Viele beklagen, daß die Menschen zusehends ruppiger einander begegneten. Der Alltag, so hört man, werde oft als über die Maßen hektisch wahrgenommen. Es sei ein Hierhin- und Dorthinstürzen, ein Gehupe, Gestikulieren, Aufschreien und Ersticken. Solches Hasten, Empfinden einer Atemlosigkeit, eines Erschöpftseins könnte indes daher rühren, daß der Anker sich gelöst, die Barke des Ichs hilflos den Fluten ausgeliefert wäre der Zeit. Was uns fehlen könnte, so meine Vermutung: ein liturgischer Rhythmus, ein Hineingehaltensein in höhere Wetter. »Immer noch berühren große Wetter (Fronten & leergeweinte Eimer der Zeit) die Stirn« – wir leben ohne Bezug zu hohen Wetterlagen. Wetter erleben wir reduziert auf statistisch errechnete Vorhersagen. Keine Götter mehr, die sich herabneigen oder entfliehen. Keine Erinnerung an Völkerwanderungen, Epochen; es sind nur noch Zahlen und Ziffern. Metereologen, die im Grunde das Immergleiche verlautbaren. Wer um hohe Wetterlagen weiß, um die Wiederkehr des Christus etwa in unser Denken und Weltwahrnehmen, der wird sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich gehe über die Rheinbrücke. Ein Zug stürzt an mir vorüber, lärmende Autos, das gezückte Schwert aggressiven Radfahrens. Ich sehe in der Ferne die Stirn der Alpen. Es ist nichts als nur ein Dastehen und Schauen. »Holunder einer sechsten Stunde auf dem Dezember- / Kalenderblatt. Schatten, die ich aus Brunnen steigen sah, / Scherenschnitte, die an Wetter mich gemahnten / tintenverkleckster Herbste. Wir legten Karten / für den Kutscher, der sich am Ufer ausgeweint /des Stroms. Mosaisch auch ein Glanz / von Fahrradspeichen. Und Klaviere tot; / und tote Pfarrer; Mauersegler über Krakaus / eingegipster Schulter. // WER HAT UNS VOR GOTT VERTEIDIGT / VOR DER KÖNIGLICHEN ARMEE / & VOR MAMAN?« (aus: »La Macchina dell‘ amore e della morte«). Ein Dastehen nur und ein Schauen.

Ich lese, vor einem Café sitzend, das Gedicht »L’encore aveugle« von Yves Bonnefoy. Es stellt uns vor Augen die innere Sehnsucht Gottes, in die Welt eines Kindes hineingeboren zu werden, zu spielen im Oktoberwind, unterm blauen Licht; auszubrechen aus ummauerter innergöttlicher Einsamkeit. Gott streift, auf der Suche nach leisem Menschsein, umher »Dans le cri de l’oiseau blessé, dans le jappement / De la bête prise // Im Schrei des verwundeten Vogels, im Gewinsel / Des gefangenen Tiers.« Plötzlich werde ich angesprochen; ein Nachbar steht vor mir. Er fragt, ob es mir, so im Freien sitzend, nicht zu kalt sei. Es verstreichen zwei, drei Wochen. Wieder lese ich ein Gedicht vor besagtem Café (»Potato Song« von Stanley Moss). Wie bin ich entzückt über Verse, die von den Kartoffel sagt, sie spürten, ob es regenen würde oder nicht, jedoch entginge ihnen, woher der Wind etwa wehe, ob rotgeflügelte Amseln über ihnen flögen (»They sense if it is raining or not, / how much sunlight or darkness they have, / not which wind is blowing or if their are dark clouds / or red-winged blackbirds overhead«). Unvermittelt werde ich angesprochen. Es ist neuerlich besagter Nachbar. Spöttelnd seine Bemerkung: »Ach, Sie sitzen immer noch da!« Später, hinwandernd, denke ich, ich sei der Hauch eines Insektenflügelchens im Auge einer Parklandschaft – nein, da kommt mir der Gedanke, mein ganzes Leben stelle sich dar tatsächlich im einen Augenblick des Ausharrens vor einem Kaffeehaus. Weitergehend meine ich sogar annehmen zu dürfen, jedes Leben überhaupt entspreche einem einzigen Augenblick; Zeit sei eine Illusion, bzw. ein Mäntelchen aus Papier, das uns um die Schultern gelegt sei. Daß wir »Widerhall eines Augenblicks, eines einzigen Augenblicks,« wären, »der sich ewig diskontinuierlich fortpflanz(en würde)« (María Zambrano) Das Individuelle wäre dadurch erklärbar: jedes Leben wählte sich seinen Augenblick, nähme Gestalt an im Sitzen vor dem Kaffeehaus, im Beiseiteräumen von Schneemassen, im Stehen vor einer großen Schar lernbegieriger Studenten. »Flieg, o Brieftaube, in meinen Mund. / Flieg in meinen Mund, der um die Ecke wartet. / Ich brenne schon so lange, eines Bergdorfs Lampe, vor mich hin. / Der Straßenrand schaut sprachlos zu.« (aus: »Brieftaube, flieg«) Als Augenblickliche wären wir Teile eines Sternbilds.

