Palermo. Der Palazzo Chiaramonte (im Volksmund ›Lo Steri‹), wurde im 14. Jahrhundert an der Piazza Marina, in der Nähe des Hafenbeckens La Cala, von der sizilianischen Adelsfamilie Chiaramonte erbaut. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Palast Sitz des spanischen Inquisitionsgerichts. Heute dient der Palazzo Steri als Sitz des Rekorats der Universität. Das Gebäude wechselt die Gewänder: Vornehmer Wohnsitz einer adligen Familie, Ort der Inquisition, Universität; Adel, Kerker, Bildung. Die Fingernägel der Geschichte sind sauber, bekommen schmutzige Ränder, um wieder gereinigt zu werden. Das Lachen der Menschen hat stets einen hellen wie auch einen dunklen Grund. Auf den Mauern einer Biographie die Graffiti der Eingekerkerten, die Graffiti der Zellen des Palazzo Steri, wie auch Bekenntnisse des Verliebtseins. »Das Leben ist kein ruhiges Einfamilienhaus am Dorfrand. Es sind die verstopften Autobahnen städtischer Agglomerationen, Straßen etwa von Peking oder Teheran; Güterzüge, die durch die Nacht fahren; Einsamkeit der Ozeane. Das Leben ist schön, chaotisch, gefährlich.« (Wohin der weiße Regen fiel, Kap. XIV) ›Chiaramonte‹ – ein Name von wunderbarem Klang. Im Wunderbaren indes klingt mit ein dunkler Grund, ein Angstfragment. Wo Kinder unschuldig, in überschäumender Lebensfreude, von der Fußgängerbrücke in den Seerhein springen, wurde die Asche des Johannes Hus wie die des Hieronymus von Prag in die Wasser geschüttet. »Tagealter Mürbteig zerbröselnder Schritte. / Auf dem Weg ins Kino streife ich, ein Hörender, / an einer Villa still vorüber. Sonnen- / durchglüht mein Nachmittag, // verwinkelt auch und eng; und Tücher kühleren Lichts / über Teer und Gärten, über den Neid gelegt der Zäune / und Giebel. Gerichtsgebäude unter Nächte gebeugt / des Herbstes. Im Hausflur brennen Lampen.« (aus: Kinobesuch). Ich darf unter diese Aufzeichnungen der Morgenfrühe ein Wort setzen des kaltalanischen Dichters Salvador Espriu: »Defuig els ulls que saben / Die Augen meide, welche wissen.«

»Was liest du gerade?« – fragte mich der Engel, der, interessiert an meinem Tun, meiner Lektüre, vor mich hingetreten war. Ich saß unter einer Platane am Seeufer, das Buch in Händen und antwortete: »Von Wassili Rosanow, ›Abgefallene Blätter‹, ein Buch, das mir viel bedeutet.« Ob ich ein paar Sätze vorzutragen die Güte hätte, fragte der Engel. Ich zögerte keinen Augenblick und zitierte: »In der Revolution gibt es keine Freude. Und wird sie nie geben. Die Freude ist ein zu königliches Gefühl, als daß sie je in die Arme dieses Lakaien sänke.« Der Engel setzte sich neben mich auf die Bank, schlug die Beine übereinander, zündete sich eine Zigarette an. Ob ich andeuten wolle, erwog er, daß die gegenwärtige Zeit zu niedrig sei, Freude lebendig werden, hochkochen zu lassen? Jedenfalls nähme er, Beobachter im Verborgenen, der er sei, in der Tat dieser Tage eine gewisse Freudlosigkeit wahr. Der Engel sagte versonnen lächelnd: »Vielleicht seid ihr, mit besagtem Rosanow zu sprechen, ein Geschlecht der Lakaien, außerstande etwas Hohes wie die Freude wahrnehmen zu können. Ihr Armen, ihr sollt wissen: wir Engel lieben euch; trachtet danach, die Freude zu finden in den Tagen, die euch gegeben.« Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, daß er auch schon verschwunden war. Ich vertiefte mich in mein Buch, meinte aber bald eine Stimme in mir zu vernehmen, die mich aufforderte, mich zu erheben, eine Kaffeestube aufzusuchen, vom besten Wein dort zu trinken, den es in Süddeutschland gäbe – und, nicht zu vergessen, dem Blümlein, das gepflückt und halb verwelkt in der Vase vor sich hinträumen würde, ein Lächeln zu schenken, ein engelhaft versonnenes und ein wenig ratloses.

