Schönes Konstanz meiner Morgendämmerung. Deine Tauben fliegen zu sich selbst, ins Innere ihres Hungers. Deine Tauben lassen Dich alleine. Darum, weil die Vögel nicht mehr für Dich beten, wohnt Mangel an Leben in deinen Kammern und in deinen Gassen, arme Stadt. Zuerst haben die Menschen aufgehört, zu beten, dann die Vögel; irgendwann werden die Pflanzen auch verstummen. In der zurückliegenden Nacht mit ihren Meeresbuchten der Schlaflosigkeit habe ich so deutlich wahrgenommen, daß weniger an substantiellem Gebet in der Welt ist. Natürlich tragen die Amseln ihr Lied ins Laub des Weinstocks, stehen ratlos die Verlierer vor Ruinen ihrer Träume, und wird um Rettung gerufen (das Flehen aus der Tiefe wird ja gar nie leiser werden, dies ängstlich Harren aller Kreatur, welches als Schrei mit zum Elementarsten der Schöpfung überhaupt gehört) ––– was so sehr fehlt, ist das Gebet des betrachtenden Auges, welches, mitnichten aus Ängstlichkeit und Hunger geboren, am Wegrand steht, sehr bestimmt aufsteigt aus der inneren Stille jesuanischen Glaubens, und spricht: »Beschütze, mein Jesus, diese Stadt, stehe als segnender Engel über ihren Bewohnern.« Jedes Wort des Augengebets ist wie ein Tropfen, der aus dem undichten Wasserhahn perlt. Man kann den Hahn noch so fest zudrehen, die Gefängnismauern noch so hoch ziehen – das Augengebet der Stillen im Lande wird gleichwohl ins Becken tropfen. Es fehlt das Gebet jener Frommen aus dem Geschlecht der Dichter, die Hölderlin in seiner Patmos-Hymne wertschätzend preist. Es ist Kafkas ironisches Gebet (Schrifttum, das gerade seiner Distanziertheit, des unablässigen Verkrümmens von Gesten wegen, was Samuel Beckett wieterführen wird, denkbar tief human atmet, an der Hand uns nimmt und dem Messias entgegenführt). Das Gebet des betrachtenden Auges: »nach dieser perle taucht das denken / sie bleibt den meerestiefen treu« (Ibn Arabi)

» Wer bist du? fragen mich die Brieftauben und frechen Möwen / Ich bin eine Rundfunkstimme ––– / Straßenbahnen hören nicht mehr auf, zu fahren, / im Kreis um sich herumzuirren, / in je auch nur einem Streifen Abend / die kluge Andeutung zu finden eines Ziels, / das sie nie erreichen werden. « (aus: Das dritte Babylon). Nocheinmal zu Hölderlins Wort: »Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde« Es ist schönste und reinste evang.-lutherische Theologie des ehemaligen Stiftlers: Die Gegenüberstellung von Werken und Gnade. »Voll Verdienst« ––– wohlwollend, er steht in der zweiten Hälfte seiner Dreißigerjahre, schaut der seelisch verletzte, mehr noch: zerstörte Dichter zurück auf die hinter ihm liegenden Jahrzehnte »..im betrachtenden, erinnernden Ton gehalten, ein Wunder des durchwobenen Stils, der Entsprechungen und der Sprache – die gleichsam auf der anderen Seite des Wassers liegende Vollendung der hesperischen Gesänge.« (D.E. Sattler). Hölderlin, ganz paulinisch, weiß um die Größe menschlicher Lebensentwürfe und Hervorbringungen – und weiß doch auch um deren Vergeblichkeit. Die Welt der ›Verdienste‹ führt schnurstracks ins Sterben. Ewiges und alles Leben freudig Überschreibendes erhalten wir allein aus der göttlich in uns eingehauchten Poesie. Das ›doch‹ (»Voll Verdienst, doch«) gilt es adversativ zu deuten. Was die sekundären fleißigen Geister der Theologie bücherbreit- und weit ausführen – der Dichter setzt es in den Bildrahmen eines einzigen Verses. Unsere Erfindungen werden niemals das Ziel erreichen. Und nur, wer leise und still, in Zurückgezogenheit vor sich hinforscht, erfindet, brütet, niederschreibt, spazieren geht, die Hände dabei immerzu gefaltet wie der sterbende Hölderlin auf seinem Lager  (vgl. die Briefe von Chr. Th. Schwab: »Hier fühlte er bald den Tod herannahen, faltete die Hände und betete, man hörte ihn nur wenige Worte sprechen…«; und von Lotte Zimmer, Tübingen d. 7ten Juni 1843 Nachts 12 Uhr / Lottes pascal’sches Mémorial gewissermaßen) ––– nur wer um das Geschrei der Schwalben weiß (»In lieblicher Bläue blühet mit dem metallenen Dache der / Kirchturm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben…«), wird den Weg freundlichen Daseins gehen dürfen.