Der Schritt eines Menschen, dies Hingehn, Stolpern, Pfadfinden – des Menschen Schreiten darf als Versuch gelten eines Ordnens, der Vielfalt eine Zahl zu unterlegen, den Faltenwurf all der Ereignis-Gewänder vor Einbruch einer Nacht doch noch zu glätten. Unser Hingehn will ein Zirkel sein, der den Umfang eines Kreises fände in einer alles wegspülenden Flut. Allein: vergeblich, vergeblich unser Ansinnen, Ordnung schaffen zu wollen. Maria Zambrano spricht in diesem Zusammenhang in ihrem geheimnisvollen Buch »Claros del bosque / Waldlichtungen« von der »unheilbare(n) Diskontinuität des Wissens«, von der »Unabgeschlossenheit alles Empfindens und Wahrnehmens und mehr noch des Handelns.« Der nach Erkenntnis hungernde Einzelne sei kein Kind der Frage – ein Kind vielmehr der Klage: »All das führt nicht zu der klassischen Frage, die das Philosophieren eröffnet, die Frage nach dem ›Sein der Dinge‹ oder nach dem ›Sein‹ allein, sondern läßt unheilbar vom Grund dieser Wunde…nicht eine Frage aufsteigen, sondern eine Klage…« Erkennenwollen bedeutet so gesehen kein gelassenes Entziffern von Fragmenten und Statistiken; ist Ausdruck vielmehr eines Flehens, eines Betens. Alle Gestalten der Erkenntnis (ingenieurwissenschaftliche, geographische, astronomische…) verfügen über metaphysische Wurzeln. »Dem Mond der Kelten, der den Pfad entziffert / widme einen Augenblick / Ich balanciere auf dem Alpengrat des Atems / dein Zelt befindet sich in Etam / an der Wüste Rand / Andalusien schreibt die Konsonanten in die Schale deines Munds / Wer dem Silberfaden deines Hingehns folgt / wird dein Venedig finden / Im Ghetto dein Hotelzimmer / dort die Ströme zusammenfließen vieler Namen / Apfelbaum am Wegrand morgens / Birke die den Schlaf verloren / Kastanie / an der du oft vorübergehst« (aus: »Tafelanschrieb Geographie«)

Tausende drängen sich durch Gassen, die sich auftun zwischen Buden und Hütten des Weihnachtsmarkts. Man ist versucht, von einer anonymen Masse zu sprechen. Eine der entscheidenden Botschaften Dostojewskis besteht aber darin, jedes Gesicht als einzigartig zu erkennen. Manche sind betrunken – ihre Trunkenheit ist Maske nur; manche reden sehr laut – ihr Rufen und Schreien verdeckt eine unendliche innere Einsamkeit. Manche lachen und lachen – ihr Gelächter deckt ein Weinen zu. Jene Barmherzigkeit, aus der heraus Staretz Sossima ( der Mönch und spirituelle Führer aus den »Brüdern Karamassow«) lebt, nährt sich von der Einsicht, daß das Anschauen und Betrachten eines anderen stets dessen Sterbenmüssen mit in Betracht zieht. Die Feindesliebe des Neuen Testaments meint gerade dasselbe: Der Mensch, den zu verachten du allen Grund hättest– verstehe ihn doch von eben seiner Endlichkeit her. Alle müssen früher oder später eintreten in die Nacht, die auf sie wartet. Das stimmt nachsichtig. Das harte Urteil verliert an Schärfe. Die Gedanken gleichen einem Spaziergang eher, dem geduldigen Zuschauen, wie ein Garten umgegraben wird. Staretz Sossima wirft einen poetischen Blick auf die Welt.

Dienstag, 26. November
Ich begegne dem Postboten vor dem Café, das ich soeben verlassen. »Ich habe an Ihrer Wohnungstür geklingelt«, sagt der Bote, »ich habe Musik gehört…dachte, Sie wären da.« Aber warum, frage ich mich, sollen diese Räume mit den Büchern und Manuskripten nicht einer Nicolaus-Bruhns-Kantate (»Hemmt eure Tränenflut«), auch in meiner Abwesenheit, lauschen und den Segen des hohen Klangs empfangen dürfen?

