Was mich mitunter aus dem Gleichgewicht bringt, ist die Art und Weise, wie die Menschen öffentlich auftreten, mit welcher Selbstsicherheit und Gewißheit sie ihre Überzeugungen ausbreiten. Niemand, der andeuten würde, daß er zweifle (über Zweifel darf man lautstark nur in Hinsicht auf den Glauben sprechen), daß er ums Zukünftige nicht wisse. Kein Hauch von Scheu; keine Spur des Zögerlichen. Mario Vargas Llosa schreibt über Juan Carlos Onetti (einen der großen Schriftsteller meines nach Lektüre hungrigen Hierseins auf Erden), der sei ein schüchterner Mensch gewesen, der in seinem Auftreten unsicher gewirkt, als zurückgezogen Schreibender jedoch, bestimmt, klug, bestimmend, die Feder geführt habe. Mein Eindruck: daß es sich heute gerade umgekehrt verhält; daß schüchtern und scheu die Buchstaben aneinandergereiht werden (ohne die Macht des homerischen Gesangs, des homerischen Gelächters); daß Künstler, Autoren, Politiker, Industriekapitäne umso entschlossener, selbstbewußter, breit lachend und ihrer Sache gewiß vor andere hinzutreten gesonnen sind. Hier stehe ich und weiß, daß ich alles (pausbäckig mein Hintreten vor Lauschende), alles, alles verstehe. So und nicht anders. Nikodemus kommt nachts zu Jesus (Joh. 3). Rabbinisch Gelehrte sitzen nachts über Schriften, tauschen, tastend, fragend, nachts sich aus; schreien keine Antworten in die Welt, haben keinen Grund gefunden, in welchem der Anker haften würde, kommen leise und verstohlen, gar sehr mild und verschattet und melancholisch lächelnd, vor Tagesanbruch noch, die Außentreppen herabgestiegen abseits gelegener Häuser. Ein Wissen um die Relativität aller Erkenntnisse läßt sie gebeugt gehen, schüchtern und bescheiden Entgegenkommenden ausweichen. Stark ist die innere Gewißheit, ungeheuer stark und mächtig jedoch, daß die eigentliche (von Gott verliehene) Souveränität des geistigen Menschen einzig im hin- und herwendenden, Gedanken immer wieder umschichtenden Studium der Bücher (der Schriftrollen) bestehe. Am 2. Februar 1993 schreibt Erwin Strittmatter in sein Tagebuch: »Gestern las ich in SINN UND FORM Auszüge aus seinem (Ernst Jüngers) Tagebuch von 1992. Er schreibt dort seine Gedanken über die Jetztzeit nieder. Sie gleichen den meinen. Ich fühle mich angezogen. Er schreibt aber auch über seine Denkweise. Sie ist kosmisch wie die meine…Meine Ansichten über ihn, wahrscheinlich auch über seine Bücher…haben sich stark verändert, nachdem ich ihn nicht mehr aus einem ideologischen Blickwinkel sehe. Eva (Strittmatters Gattin) meint, nachdem wir den angeborenen plebejischen Blickwinkel hinter uns gelassen haben.« Beeindruckend, wie Strittmatter einen Autor wertzuschätzen lernt, dessen Schrifttum er früher als zu rechtslastig abgelehnt. Er widersteht der Sturheit, welche nur gelten läßt, was einen selbst bestätigt. Strittmatter kann in dieser Hinsicht als Beispiel gelten für einen melancholisch lächelnden, rabbinischen Geist, der, betretend einen neuen Tag, dessen Sonnenalphabet grüßt, sich verneigt und es scheu annimmt. Die verheerenden Feuer Australiens. Die nuklearen Zündhölzer (les allumettes nucléaires) liegen griffbereit auf dem Fenstersims. Frage dich stets, ob du in einer Ideologie gefangen bist. Frage dich, ob dein Glaube, deine Religion, Gedankenmustern gehorcht, die Dritte dir in die Seele geschwatzt. Ich habe stets nach einer archaischen (denkbar ursprünglichsten) Religiosität gesucht – einer Ausrichtung, die, einer Rückschau gehorchend, tiefst vergrabene Schichten suchend, den Blick ins Zukünftige wendet. Ein avantgardistischer Glaube, der aus den Ursprüngen lebt. Es waren keine Universitäten, keine Verlagsanstalten, keine Priester, keine Schriftsetzer, die mich irgendwohin geführt. Ich bin seit meinem vierzehnten Lebensjahr an der Hand der Dichter gegangen. Es waren die Dichter, die mich zu Christus gebracht. Es waren die Dichter. »Ein müder Landregen legt aufs Nachtlager sich. | Er zündet vor dem Einschlafen eine letzte Zigarette an. | Schönheit eines einzigen Tages, den man nicht beschreiben, | auf keine Waage stellen kann; || Tag, an welchem sich nichts zugetragen, | der über kein Rathaus, kein Ministerium verfügt; | Tag, an welchem, am erleuchteten Fenster der Küche, | eine kriegsversehrte Fliege vorüberlügt. || Kein Bettler, keine Nachtbar, kein großes Künstlertum – | Tag wie ein Schluck vom schwarzirischen Bier, | ein auf dem Bahnsteig zurückgelassenes Gepäckstück | Ich pflück‘ ein Blatt aus dem Salbeistrauchrevier. « (Landregen) Ich habe der Dichtung vertraut.

