Beim Wandern in den Alpen begegne ich einem Ehepaar aus Danzig, das seit vielen Jahreszeiten in den USA lebt. Wir kommen ins Gespräch. Längere Zeit kreisen unsere Gedanken um die Bach-Kantate »Bleib bei uns, denn es will Abend werden« (BWV 6) in der Interpretation von Sigiswald Kuijken. Die Frau hat viele Jahre in einem Bachchor der Stadt Chattanooga (Tennessee) gesungen. Sie hängt in besonders intensiver Weise an der Alt-Arie »Hochgelobter Gottessohn…« Sie bewundert Kuijkens »schlanke« Führung der Streicher. Das Pathos als solches sei ganz der Christusverehrung gewidmet. Instrumente wie Gesang knieten kraft einer kaum mehr überbietbaren Exaktheit des Dargebotenen gewissermaßen vor dem auferstandenen Herrn. Sie kennt alle Details der Partitur. Bald steige ich alleine wieder ins Tal hinab, dabei unablässig die Melodie der Kantate im Ohr. Ich summe die Arie »Hochgelobter Gottessohn…« und kann der Tränen nicht wehren. Mit Christus würde unsere Welt das echte Pathos verlieren, welches wir doch, angesichts einer vielerorts geheuchelten Leidenschaftlichkeit öffentlicher Rede, mehr als dringend bräuchten. »Bleib, ach bleibe unser Licht, / Weil die Finsternis einbricht.« Auf der Schweizer Autobahn stehe ich lange im Stau. Die Bach-Arie geht mir nicht aus dem Sinn. »Der ich herangewachsen diesseits edler Alpenketten, / jenseits auch der Meere – mein Grab soll schlicht / an einer Weinbergstaffel liegen. // Mein Grab soll später einmal Schriftzug sein auf dem Umschlag / eines Briefs, den meine Hand / vorzeiten schrieb // an alle, die niemehr nach Hause fänden, die im Stehen / stürben, die nach Bienenhonig und sogar nach Schlaflos-/ frost noch duften würden.« (Die gemeine Wegwarte, Teil II) Allmählich löst der Stau sich auf. Ich fahre noch sehr langsam; zur Rechten, weit unter mir, der See.

Tagebuchschreiben hieße, offenen Auges durch die Gärten zu streifen der Schöpfung. Nein, Widerspruch regt sich, bedeute vielmehr, mit geschlossenen Augen durch die Steinwüsten zu stolpern und die Wacholderheiden, hingegeben einzig einer inneren Schau der Dinge. Oder sollte beides als Einheit gedacht werden, als Einheit der offenen und geschlossenen Augen? Wie aber dies? Gehören wir als Tagebuch Schreibende der Erinnerung, einer Schau des Zukünftigen, den großen Scheinen, den Münzen eher, dem Wechselgeld, der Kreditkarte, dem leeren Geldbeutel jener Habenichtse, welche sich treiben lassen einfach und den Halm küssen des Wegrands? Wieviel Quelle des Lebens, Licht der aufgehenden Sonne verbirgt in hingewürfelten Buchstaben sich? Wieviel Raucherhusten und Rausch? Wieviel an Zifferblatt, verstreichender Zeit? Fände man im Niedergeschriebenen Partikelchen dessen, was wir, mangels eines gültigeren Sagens, Ewigkeit zu nennen geneigt? »Wie Geldscheine fremd tote Fürsten liegen auf der Erde / Großmutter bedeutete, nach Geld dürfe ich mich gar nie bücken / Komm, verarmter Götterbote, wirf das Schimmelbrot / In meinen Postkasten und den Achat / Wie lange soll ich denn noch warten auf den Brief / Bitterkalter Regen einer vierten Morgenstunde / Frühe, die das Zifferblatt verneinen, es verbannen wird«(Armes, verborgenes Flußtal) Der Akt des Tageschreibens ist ein Niederregnen von Zeit, von Faktizität, Philosophie, Traum und Aquarell, das Bilden von Pfützen, die mählich nur austrocknen wollen. Ob die Fürsten wiederkommen werden? Vor der Bäckerei hat sich, ungeachtet der noch sehr frühen Stunde, eine Schlange der Wartenden gebildet. Ob sie wiederkommen werden, die herrschaftlichen Reiter auf den weißen, den feuerroten, den schwarzen, den fahlen Pferden? Ich freue mich auf einen hohen und heiteren Tag.