»Aber der Angeklagte winkte ab. Man müsse da sein, sagte er, wenn man angerufen werde, doch selbst anzurufen, sei das Verkehrteste, was man tun könne.« (Hans Erich Nossack, Unmögliche Beweisaufnahme, Frankfurt/M. 1959, S. 29) Treffender könnte kaum ausgedrückt werden die Grundhaltung meines Lebens, die ich nie selbst gewählt, die mir sozusagen in die Wiege gelegt worden – nein, gültiger: die ich von anderswoher mitgebracht. Da war immer dies Zögerliche, Zaudernde, Hinwartende. Mein Glaube war immer nur Geschenk, gar nie ein Errungenes, Umkämpftes. Er war ein Schluck Wasser, une chanson de la singularité – mehr bedurfte es nicht.

Der Kreuzlinger Seepark liegt, die Arme unterm Kopf verschränkt, verloren in seiner Schlaflosigkeit, unter einer Nebeldecke auf dem Rücken; er veratmet seinen Tag, wiewohl ihm nicht nach Sterben zumute. Auf der anderen Seite des Sees Meersburg: gesund, ausgeschlafen, beugt es verehrend sich unterm Scheinen einer novemberlich milden Sonne. Wetter wandern wie Jahreszeiten und intellektuelle Moden an unseren Augen vorüber. Das Theater der Wolken. Wetter lehren uns, daß wir Zuschauende, daß wir nicht eigentlich Handelnde sind. Nach dem Untergang der kleinasiatischen Stadt Milet, schrieb, wie Herodot berichtet (Herodoti historiae, VI 21), der Dichter Phrynichos das Drama »Der Fall Milets«. Das Stück kam zur Aufführung, alle Hörer weinten. Der Dichter mußte eine Strafe entrichten, 1000 Drachmen, eine Wiederaufführung des Stückes wurde untersagt. Deutlich wird: Der Zuschauer darf keinesfalls als wählerisches Subjekt verstanden werden (Subjekt, das so oder so sich zu verhalten die Möglichkeit hätte); er ist vielmehr der Angeschaute, der Passive, der betroffen Weinende, der Empfangende – der die Wetter Betrachtende.

James Joyce traf in Paris wöchentlich mit Übersetzern zusammen, die sich abmühten, den Monolog Anna Livia Plurabelle aus Finnegans Wake zu übersetzen. Es wird berichtet, Joyce habe regelmäßig Lösungen, die schön klingen, den Vorzug eingeräumt gegenüber Varianten, die an einer exakten Entsprechung jeweiliger Sprachräume ausgerichtet wären. Joyce entschied sich, in unbewußter Nachfolge übrigens der Hermeneutik Martin Luthers, zu Gunsten der Schönheit – und gegen denkbar höchste Exaktheit. Robinson Jeffers preist im Gedicht Invasion die Schönheit als Allerhöchstes: »Ich glaube, daß die Dinge um der Schönheit und nur um der Schönheit willen erschaffen wurden. Gewiß wurde die Welt / Nicht des Glückes wegen erbaut, noch der Liebe oder der Weisheit wegen. / Mitnichten. Auch nicht um des Schmerzes, um des Hasses, um des Wahnsinns willen. Alle diese Dinge haben ihre Zeit; auf lange Sicht balancieren sie einander aus, heben sich gegenseitig auf. / Allein die Schönheit bleibt.« Sofern unserer Epoche irgendetwas abhanden gekommen sein sollte, so wäre es die Schau unbedingter Schönheit;Schönheit als allen anderen Weisen des Hierseins überlegenes, höchstes Phänomen. Der bedrohte Einzelne, dem die Stimme versagt, möchte aufschauen, die Rose ins Auge fassen dürfen. Vielleicht wissen wir nicht mehr, was Schönheit ist; daß wir sie, die unzerstörbar vorhanden, gar nicht mehr erkennen würden. »Möwen, die hungrig wiederkehren werden. / Wahrer Hunger sagt, daß kein Erlebnis dieser Welt / uns sättigte; daß wir allein in der Lektüre / wiederfänden, was nach Kindheit / duftet… // Wie nie ausgepackte Bücherkisten stehn die Alpen / zementgrau vor der Holzbaracke eines Himmels.«

Jeder Person eignet, unabhängig von Alter und Sprache und Land, eine Währung der Seele, ein bestimmtes Lebensgefühl, welches, nahezu unverändert, die Fülle ausleuchtend der Tage, bis ans Ende als bestimmend und unaustauschbar sich erweist. Mein Leben duftet nach ›Schottland-Skandinavien‹, nach jesuanischer Anmut, nach einem Wandern von Armenküche zu Armenküche, einem Wandern über Gräber hin des Kriegs. Mein Leben ist ein Betrachten und kein Handeln, ein verträumtes Balancieren über Mauersims und Gebirgsgrat. Seit jeher sitze ich gewissermaßen unter einer Ulme am Dorfrand von Gilleleje, von wo aus Kierkegaard auf’s Meer geschaut. Ich empfinde mein Hiersein als Miniatur, als erlauschten Ruf. »Ein Krankenauto neben der Akazie. Der hohe Liter Wein /aus einer Kelter, die es wie den Tabakladen nicht mehr gibt. / Maßlos glücklich ist der Schnee, der das Städtchen unter sich begräbt. / Nach dem Frühstück lesen wir Tragödien aus dem antiken Württemberg.«

