Ein japanischer Morgen insofern, als er ganz leise die Tür öffnet, sehr fein lächelnd eintritt, die Reisetasche auf den Boden stellt aus Stein und um ein Glas Wasser bittet – zu einer Stunde, da der Autoverkehr längst die Schultern niederdrückt der Straßen und Kormorane vereinzelt begonnen haben, ins schwarze Wasser zu tauchen und zu töten. Man möchte fragen angesichts europäischer Dunkelheit und Kälte, wann endlich Demut in ihrem schönen grauen Mantel wieder durch die Städte gehen und die Menschen an ihren göttlichen Ursprung erinnern wird. Die Flußmündung sagt: »Ich tauge zu nichts, ich bin nur überflüssig« ––– indes ich antworte: »Aber nein – Güte segnet Deinen Weg; zweifle nie; vergiß auch nie, daß alles Strömen, auch hoher Wasser leises Stehn Anmut nur (und manchmal Zorn); der Pirol wird stets wiederkehren.«

Was erwarten wir an Zukünftigem? Als in den Türrahmen der Zeit Hineinmontierte sind wir ständig auf ein Kommendes wie auf das Kommende als solches bezogen. »Ich wandle unter Menschen als unter Bruchstücken der Zukunft.« (Nietzsche, KSA 6, 348). Es stellt sich die Frage, wie wir angesichts eines solchen Ausgeliefertseins Würde bewahren können. Sofern ich einen Menschen darstelle (ihn zeige den Augen der Welt) – welche Haltung garantiert Würde am ehesten? Wie würde ich als Kunstschaffender den an die Zukunft ausgeliederten Einzelnen portraitieren? Ich zweifle keinen Augenblick und sage: Die eigentlich humane Weise der Darstellung verlangt, ihn als Lesenden vorzustellen. Keine andere Haltung erscheint mir vergleichbar würdig – der Leser erfüllt das Moment des unbedingt Humanen am intensivsten. Nicht von ungefähr gibt es in der antiken Orphik die Tradition, den Verstorbenen als Lesenden zu imaginieren: Lesend sitzt er im Totenhaus. Ausgiebig habe ich das Portrait betrachtet, das August Macke von seinem Vetter Helmut angefertigt; es zeigt den jungen Mann am Tisch sitzend übers Buch gebeugt, andächtig versunken in die Lektüre.

»Am Glanz der Fensterscheiben erkenne ich, ob ein Engel vorbeigekommen.« (Odysseas Elytis, Tagebuch eines nichtgesehenen April, Berlin 1991, S. 27)  Legt das Licht der Engel sich auch auf das Leben der Menschen? Und welches innere Licht würde als Antwort wie Quellwasser sickern aus der weißen Erde unserer Augen? »Flieg‘, o Brieftaube, in meinen Mund. / Flieg‘ in meinen Mund, der um die Ecke wartet. / So lange brenne ich schon, eines Bergdorfs Lampe, / Vor mich hin. Der Straßenrand schaut sprachlos zu.« Güterzüge eilen an mir vorüber. Weder winke ich ihnen zu, noch schaue ich ihnen nach.

Er stand auf dem Bahnhofsvorplatz seiner Heimatstadt. Nach zweijährigem Aufenthalt in Bordeaux war er zurückgekehrt. Er sagte: »Du wunderbarer Regen, wie liebe ich Dein streng gescheiteltes Haar.« Er trat den Heimweg an, ging durch die vertrauten Gassen und Straßen. Vor dem Elternhaus angelangt, in welchem er den weitaus größeren Teil seines Lebens zugebracht, begutachtete er die Jugendstilfassade, die ihn an die Wohnstatt erinnerte, welche ihm in Bordeaux als Unterkunft gedient. Im Begriff, die Haustür aufzuschließen, mußte er feststellen, daß sein Schlüssel nicht mehr paßte. Ob man das Schloß ausgewechselt? Er klingelte bei Mitbewohnern – niemand, der geöffnet hätte. Ratlos sah er zu den beleuchteten Fenstern hinauf; warum nur, wollte niemand ihm Einlaß gewähren? Endlich ging er ums Haus, kletterte auf den Balkon; dort vermochte er die auf den Hinterhof zeigende Glastür aufzubrechen. Angelangt nunmehr in den eigenen vier Wänden, konnte er sich ausbreiten, sich Tee kochen, eine Schallplatte auflegen, den Koffer auspacken, Schmutzwäsche in die Waschmaschine stecken. Er schien angekommen. Später faßte er den Entschluß, einen nächtlichen Spaziergang noch zu unternehmen. Zu seiner Überraschung lagen die Straßen menschenverlassen vor ihm. Eine solche Leere. Autos standen in den Straßen, die Türen bei manchen aufgesperrt; kein Mensch, den er hätte ausmachen können. Er lief schwer atmend durch die Stadt, ohne daß ihm eine Menschenseele begegnet wäre. Er lief und lief ­ – die Stadt schien vollkommen ausgestorben. Er eilte zum Fluß hinunter, gewahrte die ihm so vertrauten Vögel: die Kornweihe, den schwarzen Milan, die Rohrammer; die vielen anderen Arten, die Moorenten, die Möwen ––– Kein Gast, der auf der Terrasse des vertrauten Strandcafés vor einem Glas Wein gesessen hätte; einsam verloren die Tische und Stühle im Regendunkel. Wäre er auserwählt, der letzte aller Menschen zu sein? Er meinte, in seinen Augen habe Asche sich angesammelt (die Asche eines Märtyrers, den man, Jahrhunderte waren seitdem vergangen, auf dem Scheiterhaufen verbrannt). Er rief in die Leere hinein, wissend, daß niemand antworten würde.