»Ich habe die großen Filme gesehn, / die wie Tempelsäulen grauer Wälder, / wie Schwarztee bitter oder Koriander, / bitterer noch als jede Klage zerstürzter Vögel. / Ich habe die großen Romane gelesen«

Wir blättern Tage um wie Buchseiten. Oft habe ich den Eindruck, unbeteiligt neben einem Buch zu stehen, die Ereignisse als ein Fremdes zu lesen. Gehöre ich zu einer alten, untergegangenen Welt? Bin ich einfachhin aus der Zeit gefallen? Oder steht mein Leben womöglich, avantgardistisch geradezu, für ein Kommendes, für eine neue Art von Personalität (humanistische Bildung als zukünftiges, als unverzichtbar einzuschätzendes Paradigma der Existenz)? Leben wir nach dem Untergang einer poetisch-religionsphilosophisch geprägten Epoche?Leben wir im Interim? Daß die Wiederkehr einer antik philosophischen, biblisch gegründeten Geistigkeit bevorstünde? Die Wiederkehr gnostischer Religiosität? Wiederkehr einer Religiosität, welche als versonnenes, vom Licht einer heiteren Passivität umgriffenes Hinterland, als Erdgebundenheit, gewissermaßen mit dem Raumschiff der Künstlichen Intelligenz harmonieren würde? Die Literaturzeitschrift AKZENTE, das Septemberheft des Jahres 1988. Auf dem Titelblatt die Photographie zweier alter italienischer Dichter: Mario Luzi und Giorgio Caproni. Sie gehen nebeneinanderher. Mario Luzi scheint zu sprechen; dazu Capronis sorgenvoller Blick. Was sieht der Dichter Giorgio Caproni? »Alles haben sie verbrannt. / Die Kirche. Die Schule. / Das Rathaus. / Alles. / Auch das Gras. // …. Verbrannt auch das Wirtshaus. // Auch das Postauto. / Alles. / Nicht einmal die Trauer bleibt / zu warten, an ihrem grauen Ort / auf das einsame (unauffindbare) Wort.« (Giorgio Caproni) Es fiele mir schwer, die Zukunft einer vergleichbaren Endgültigkeit ausgeliefert zu wissen. Aus meiner Sicht fällt ein anderes, weniger depressives, eher melancholisches Licht auf das Kommende: »Ich möchte nie mehr dieses Dorf verlassen müssen, / möcht‘ in seiner Seele da sein dürfen; / das schöne alte Haus der Bücher dort bewohnen; / ausharren im roten Sessel, / staunen, dasitzen und lange lesen in den Büchern meiner Mutter; / abends in einer Seitengasse essen gehn – / das Dunkelgrau anstaunen jener Wolken, / die unser Flußdunkel je noch verfinstern. // Umbrafarben die Brosamen der Erde liegen als Erinnerung auf jedem Mund. / Unser Hingehn ahnt im Vogelflug den Anker. / Der Regen zeigt das Dorf am Vorabend der Anmut wie auch des Tanzes. / Du fragst, ob der Regen so ein Nachtgewand für unser Ahnen wäre? // Er ist ein Wehen wie von Kokain – tiefstes Weiß unter Augenränder geschrieben eines Turms.« (DORF DER KINDHEIT)

Ich wurde vorzeiten im deutschen Spätsommer geboren, weit von den Bergen entfernt und auch vom See – und habe doch ganz früh bereits die Alpen ahnend ›geschaut‹ und das Meer, die elementaren Buchstaben des Seins. Konsonanten winterlicher Kälte zu früher Stunde auf Ziegel gesetzt unterirdischer Dächer. Wir errichten Hütten, die unvollendet bleiben müssen. Das Vollkommene erweist als Rätsel sich, das wir niemals werden lösen können, solange wir auf dieser Erde wohnen. Als Ausdruck unserer mißlichen Lage (das Unvollkommene als das für uns Höchsterreichbare hinnehmen zu müssen) darf der Umstand gelten, daß wir in aller Regel entweder frieren oder schwitzen. Äußerst selten, nein eigentlich nie, daß wir, verwickelt in die Wetter der Stunden, den Notwendigkeiten überantwortet also der conditio humana, das Dazwischen genießen dürfen eines Wohlbefindens. Wir hetzen irgendwo hin oder liegen nachts in fremden Herbergen unter dünnen Decken, wenn draußen, außerhalb der Mauern, Blüten des Frosts in Körbe gesammelt werden und wir vor lauter Müdesein zusammensinken möchten augenblicklich und der Kälte wegen dann doch keinen Schlaf zu finden ermächtigt sind. Wir sind gehalten, das Alphabet nachzubuchstabieren der Wetter. In Schulhefte zeichnen wir das Profil jener Nächte, in deren Krüge Regen gegossen wird. So leben wir in den Fängen der Hitze, in den Ruinen des Frosts ohne bleibende Statt; und bauen doch beständig an unserem Haus, setzen Backstein auf Backstein, vermessen Fenster und Türen. Niemals indes, daß wir den Zustand des Unfertigen, die Baustelle als solche, überwinden würden. »….beachte / das drückende Gewicht / des gedrungenen Gebäudes! / Beachte / die Jasmin-Leichtigkeit / des Mondes.« (W.C. Williams) In besagtem Zustand gefangen eines Nicht-zu-Ende-Gebrachten, werden wir ins Boot dann steigen, das seit den Tagen unserer Geburt, seit den ersten Atemzügen im Hafen liegt und unserer harrt.