Philosophische & poetische Texte – man muß lernen, sie zu lesen. Ich erinnere mich genau: Im Frühjahr 1968 saß ich zum ersten Mal in meinem Leben über explizit philosophisch-poetischer Lektüre, über Heraklits Fragmenten. Ich verstand nichts; jedenfalls hätte ich die Frage, was ich lese, nicht beantworten können. Indes ich mich von den dunklen Wortströmen nicht abgewandt, das Buch nicht beiseite gelegt – ohne jedes Verständnis fürs inhaltlich Ausgesprochene setzte ich die Lektüre fort. Ich verfolgte die Melodie der Sprache, vermochte so, schwimmend, das andere Ufer des Flusses zu erreichen mit dem Gefühl, etwas Großes sei mit mir geschehen. Fortan las ich Philosophisches täglich. Ich bin überzeugt, daß man dieser ersten Hingabe huldigen, daß man, auch ohne zu verstehen, in den Fluß steigen muß. Es ist das Erlauschen einer Melodie; das Ertasten eines Pulses; ein Sich-Hineinwagen in die Dämmerung – vor Tagesanbruch, den Eros auszukosten der Lektüren! Entsprechendes gilt für das Betreten des poetischen Raums. Man darf einen späten Gesang Hölderlins, auch wenn man zunächst dem Eindruck unterliegt, überhaupt nichts, kein einziges Wort zu verstehen, nicht aus den Händen geben, sich fortragen lassen vielmehr von einer geahnten Schönheit – auch wenn man nichts in einem Notizbuch festzuhalten vermöchte. Philosophie und Poesie haben den gemeinsamen Ursprung in der Religion. Dort, im Bereich des Heiligen, kann der erste zögerliche Schritt nur ein tatsächlich fragloses, ausschließlich suchendes, geradezu flehendes Öffnen der Tür sein. Die Altäre kritischer Rationalität finden sich zweifellos in den Tempeln; aber die Tür dorthin muß eben im Sinne eines Uranfänglichen aufgezogen werden. Die großen Autoren der Dämmerung, Heraklit, Kafka, Hölderlin, Sappho, Gerhard Meier, Dostojewski…haben intuitiv entsprechende Zusammenhänge benannt. Undenkbar, daß ein dichterischer Mensch Atheist sein könnte. Undenkbar.

Archaische und antike Zivilisationen legten ihre Toten, nach Osten hin ausgerichtet, in Gräber und Grüfte; wie auch mittelalterliche Kirchen später entsprechend nach Osten zeigten. Im Osten die aufgehende Sonne – als ermutigendes Zeichen verstanden, welches über einer unablässig sich verändernden Welt, Harmonie erzeugend, versöhnend stünde. Der stoische Philosoph Lucius Annaeus Cornutus äußerte sich in diesem Sinne: »Apollon, d.h. die Sonne, erweist sich nebenbei als Musiker und Kitharist, indem er jeden Teil der Welt (wie ein Saiteninstrument) melodisch anschlägt und Gleichklang aller Teile hervorruft, wobei bei ihnen kein Missklang in den Ohren wahrgenommen wird.« Die heilige Bibel brachte folgerichtig die Sonne symbolisch mit dem Christusantlitz zusammen: »Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne« (Matth. 17,2 & Offb. 1,16). Der Roman »Les grands Cimetières sous la Lune / Die großen Friedhöfe unter dem Mond« des Georges Bernanos handelt vom spanischen Bürgerkrieg, von den Greueltaten, die Francos Nationalisten 1936 auf den Balearen unter dem Segen der katholischen Kirche verübten. Erhöbe sich überm XX. Jahrhundert und seinen Verbrechen ein trauriger Mond? Gleichermaßen scheint im Gedicht »Funeral Rites« (aus dem Gedichtband »North«, erschienen im Jahr 1975) von Seamus Heaney der Mond über dem Tod zu leuchten: Erwähnt wird der ermordete Nordire Gunnar, »who lay beautiful / inside his burial mound /…four lights burned // in corners of the chamber: / which opened then, as he turned / with a joyful face / to look at the moon. /// der wunderschön lag in seiner Grabkammer / …vier Lichter brannten // in den Ecken der Kammer: die sich auftat, als er sich drehte / freudigen Gesichts, / den Mond zu betrachten.« Die geistigen Augen des Toten sind nicht der Sonne, wohl aber dem Mond zugewandt. Die Überschrift früherer Zivilisationen wäre die Sonne gewesen; das Jahrhundert der großen Kriege wie auch unser Jahrhundert, von dem wir noch nicht wissen, was sich innerhalb seiner Räume noch zutragen wird, fröre unterm Mond. Wiederum anders gewendet: Ob der Mond als Zeichen des Heils schlußendlich über unsere Häupter geschrieben wäre (hat doch der Gunnar des Seamus-Heaney-Gedichts »with a joyful face« zur bleichen Göttin Seléne aufgeschaut!)? Ob der Mond insgeheim Schönheit und Trauer auf einzigartig dichterische Weise vereinigt? »…und werden an fremde Ufer gespült der Zeit. / Ich beobachte die Spinne, / die über Balken wandert und Bretter einer Weinberghütte, / betrachte den Mond, der, dreifach im Fensterglas gespiegelt, / zärtlich das Abendkleid anschaut der Beere / und anstimmt sein Lied.«