus über eine oder über zwei Naturen verfüge (darüber wurde leidenschaftlich in den Cafés von Konstantinopel und Alexandria etwa gestritten) – heute ein Unmögliches. Wer, der einen theologischen Blick würfe auf die Zustände heute? Von den Kanzeln herab wird gesagt, was wir alle ständig wiederholen; die Sprachen unterscheiden sich nicht mehr. Sie mögen sich die Köpfe einschlagen, die gegnerischen Parteien – aber warum eigentlich, wo doch alle mehr oder weniger das Gleiche denken? »The Divine Beauty will save the World«. Aus dem Munde von Dichtern und Künstlern (die keine Clowns mehr wollen sein) kann man solches noch hören. In der Stille eines Ateliers, einer Studierstube mag der Gedanke des Rettenden noch anklingen. Sei es, daß Einzelne in einer ehrwürdigen Bibliothek vor einem Regal stehen und Titel der Buchrücken gegen die Ufer ihrer Augen fluten; daß solchermaßen Vereinzelte elegisch nachsinnen, versuchen, aus göttlicher Perspektive auf unsere Armut und Verlorenheit zu schauen; daß sie die Worte flüstern: » O mein Vergil, wie viel- und feinstimmig hast Du in Deiner Ekloge IV die Hoffnung auf ein Neues Zeitalter gesungen …« Am Arm der Edith Piaf gehe ich in Gedanken durch das graue Paris der Fünfzigerjahre. Die Cafés der Existenzialisten. Ich fühle mich verloren in dieser metaphysiklosen Zeit des XXI. Jahrhunderts. »Dieser späte Herbst hat etwas Altgewordenes, tatsächlich Vielverlebtes. / Ich berühre ihn ein letztes Mal mit sterblicher / Hand; Hand aus Asche, aus Stein. // In den Farben unzerstörbar webt die Glut der späten Sommertage. / In die Farben eingeschrieben bleibt, wie ein Schlaf von Philemon und Baucis, / das reetgedeckte Dach, / das leise Klingen einer Glocke, handgeläutet: / Turmuhr, die in meine Sterbekammer scheint. // Am Tisch ausharrt, / aus dem vergangenen Jahrhundert noch, die Braut; / eine leise angetrunkene Gesellschaft um sie her, / die Lampe ist noch nicht erloschen.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)