Der winterliche Wald befleißigt sich der Hochsprache. Sein reines Deutsch, Französisch, Niederländisch. Wiewohl der deutlichen Aussprache einer jeden Silbe verpflichtet, gleicht die Artikulation als ganze fließendem Eilen milden Winds. Drei Pappeln stehn, vom Waldrand nicht allzuweit entfernt, wie Hölderlin’sche Götter (das Kleeblatt: Herakles, Dionysos, Christus) erhaben am Rand des asphaltierten Wegs, welcher stotternden Traktoren, dem heimkehrenden Tier, dem verschwiegenen Spaziergänger gehört. Abgedroschen wie auch immer, logisch ableitbar von nichts, überflüssig erscheinend dem analytischen Geist, weil schwärmerisch, antik und seicht, verbraucht sogar, streift leibniz’sches Fragen des Rinnsals an Stämmen vorüber der Pappeln: warum überhaupt etwas sei und nicht vielmehr nichts – Frage, die auch die Stadt aufwirft in der Ferne mit ihren Glockentürmen, ihren Uferstegen, ihrem frisch gekelterten Wein. »Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist.« (Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus 6.44). Das Mystische wäre ein vergessener, nicht gepflückter Apfel im winterlichen Baum; die letzte, lästige, nicht zu vertreibende Frage am Ende eines jeden Fragens. »Wir fühlen, daß selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.« (ebd. 6.52) Wittgensteins 1921 (dem Geburtsjahr meiner Eltern) veröffentlichtes Traktat mündet, ermüdet gewissermaßen von der Jagd nach naturwissenschaftlich Beweisbarem, im oft zitierten (aus dem Zusammenhang noch öfter gerissenen) Satz: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.« ––– beziehungsweise, bin ich stattdessen zu sagen geneigt: müßte man singen (»Viel hat von Morgen an, | Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, | Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.« Hölderlin, Friedensfeier v 91ff.) Am Ende des Denkens hebt an die Stunde der Liturgie (vielleicht aber ist Schweigen als solches das schönste Umkreisen des Altars). Bei den Pappeln parkt ein großes Auto. Der Fahrer und seine Gäste treffen keine Anstalten auszusteigen. Durch ein geöffnetes Fenster hört man sehr laute Musik (man ist wohl kaum gehalten, auszuführen, von welcher Art die ist), vernehme ich Gelächter, Durcheinanderrufen in zwei drei Sprachen. Das schwarze Auto will Kirchturm sein und Altar des unbekannten Gottes (vgl. Apg. 17). Feinsinnig die hohe, reine Sprache der Wälder – das Lärmen dagegen der Gotteskinder. Wunderbarer Montag im unlängst erst geborenen Jahr. Die Erde ist verrückt und alterslos und will nie sterben. Wie einer von Jesu Jüngern ziehe ich meiner Straße, lächle vor mich hin. Auch ich darf Gottes Kind sein. Meine Haut ist (natürlich) nicht tätowiert und doch haben einige Jahrzehnte, in deren Hütte ich gewacht und Melodien ersonnen des Geistes, wunderliche Skizzen darauf gekritzelt. Herrliches Leben. Vor welchen Tempeln werden die Kinder im schwarzen Auto eines Tages in die Knie brechen? »Und während zwischen meinen Händen die Logik im Schlaf versank, gestützt auf eine gebrochene Krücke, wachte die Poesie, tanzte mit der Alchimie der Dinge.« (Adonis)