Bei Sturm bin ich über die Erde des Kreuzlinger Seeparks gegangen. Es sind extreme Wetterlagen unter Schwarzwolken, die einen nach Heimat fragen lassen, nach den Gärten und Teeaufgüssen der Kindheit. In welcher Art des Denkens kann ein Mensch zu Hause sein? Ein Archaisches wäre zu beschwören. In Anlehnung an das von Wilhelm Waiblinger überlieferte Hölderlin-Wort »Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde« hat Heidegger den Gedanken des Gevierts entfaltet, den Mensch in der Fuge von Himmel und Erde, Sterblichen und Göttern verortet. Ich meinerseits würde das Geviert anders, dichterischer (und insofern heimatlicher) bestimmen. Ich  schlüge vor: Weinberg und Fluß, Krypta und Fernweh. Es ist kalt geworden. Auf den Terrassen der Alpen liegt Schnee und wir gehören unserem ewigen Winter. Das absurde Theater der politischen Welt erinnert dieser Tage einmal mehr an den brettspielenden Knaben Heraklits (»Die Lebenszeit ist ein Knabe, der spielt, hin- und her die Brettsteine setzt: Knabenregiment« Fragment Nr. 52). Der politisch handelnde, sein Hiersein primär von den Theaterbrettern der societas ableitende Mensch hat vollständig vergessen, daß allein das Wissen um eine tief gegründete Vergeblichkeit alles Tuns zum schlichten, gleichwohl ehrlichen Handeln und aufrichtigen Bekennen befreien würde. Nun hat die Welt ja in der Tat noch gar nie Luthers, von Augustinus inspirierte Kritik des Freien Willens verstanden. Selbst Erasmus von Rotterdam ging ahnungslos an der Quintessenz dieses Zentralgedankens vorüber und hat sich auf einer völlig belanglosen Ebene damit auseinandergesetzt. Wo wären jene Politiker, ach, welche wüßten, die lebensgestaltende Geste ereigne allein aus Gnade sich, verdanke sich schlußendlich einem kniefälligen Flehen de profundis! Man muß lernen, damit zu leben, daß das politische Personal glaubt, die Fäden uneingeschränkt in Händen zu halten. Abends am Rheinufer sitzen und die Gedanken schweifen lassen –––

»Qui s’est abaissé devant une fourmi, n’a plus à s’abaisser devant un lion / Wer sich vor einer Ameise verneigt hat, der braucht sich vor einem Löwen nicht mehr zu verneigen.« (Henri Michaux) Sonderlich mag anmuten, daß die meisten Heutigen, was die Verhaltensregeln der Stoa anbelangt (wie sie auch in die Briefliteratur des Neuen Testaments eingeflossen), als unwissend zu gelten haben. Hölderlin hat, prophetisch zweifelsohne, die kommenden Geschlechter unter das Zeichen des Frechen gestellt; wobei ›frech‹ meint, ohne jede Spur von Scheu und ohne jedes Einfühlungsvermögen dafür , daß Gott, des Maßes allzeit kundig, die Wohnungen anrühre der Menschen, vor sich hinzuleben. Besagtes Vor-sich-Hinleben ohne jeden Bezug zu einem Höheren entspricht einem ständigen Herumgehen im Kreis (wie die Beckett’schen Figuren dies tun). Das Gefühl für Höflichkeit, für wertschätzend anerkennendes und neidfreies Sich-Neigen vor dem Nächsten, für das Stille und Feinsinnige und Lärmverachtende und Alles-Gehabe-von- sich-Weisende ––– wer, der nicht in seinem Inneren nach Christus gräbt, sollte all dies finden? »Grabe in deinem Inneren. In dir ist die Quelle des Guten, und sie kann immer wieder sprudeln, wenn du gräbst.« (Marc Aurel) Die Quelle des Guten ist der Christus in Dir! »…auf meine alten Bäume / Unmengen von Schnee zur Unzeit fielen und Postpakete grüner Einsamkeit. / Ach, wie leer ein Wochentag ohne deine Stimme, Herr. « (aus: Warten unter alten Bäumen)