In den letzten 200 Jahren sei die Amsel in die Städte eingewandert, so Milan Kundera in seinem Roman »Das Buch vom Lachen und Vergessen«. Also kommen sie, die Amseln, späte Beeren aus den Weinlaubreben eines Konstanzer Hinterhofs zu holen. Man könnte geneigt sein, die Art und Weise, wie im Leben der Vögel die Veränderung der Lebensbereiche sich vollzieht, als etwas Beiläufiges abzutun. Tatsächlich ereignen derartige Umbrüche sich selten oder gar nie im Sinne eines Plötzlichen. Über Jahrzehnte, über Epochen hin werden neue Gewänder geschneidert. Entscheidendes, Überwältigendes, Erschütterndes kommt von weit her, in den Schneiderateliers wird langsam und sorgfältig gearbeitet. Der Weg der Amsel in die Stadt umfasst so viele Jahrzehnte. Die Geburtsstunde der neuzeitlichen Technik etwa gilt es im Universalienstreit des 13. und 14. Jahrhunderts zu verorten. Fragen wir in Hinsicht auf das 20. Jahrhundert: Wann wurde die Idee der Konzentrationslager und des Gulags geboren? Nietzsche und Dostojewskij sagten die Grausamkeit der Weltkriege vorher. Im Leben aller Irdischen (nicht nur im Tagein, Tagaus der Europäer oder der Deutschen) scheint sich etwas anzubahnen, das wir noch nicht näher zu bestimmen vermögen, das schicksalhaft (ausgesprochen langsam und kaum bemerkt an Rändern der Epoche) mählich von uns Besitz ergreift. Noch weiß niemand um Aussehen, Gewichtigkeit, Wertigkeit des Neuen Gewandes aus der Schneiderwerkstatt. Irgendein Hauch scheint mitzuwehen bereits im Wind. Einzelne werden zusehends von Ahnungen ergriffen. Wird das Antlitz einer äußersten Barmherzigkeit aufgehen über unserer Mühsal? Oder betritt eine bislang noch gar nicht ausdenkbare Grausamkeit die Kammern der Zeit? Niemand weiß, was geschehen wird. Wird die Zivilisation den Schlaf verlieren? In welches Gewand werden wir schlüpfen müssen? »Schritte klopfen und Regentropfen auf Erde und Stein. Frierend die Hand tastet nach der Tür, durch die man unsern Abend des Erkältet- und fast Verhungertseins dann doch noch verlassen dürfte. Jahreszeit der Einsamen, deren Herbst um den Christusglauben kreist. Zartbitter die Andeutung von Vollmond, der wie Schnee auf Hecken glänzt eines Alltäglichen. Nächte, die den Möwen gehören. Ich sitze auf einem mitteleuropäischen Stuhl in einem Winkel der Welt und gewahre allerdeutlichst, daß Christus nicht nur in die Nacht der Menschen gekommen, auch in die der Vögel und der Stauden. Späte Schiffe steuern irgendwelche Häfen an, wissend, daß sie im Nirgendwo sich verweinen werden. Die Erde ist trocken. Ich suche Ufer auf und Strände, die, einsam geworden nach dem Trubel des Sommers, von Händen berührt werden des Sees sehr zärtlich. Die Einsamen tragen schöne Kleider und sprechen so fein. Ach, ihr Gesang…«