Ein Gleichnis Kierkegaards. Jemand kauft eine schöne Stadtvilla. Keller, Erdgeschoß, Beletage… Wer nicht an Wunder glaube, so Kierkegaard, hause im Keller ausschließlich, unterirdisch; Erdgeschoß und Beletage blieben ungenutzt. Das Stuttgarter Pfarrhaus am Feuersee war eine solche zentral, innerstädtisch gelegene Villa. Die Beletage dort, in welcher ich wohnen durfte! Eleganz und Weite einer untergegangenen (spätestens im Zweiten Weltkrieg zerbombten) Epoche. Ich habe die Kierkegaard’sche Metapher damals gelebt: Das Wohnen im Christusglauben ein melancholisches Sitzen und Liegen und Am-Fenster-Stehn, jeder Schritt und jede Geste das Niederschreiben von Versen, in jedem Blick Splitter der schönen Johannes-Kirchen-Gottesdienste. Draußen, in 100 Meter Entfernung, das unaufhörliche Strömen modernen Straßenverkehrs (»… freigelassen der Nachtgeist | Der himmelstürmende, der hat unser Land | Beschwätzet, mit Sprachen viel, unbändigen, und |Den Schutt gewälzet | Bis diese Stunde.« Hölderlin, Das Nächste Beste) – das Existieren im Christusglauben ein Verwurzeltsein in geistadligen Rilkeräumen, Schloß-Duino-Räumen einer unbesiegbaren Stille. Im Keller nur zu Hause zu sein entspräche ungefähr einem gestern angedachten Wohnen in den Vorstädten. Pasolini hat viel geschrieben über ein Zuhausesein dort. Wohnkasernen, Motorroller, das Fußballspielen auf brachliegenden Feldern. Jugendarbeitslosigkeit. Gewalt. »… Eine Frau steht nachts |am Fenster; spricht mit sich selbst. || Lange Zeit war Gott für sie wie Wandschmuck nur | gewesen. In der Frühe die Märkte werden beliefert. | Auf Obstwiesen mit hochstämmigen Bäumen | fällt ihr Blick. Ein Nachmittag am einfach gedeckten | Tisch. Sie hat diese Musik der Studios gewählt | und nicht die der Straße.«

In einem Tagebucheintrag vom 14. Juli 2008 weist die polnische Dichterin Julia Hartwig hin auf den polnischen Dichter Czesław Miłosz, der mehrfach unterstrichen habe, es sei nicht die Aufgabe der Dichtkunst, die Menschen traurig zu machen. Der polnische Dichter Zbigniew Herbert schreibt gegen Ende der Fünfzigerjahre: »Man muß kein großer Kenner der Literatur sein, um einen ihrer wesentlichen Charakterzüge zu bemerken – den Ausbruch von Verzweiflung und Unglauben.« Es gilt für alle Dichter, was Julia Hartwig in besagtem Eintrag befindet: » Miłosz sucht die Ordnung, findet sie aber nicht, er sucht die Freude, ist aber oft genug zur Verzweiflung verdammt.« Das rührt daher, so mein Eindruck, daß die Dichtung unserer Zeit in den Vorstädten zu wohnen verdammt ist, jener »Quelle der Melancholie« (Z. Herbert). Abgesperrt die Innenstädte; man hat den Dichtern den Zugang verwehrt. Paradigmatisch ist dies geschehen im Fall des Ossip Mandelstam, dem Stalin, die sowjetische Behörde, tatsächlich untersagt, man mag es kaum glauben, Moskau zu betreten (wie ich im Vortrag »ORTE UND ERINNERUNG – an welchen Orten lebt und stirbt der Mensch« vor mehr als einem Jahrzehnt ausgeführt: »Der russische Dichter Ossip Mandelstam (1891 – 1938) wurde von Stalin, dem roten Diktator, aus Moskau vertrieben. Wer die ergreifende, erschütternde, von Ralph Dutli verfaßte Biographie des modernen Orpheus Mandelstam (»Meine Zeit, mein Tier«) gelesen, weiß, wie leidenschaftlich Mandelstam um ein Aufenthaltsrecht in der Stadt gekämpft, wie er immer wieder zurückgekehrt nach Moskau und schlußendlich doch aus der Stadt verwiesen, in einem sowjetischen Straflager zugrunde gerichtet, ermordet wurde.