Fünf Uhr frühs sind alle Fenster der Häuser des Hinterhofs noch dunkel. Da!, gegenüber, flammt unvermittelt kaltes Küchenlicht auf. Man sieht jemanden am Herd hantieren, hin- und hergehen – als ob ein unbekannter Mensch Minuten lang die Bühne betreten hätte. Unwillkürlich möchte man mit Pindars VIII. Pythischer Ode nachdenklich fragen: »Was ist einer, was ist er nicht?«(VIII, 95) Ein paar Schritte tun, in der Küche tätig sein, auf der Bühne also stehn im kalten Licht, die Bühne verlassen; das Licht erlöschte. Daß wir »Eintagswesen« (epámeroi / VIII,95) nur wären und Saul Bellow recht geben müßten: »Wir sind alle nur zufällig. Wir machen weder Geschichte noch Kultur. Wir haben keinen Einfluß, sondern tauchen einfach auf.« Können wir unser Leben lediglich von einem Auschnitt der Zeit her verstehen (daß wir augenblicklang aufleuchten und alsbald wieder verlöschen würden), oder bräuchte es, Pindar zufolge, einen Deuter für das Ganze (vgl. Olympische Ode II, 85f.), bedürfte es einer umfassenden, also religiösen Schau? Pindar begreift menschliches Hiersein in der Tat im Sinne einer solchen umfassenden Deutung; er infolgedessen, nachdem er erwogen, ob wir »eines Schattens Traum«(VIII,95) nur seien, gleichwohl ergreifend schön den Gedanken fortführend, singen kann: »Aber wenn gottgeschenkter Glanz (aigla) kommt, /ruht helles Licht und freundliches Dasein auf den Menschen.« (Pythische Ode VIII, 96f.) Es braucht den Glauben an die langsamen und weithin klingenden, allumarmenden Rhythmen des Seins! Die Aussage des Kolosserbriefes, in Christus wohne die FÜLLE (pleroma / Kol. 1, 19), meint genau dieses. Christus ist der Herr kosmischer Gezeiten, der Anfang und das Ende (Offb. 1,8). Christus ist das Einatmen und Ausatmen des Seins. Auf dem Fragment einer Existenz liegen Finsternisse (vgl. Joh. 1,5), stehen wir tatsächlich einen Moment lang im kaltem Licht der Küche ––– wir sind gleichermaßen Teil des Pleromas, erfahren helles Licht und freundliches Dasein. »Die Distel schleppt sich an die Tränke. / ––– Du wirst, Kastanie, ein unzerstörbar hoher Turm /gewesen sein und bleiben.«(aus: IM FRÜHESTEN MORGEN WÄCHST BROT)

Niemand suche nach Stille. nirgendwo fände man sie. Sie ereignete sich allenthalben in Kammern des Nachsinnens; geschieht eher am Rand der Zugstrecke Stuttgart-Paris oder neben einer Müllverbrennungsanlage als im abgelegensten Tal der italienischen Alpen. Stille west an im hinwandernden Schritt, im Gesang eines (ich sage ausdrücklich:) ›alten‹ Chorals, im Aufblättern eines Bandes der Frankfurter Hölderlinausgabe. Über den Fluß des Unterbewußtseins treibt in jedem Menschenwesen die Erinnerung an den großen Krieg des XX.Jahrhunderts (ob wir diesen erlebt oder als Spätergeborene auch nicht). In uns allen weben Lärm und Stille von Hiroshima, das Klirren seelischer Scherben in den Kerkern für politisch-religiös Gefangene. Ob wir auch knien in einer Krypta – dies Lärmen hat uns ergriffen, wird sich nicht verflüchtigen in einer Ferne ––– Ein visionär begabtes Kind spaziert über einen Marktplatz; überall die Stände stehen, Lieferautos kommen und gehn (das Kind sieht über allem den Himmel zusammengestürzter Türme) – nicht auszuschließen, daß ihm zwischen den Marktständen ein melancholisch gestimmter Winzer entgegen käme, der soeben einen nächtelang niedergeschriebenen Glaubensbrief in den Postkasten geworfen; dem es nun nach endlosem Wandern zumute. Im Rucksack fände sich, neben Rebschere und Sichel und Notizbuch, Johann Heinrich Jung-Stillings Roman »Das Heimweh«. Mitten unter uns leben Seher und Propheten, Meister des hohen Gesangs. Wir erkennen sie nicht, unachtsam gehen wir an ihnen vorüber.

Die bewegende Frage, ob ich als Pfarrer irgendwelchen Einzelnen etwas habe mitgegeben können für den weiteren Weg? Ob für andere ein Partikelchen bliebe von Zuspruch und Heiterkeit und Gewißheit? Dazu das schöne Gedicht des Dänen Søren Ulrik Thomsen: »Im Hotelzimmer über dem lila Nachtklub / in der abschüssigen Straße / hinter dem Bahnhof von Saragossa / wo ich sitze und wühle / in meinem chaotischen Koffer / entsinne ich mich plötzlich eines jungen Vikars / dessen Gesicht hinter der dunklen Brille / sein Licht aus einer künftigen Zeit bezog / die jetzt gut und gern vorüber sein mag. / Wie sie vorüberging / und wo auf der Welt du auch sein magst / so es dich immer noch gibt: / Grüße von einem / der sich etwas Licht lieh für die künftige Zeit / von deinem Gesicht vor vierzig Jahren.« (Søren Ulrik Thomsen, Rystet spejl / Zitterspiegel; Digte / Gedichte, Münster 2017)