In diesen frühen Morgenstunden, die ersten Autoscheinwerfer besuchen wie Insektenaugen das Viertel, kommt Nebel herabgestiegen aus fernen Milchstraßen, uns zu erinnern an die kosmische Heimat unserer Augen. Ich liege wie Elia unter einem Wacholderstrauch der Wüste. Wissenschaften erinnern an ein Trinkgelage – alle reden durcheinander. Aus Sicht der Dichtung gibt es weder Moderne noch Antike; gibt es, Wissenschaft hin oder her, einzig und bleibend den archaischen Menschen. Die Geschichte bliebe ewig das wilde Tier. Poesie ist Salböl für den vereinsamten Menschen, der auf Bahnsteigen wartet – worauf er nur wartet? Geh hinunter auf die Straße, betrachte die Einzelnen, versuche aus ihren Gesichtern das Andere ihrer Herkunft herauszulesen. Keine blinde, verabscheuungswürdige Masse, die über die Fußgängerzonen gespült würde. Dort spaziert Fürst Myschkin; hinter ihm her folgt Josef K.; auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht Adrian Leverkühn vor den Auslagen einer Musikalienhandlung. Jakob von Gunten, Miss Dalloway und Madame Bovary sitzen auf jeweiligen Parkbänken im untergehenden Licht. Gewiß möchte man Nietzsche zustimmen: »Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr zu verehren.« (Zarathustra, KSA 4, 305); zugleich möchten wir mit Andrea Zanzotto ausrufen: »Aber es gibt nach wie vor die wunderbaren Farben der Pflanzen…« (Poetik, Die Welt ist eine andere, S. 207) Wir alle sind verwurzelt in einem kollektiven Unbewußten, welches uns wiederum mit oben beschworenem kosmischen Anderswoher verbindet. Allmählich lösen die Nebel sich auf, verdünnt der Traum sich, werden wir zurückgeführt in die immerwährende Heimatlosigkeit. »Schönes Turin der Morgendämmerung – / nach Hause, ins Innere des Hungers, deine Tauben fliehen. / Niemehr heimzufinden, wird hinfort unser aller Schicksal sein. / Tuch des Flusses, das, vergiftet, als ein großes Weinen auf dem toten Acker liegt.« (aus: Verlassene Bahnstation an der Strecke nach Turin)

Paul Celan ›besichtigt‹ im April 1964 die Nekropole Cerveteri nordöstlich von Rom. Im Band Fadensonnen findet sich das Gedicht ›Die Ewigkeit‹, welches den Besuch der etruskischen Totenstadt zum Anlaß nimmt, gründlich über eine kaum hinterfragte Konstellation der abendländischen Metaphysik (der universalen Mestaphysik wohl überhaupt) nachzudenken. Traditionell stehen vergängliche Zeit (Celans trauriger Blick ordnet ihr das Lager zu, KZ und Gulug und und und: »Mit mummelnder Kelle, / aus den Totenkesseln, übern Stein, übern Stein, / löffeln sie Suppen / in alle Betten / und Lager«) und Ewigkeit (sanft der Asphodelen Selbstgespräch) einander gegenüber, das bittertraurig Vergängliche und das Ewige. Zeitlos schön die Ewigkeit (»Aspholdelen / fragen einander weiß«) – von ihr sagt Celan nun, sie altere: »DIE EWIGKEIT altert«; will bedeuten: Sie bleibe, die Ewigkeit, keineswegs unberührt vom Folterknecht ›Zeit‹. Das Betrachten irdisch-tyrannischer Herrschaft ermüdet ein geistig-ewiges Sein, läßt es altern. Umgekehrt könnte aber auch gelten, ich weiß natürlich nicht, ob Celan dem zugestimmt hätte, daß von Cerveteri, der ewigen Welt der Toten, mild-heiteres Licht der Asphodelen, gebrochen wie auch immer, aufs Diesseits falle. Asphodelen sind weißblühende Lilien. Den Unterweltgöttern Persephone und Hades geweiht, verklären sie, innerer Dialog der Ewigkeit, die Totenwelt der Antike. Unbeständig das Hiersein, zerbrechlich, grausam, blind – Göttliches, welches, die Welt betrachtend, altert, ermüdet, legt gleichwohl sein Licht (»Licht ist dein Kleid, das du anhast« Ps. 104,2) auf arm verdüsterte Hinterhöfe und graue Wintermäntel der Schlaflosen. Fraglos die Schwalbe vorüberweht.

Allerorts wird ein Riß diagnostiziert, der die Gesellschaft (die Gesellschaften) spalte. Dabei sollte nicht übersehen werden, daß der Tempelvorhang vor 2000 Jahren zerriß: »Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben an bis unten aus.« (Matth. 27, 51) Nicht nur, daß es im großen Ganzen zwei Lager gäbe; der Graben scheint in den Urtext der Schöpfung nachträglich, die conditio humana ergänzend, eingezeichnet worden zu sein; als ob ein dunkler Fluß fortan durch alles Sein den Weg sich bahne. Tut die Frage sich auf: Ob er, der Spalt, dies eigentlich verborgene Strömen eines vermeintlich unüberquerbaren Flusses, Zerstörung bringe, oder, ganz im Gegenteil, baumeisterlich wirke, Bibliotheken, Häuser des Denkens, Hohes errichte, Städte entstehen lasse, Geburtshilfe leiste zu einer neuen, anderen geistigen Zivilisation, welche dem Plappern der Heiden den Garaus machen würde?