Über manche sagt man, sie sängen ganz falsch, seien unmusikalisch ––– vielleicht aber hören diese, denen wir das Unmusikalischsein zumuten, einfach zu viel; können nicht singen, verfehlen die Tonlage, weil sie um jeden Ton herum einen Hof gewahren, wie der um den Mond etwa herumliegt, und so die Eindeutigkeit des Klanges fehlt. Um den Ton exakt zu treffen, bedürfe es, will ich erwägen, gewissermaßen der Gabe der Einfalt und der musikalischen Armut. Auf alle geistigen Phänomene ließe dieser Gedanke sich übertragen. Der sozusagen philosophisch Unbegabte litte keineswegs unter Gedankenarmut und mangelnder Schärfe des Denkens – die Rationalität seiner Sprache bräche vielmehr zusammen unter der Überfülle an Empfundenem und Gesehenem und gleichzeitig ins Denken Einströmenden. Der poetisch Unbegabte, dem das Wesen eines Gedichts durch und durch fremd, wäre außerstande, Singularität und Schönheit eines Verses wahrzunehmen, weil alle Gassen und Straßen der Wahrnehmung verstopft und vom Verkehrsstau geschlagen angesichts eines gar nicht mehr bändigbaren Verkehrsaufkommens; der poetisch Unbegabte nähme das Leben als solches in seiner ganzen Breitschultrigkeit wahr als Gedicht und er sei schlicht und ergreifend nicht in der Lage, die Ader eines einzigen Verses herauszutrennen aus dem voluminös üppigen Schenkel, welcher die Wirklichkeit, die Fülle der Erscheinungen durch die Zeit trägt. In diesem Sinne wäre ich politisch unmusikalisch: Daß ich in den einzigen Fluß einer Ideologie nicht einzutauchen vermag, weil Tyrannis und Fürstenherrschaft (auch hinter den wunderbaren Vorhängen einer parlamentarischen Demokratie) ungebrochen vor meinen Augen stehen, und ich, im politischen Handeln und Sagen, zugegeben undifferenziert völlig und kaum informiert, immerzu das direkte Hineinfinden in die Auflösung einer seit jeher nur angedeuteten Ordnung gewahre, an ein geordnetes, rationales, zeitgliederndes, bewahrendes oder rettendes Handeln gar nicht glauben kann. Ich sehe unablässig das Hereinwirken dämonischer Kräfte und kann die politischen Akteure anders nicht denn als Marionetten, gleich wie ernst die sich selber nehmen, wahrnehmen und verstehen. Verallgemeinernd könnte man sagen: Um die Ereignisse und Dinge unserer halb verhungerten Wirklichkeit liege eine Unschärfe sondergleichen.

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Am gestrigen Sonntag habe ich Orte der Kindheit besucht in meiner Heimatstadt Ludwigsburg: Zuallererst den Altar, vor dem ich gekniet am Tag meiner Konfirmation vor 50 Jahren, als ich gesegnet worden von Pfarrer Paul Dürr – und ich den ersten Schluck meines Lebens aus dem Abendmahlskelch getrunken; heute noch schmecke ich den sauren Wein, der, als immer und immer wieder erinnerter, mich auf wunderbare Weise Jesusgegenwart erahnen läßt. Ich habe das Grab meiner Eltern besucht. Ich bin die Straße hinaufspaziert, auf der ich im Alter von 9 Jahren von einem Auto erfaßt und überfahren worden und – verstehe es, wer verstehen kann – unverletzt geblieben war (der Begriff ›Wunder‹ ist viel zu klein, als daß er erfassen könnte ein solches Bewahrtwordensein). Am Elternhaus bin ich vorübergegangen, an der Volksschule, am damaligen Krämerladen, der natürlich nicht mehr existiert, in welchem ich so gerne Süßigkeiten (Brausestengelchen und Lakritze) erstanden. Die Orte der Kindheit sind Großgeschriebenes, Unterstrichenes, Hervorgehobenes im fortlaufenden Text der Biographie. Die Orte der Kindheit sind Gärten, die ein Teil unserer Seele nie verläßt und nie verlassen wird; versunkene, verwilderte, vom allgemeinen Lebensgetue und Lebenslärm vergessene Gärten, welche eines Tages Städte überwuchern und verschlingen werden.

Welche Hand hat Wasser der Taufe geschöpft und über die Stirn gegossen dieses frühherbstlichen Lichts? Es ist viel mehr Taufe in der Welt, als wir, der Gewohnheit entsprechend, mit der wir die Dinge gemeinhin betrachten, anzunehmen geneiget. Ich habe das Zeichen der Taufe aufs Maisfeld hingezeichnet gesehn; das Zeichen der Taufe auf der Stirn des Waldrands, des Ziegeldachs nachbarschaftlich, auf der Stirn des Weinstocks. Es ist so viel Taufe, Glanz des schönen Antlitzes Jesu, in der Welt. Allsegnend wie ein Schirm birgt Jesu Antlitz und beherbergt die Dinge im Haus seines Namens. »Das Wunderbare heilt die Augen alle, welche Hausruinen sehn. / Zerbrochen sind die Fenster der Fabrikhallen, und Mondlandschaft der Gärten / um solche Häuser, die nur zum Sterben da, denen alles Wehen, jeder Wind / von Leben fremd. Die Barke an einem Nachmittag hintreibt der Ufer./ Schönheit edler Bibliotheken und der Weine.« (aus: PULCHRITUDO ET MORS).