Der biblisch-homerische Kreis wird tragisch zerschnitten vom Graben, der sich zwischen Göttlichem und Menschlichem aufwirft. Das alltägliche Leben kann nicht als banal empfunden werden, erscheint es doch jederzeit von einem Empfinden des Tragischen gesättigt. Wie aussichtslos und grausam auch immer das Leben, die Einsamkeit des einzelnen an die äußerste Grenze des Erträglichen gelangt (»Ich bin gleich wie ein Rohrdomel in der wuesten / Ich bin gleich wie ein Keutzlin in den verstöreten Stedten. Ich wache / Und bin wie ein einsamer Vogel auff dem dache.« Ps. 102, 7f.) ­– erlittener Seelenschmerz, Ohnmacht, wird sich ständig brechen an der Präsenz göttlicher Macht. Trivialität kann erst dort, außerhalb des biblisch-homerischen Kreises, auftauchen, wo der Graben zugeschüttet, das Gottgegenüber erloschen ist, »das Schiksaalslose« (Hölderlin) als Lebenswirklichkeit vorherrscht. Tragisches Denken setzt die Erfahrung der Gottgegenwart voraus. Der Verlust des sakralen Gegenübers verändert das Leben dahingehend, daß an die Stelle des Dialoges zwischen Gott und Mensch die Dualität von geistigem Adel und nichtiger Alltäglichkeit tritt. Diese Alternative herrscht bis auf den heutigen Tag; sie zu überwinden ist der eigentliche Antrieb allen künstlerisch-philosophischen Schaffens nach der Zuschüttung des Grabens. Wenn Nietzsche sagt, daß alle im Grunde Dichter sein wollen, gibt er zu verstehen, daß alle irgendeine Gestalt tragischen Denkens wiederzufinden bemüht sind – was ohne Offenbarung (ohne Handeln von Gott her) nicht wahr werden kann. Nach dem Ende der biblisch-homerischen Epoche (sprechen wir von ›Mizraim / Ägypten‹ und haben somit die Klammer um west-östliche Religiosität geschlossen) ist alles Hiersein ubiquitär durchwaltet vom Widerspruch zwischen geistigem Adel und »trivialer Ruchlosigkeit« (Gottfried Keller). Vorzeiten die Tragödie (in Gestalt auch der Liturgien: das Moment des Flehens wie der Anbetung); bis auf Weiteres die soap opera. Auf der Insel Patmos wartet die neue Offenbarung, ein Drittes, Neues, Anderes. Es braucht das dritte Auge des Glaubens, um zu verstehen (das Verstehen wäre ein Schauen mit den Augen des Patmossträflings). Das traumlose Auge erweist sich als blind.

Erdschichten vergleichbar, liegen Spaziergänge übereinander. Jeder Spaziergang zitiert all die anderen Spaziergänge eines Lebens. Die Spaziergänge der Kindheit, die Wege in den rumänischen Karpaten, das Hinaufgehen an der Argen, die Pfade, die ich im Maquis Londons abgeschritten – als ob man auf ein Bankkonto einzahlen und einzahlen und die Summe des Angesammelten unaufhaltsam wachsen würde. In allem findet die Wiederholung sich des paradigmatischen Spaziergangs vor allen Spaziergängen, das Hinaufklettern der Leitern, die ins Leben führen. In jedem Spaziergang liegt das vorgeburtliche Hinaufsteigen ins Licht des Irdischen. Darum der Eindruck auch, wir verließen mit jedem Spaziergang ein Haus, das nicht irdisch; jeder Spaziergang (ob wir auch bewußt ein Ziel ansteuern) führt (Teilstück einer langen Wanderung) vielleicht zurück in dieses Haus; es könnte durchaus sein, daß wir die Herberge nicht wiedererkennen werden.

Ich pflege die Duineser Elegien in einem wunderschönen Band aus dem Jahr 1955 zu lesen. Darin fand ich, als ich das Büchlein irgendwo (ich weiß gar nicht mehr wann und wo) erstanden, eine Postkarte, die das »Castello Duino« vor den Toren Triests zeigt; dort hat Rilke, vom Schaffensfieber geradezu ergriffen, einen Teil der Elegien (als ob sie ihm diktiert worden wären) niedergeschrieben. Die Postkarte ist aus dem Jahr 1902. Auf die Rückseite gestempelt der Text: »Jan Placák / Galerie Ztichlá klika / Antikvariát / Betlémská 10-14, 110 00 Praha 1 / tel.: 2222 0560 / (mit Schreibmaschine darunter:) Okt. 02 / Einzulegen an entsprechender Stelle / Werke RMR.« Melancholisch wehen sie mich an, die gestempelten Zeichen, die Zahlen und Buchstaben, die maschinengeschriebene Notiz. Die Postkarte ist wie ein Waldstück oder ein alter Stadtkern; ein Laken, das aus dem Fenster hängt einer anderen Zeit (der ich mich mehr denn je zugehörig fühle: ach, das Prag anderer Jahrhunderte; Kafkas Prag, die Maison Oppelt). Die Zeit ist nicht mehr fern, daß wir schließlich anfangen werden, die Duineser Elegien zu deuten, (in Bruchstücken wenigstens) zu verstehen; daß wir aufbrechen werden, diese Dichtung endlich zu lesen, ihre Botschaft zu verinnerlichen – was damit zusammenhängen wird, daß wir in Kirchen schlußendlich wieder große Predigten werden hören dürfen; Predigten, die den einzelnen sensibilisieren werden, über die Brotfrage hinauszudenken, nach einem Anderen zu fragen.