Die Frage sich stellt, wie wir genauerhin den Einzug des schönen Gesangs in unser Denken, in die Offenheit des Hierseins, zu deuten vermögen. Der Gesang treibt herüber (er liegt in der Ebene) – eigentlich kein Herabsteigen, kein Haraufdämmern, auch nicht der Einschlag eines Meteoriten, nicht das Kommen des Diebes in der Nacht – eher womöglich das Einmünden eines mäandernden Flußlaufs ins Meer der biographischen Zeit. Die Ewigkeit des Gesangs (der die Gesteinsmassen mitführt, Schlick und Schlamm, den Logos der Gottursprünglichkeit bis hin zum Logos eines Alldurchwaltens der Dinge, den Logos als Glanz über den Dingen, den metamorphischen Logos, der das Sichtbarwerden trägt von Materie und Augenlicht und Sterben) – die Ewigkeit und Schönheit des Gesangs sickert in die Erde unseres Denkens. Er ist die Antwort auf unser Rufen de profundis. Schlußendlich ist es der Mund einer melancholischen Philosophie, der den Gesang wie Kräutertee trinkt oder wie morgenrotgefärbtes Wasser. Ich denke an die vielen Paare, die ich als Pfarrer getraut. Die Hochzeit erweist sich in jedem Fall als hoher Gesang. Der Ehe auch die Gnade innewohnt, jener Melodie, welche angestimmt wurde, zu folgen. Ständig und überall kann die Verwandlung sich ereignen: daß nüchterne Prosa in den Päan münde. Exakt um 4. 30 Uhr frühmorgens trinke ich den letzten Schluck weißen Weins. In 9 Stunden werde ich, so Gott will, zwei junge, vor dem Altar knieende Menschen trauen und segnen. Ich bitte um die Kraft, den geheimnisvollen Gesang anstimmen, zum Einsickern der Schönheit in das Verwinkelte einer alten Dorfkirche das Meinige beitragen zu können. Notizbücher über meinen Tisch verstreut. Und alle Seiten vollgeschrieben. Irgendeine Art von Schnee (jener aus Hölderlins Dichtung »Kolomb«, der die Glocke verstimmt, »…womit / Man läutet / Zum Abendessen«) fällt auf diese Konstanzer Stunde sozusagen eines Le-Havre-Atlantikwetters.

Ein Kaffeehaustischchen am Rand des Wochenmarkts – in der Tat ein geeigneter Ort, dem Treiben um die Marktstände seine Aufmerksamkeit zu widmen. Beckett deutet in seiner Proust-Studie an, Letzterer verwende Bilder in der Mehrzahl botanischer Art: »Er nimmt die Menschheit als Flora, nie als Fauna wahr.« Etwa beschreibe Proust Frau und Sohn eines Henri-Le-Sidaner-Verehrers als zwei blühende Ranunkeln. Albertines Lachen habe Farbe und Geruch einer Geranie. Gilberte und Odette erschienen weißer und violetter als Flieder. »Bei Proust gibt es keine schwarzen Katzen und treuen Jagdhunde.« In diesem Sinne betrachte ich die Marktbesucher als wertvolle, besondere Früchte am riesigen Quittenbaum. Ich nehme weniger wahr, wie die Menschen sich bewegen, wie sie durcheinanderrufen, innehalten, sich bücken, Körbe, Bast- und Umhängtaschen tragen durch ihre irdische Zeit – das Marktgeschehen steht als Inbegriff eines Ewigen, gewissermaßen reglos, erstarrt, im Freitagmorgen. Ein verschwiegenes Gemälde vor meinen Augen ––– in welches, allmählich lauter werdend, ein anderer Klang einsickert; Klang, der nicht mehr Menschenstimmen zu Grunde liegt, einem kosmischen Aufgehen des Mondes eher. Fetzen von Mondlicht augenblicklich, kammermusikalisch angetrunken, wie hungrige Möwen um Marktstände flattern, um Quittenfrüchte (auf der Leinwand erstarrte Menschen) kreisen. Plötzlich höre ich jemanden meinen Namen rufen. Ich merke auf, trete aus der Vorhalle meiner Vision, versuche die Alltäglichkeit eines Wochenmarktes wieder entschieden ins Auge zu fassen, wegzuhören vom kammermusikalisch gerahmten Höhersteigen einer abendlichen Mondscheibe. Ich erwache. In ein Gespräch bald darauf eingebunden über einen möglichen Zusammenhang europäischer Zinspolitik mit steigenden Wohnungsmieten, studiere ich das Marktgeschehen wie es sich sozusagen einer normalen menschlichen Betrachtung darbietet. Ich gewahre eine schwarze Katze, wie die zwischen Gemüsekisten sich zwängt.