Das reiche Deutschland – alle beten sie diesen Begriff herunter. Jeden Tag klingt an mein Ohr die Botschaft, ich lebte in einem sehr sehr reichen Land. Das reiche Deutschland sei verpflichtet, vom Gold etwas abzugeben, es in die Heizrohre der armen Seelen zu mischen ––– Ich meinerseits würde nicht so laut rufen (und diesen Reichtum als Selbstverständlichkeit begreifen); ich würde, durchaus der alten Robert-Bosch-Unternehmer-Haltung verbunden, Ärmeren Unterstützung zukommen zu lassen, leise und vorsichtig die Rede vom reichen Deutschland bemühen – eingedenk der Bibelbotschaft: Pred. 5, 9ff. und besonders eingedenk der Offenbarungsworte vom Untergang der reichen Stadt Babylon (Offb. 18): »Und ein starker Engel hob einen Stein auf, groß wie ein Mühlstein, und warf ihn ins Meer und sprach: So wird in einem Sturm niedergeworfen die große Stadt Babylon und nicht mehr gefunden werden. Und die Stimme der Sänger und Saitenspieler, Flötenspieler und Posaunenbläser soll nicht mehr in dir gehört werden, und das Geräusch der Mühle soll nicht mehr in dir gehört werden, und das Licht der Lampe soll nicht mehr in dir leuchten, und die Stimme des Bräutigams und der Braut soll nicht mehr in dir gehört werden.« Meine Damen und Herren ––– nicht dieses Geschrei. Bemüht das behutsame Wort. Und vergeßt gar nie, daß in den Arm unseres Hierseins kein polyglottes Tattoo gestochen, wohl aber die einsilbige Gewißheit eingezeichnet ist: daß ein Tragisches stets obwalte. Vergeßt nie, daß wir, ganz den Bettlern verwandt in den Straßen der reichen Stadt Babylon, Christus demütig um Atem anflehen sollten. »Wer bist du? fragen mich die Brieftauben und frechen Möwen / „Ich bin eine Rundfunkstimme –––“ // Straßenbahnen hören nicht mehr auf, zu fahren, / im Kreis um sich herumzuirren, / in je auch nur einem Streifen Abend / die kluge Andeutung zu finden eines Ziels, / das sie nie erreichen werden.« (aus: BABYLON DREI)

Der letzte Tag des Sommers. Ich lasse Dich ungern gehn, o Sommer, wie sehr mir auch der Herbst die eigentliche Jahreszeit der Seele. Wir haben keine Meister und keine Lehrer mehr, müssen unsern Weg alleine gehn. Ich ging am Seerhein entlang spazieren, sah unter tintendunklen Wolken die Riedgräser schwanken im kälteren Wind. Ich hörte die Ulmen sagen, Melchisedek, der König von Salem, sei hier nie vorbeigekommen, habe kein Brot herausgetragen und keinen Wein. Es gibt, dachte ich, so vor mich hinschreitend, keine Moderne und keine Antike; aus poetischer Sicht gibt es immer nur den archaischen Menschen; die Geschichte ist ein ewig wildes Tier. Ereignisse der Welt sind Krampfadern auf den Waden der Geschichte. Man kann nicht sagen: »Ich bin ein klein wenig geboren; ich werde ein bißchen sterben.« Leben erweist sich unablässig als Totalität und Hingabe. Leben kann immer nur an Opferaltäre erinnern. Leben ist Verbranntwerden auf den Altären von Krieg und Fabrik, Eros, Schlaf, Trübsal, Alter, Glücklichsein. Ungern laß‘ ich Dich, o Sommer, gehn –––

Das Gebet ist ein Lagerfeuer, das brennt an den Ausfallstraßen der großen Städte; es wärmt die frierenden Drogenkinder der Banlieue. Das Gebet ist die Stimme eines taubstummen Marktschreiers. Das Gebet ist eine Astgabel der wilden Schwermut; Taubstummes und Wortkaskaden in einem. Gar nichts für Langweiler – geeignet nur für den wachen, angezündeten (fiebrigen) Geist. Ins Hafenbecken sinkt die blutorangenrote Münze einer gealterten Sonne, bevor sie im Abgrund der Wasser ertränke.

Europa, Deine Kriege. Längst vergessen? Ob ihr wiederkehren werdet, ihr Buchstaben des Schmerzes? Verlaß uns nicht, o Herr!