«) Die Vorstadt ist zum Ort geworden der Dichtkunst: »Vorstadthäuser mit Ringen unter den Fenstern | leise hüstelnde Häuser |…Häuser schütteren Haars | mit krankem Teint ||…Vorstadthäuser mit eingefallenen Schläfen | Brotrinde kauende Häuser | kalt wie der Traum des Gelähmten | … Häuser die nie im Theater gewesen waren…« (Z. Herbert) Überhaupt, so will mir scheinen, sei die Vorstadt im Mandelstam/Herbert’schen Sinne, Ort geworden unseres Lebens (gleich ob unser Leib im Zentrum einer alten Stadt seine Zeit zubringt); die Vorstadt ist der geistige Ort dieser Epoche in jeglicher (philosophischer, naturwissenschaftlicher, theologischer, soziologischer, künstlerischer, dichterischer, musikalischer, ökonomischer, politischer) Hinsicht. Dort, in der Erde der Vorstädte, graben wir nach Freude und Ordnung (platonischem Gesetz) und finden nichts, was an Hölderlins Diktum erinnern würde: »Das ist ewige Heiterkeit, ist Gottesfreude, daß man alles Einzelne in die Stelle des Ganzen sezt, wohin es gehört…Denn der hat viel gewonnen, der das Leben verstehen kann ohne zu trauern.« Dörfer, Wälder und Lichtungen, Venedig, die Alpen – alle sind zur Vorstadt geworden, wo wir einkaufen, den Körper stählen, krank werden und sterben, Atemübungen uns hingeben, im Marathon des Bilderanschauens uns verlieren, geboren werden und heiraten, vor Postämtern in der Schlange anstehn. »Gärten frieren verlassen im Wind. | Viele Dichter sind gestorben. | Eine Gambe faltet Schwalben aus Papier, | welches Druckerpressen mied. | Eine Gambe zeigt die alte Klage, | die Schale mit den Früchten. | Du spürst der Hitze nach, die brütet | überm Landhaus einer Kindheit, | über Kleiderkammern, Urnen.« (aus: »Wohin der weiße Regen fiel«)

Nach einem der Unwetter kam eine alte Prophetin in die Stadt; sie bettelte um eine Handvoll Licht und Astern. Verschämt mußten die Bewohner der Stadt sich eingestehen, daß sie viel zu arm geworden, geistig verarmt und ausgeliefert waren einer Welt der Ziffern und der Kriege, als daß sie auch nur einen einzigen Seufzer (einen Splitter von Atem) der Bettlerin hätten reichen können. Die Schalen ihrer Seelen waren grausam leer. Sie würden nackt und bloß, wilden Regenstürzen ausgesetzt, dem Totengräber der Zeit sich unterwerfen müssen. Und wie einsam plötzlich der Regen in die Gassen fiel. Sie sahen, die Städter, eine Taube, wie die, suchend ihren Mond, wegflog aus dem Tag.

Bei milden Temperaturen sieht man im Januar bereits Ruderer wieder auf dem See. Ah, dieses in sich selbst versunkene Ziehen und Reißen der Riemen – ein Kampf, der mich denken läßt an die Dichtung »Je rame / Ich rudere« des Henri Michaux (Henri Michaux, Dichtungen, Schriften II, Frankfurt /M. 1971, S.217ff.) – dort das Rudern begriffen wird als Lebenskampf. Es ist das Ringen (das Anrudern) des betrachtenden, dichterisch abseits stehenden, reflektierenden Ichs gegen das äußere Erscheinungsbild dder Person, das für andere wahrnehmbare Ich: »…J’ai maudit les rues que ta marche enfile |…Les animaux s’arrêtent sur ton passage | Les chiens, la nuit, hurlent, la tête levée vers ta maison | Tu ne peux pas fuir |…Le monde s’éloigne de toi || Je rame | Je rame | Je rame contre ta vie | Je rame | Je rame | Je rame | Sur un bandeau noir tes actions s’inscrivent …|| JE RAME || Ich habe verflucht die Straßen die dein Schritt einschlägt | … Die Tiere bleiben stehen wo du vorbeikommst | Die Hunde heulen des Nachts empor zu deinem Haus | Du kannst nicht entfliehen | …Die Welt entfernt sich von dir || Ich rudere | Ich rudere | Ich rudere gegen dein Leben | Ich rudere | Ich rudere | Ich rudere | Auf ein schwarzes Band sind deine Taten geschrieben …|| ICH RUDERE« Der Kampf des Dichters gegen sich selbst, das Rudern, kämpft gegen inneres Zerrissensein. Das Vornehme, Elegante der poetischen Schau steht auf gegen das müde, in Alltäglichkeiten sich verlierende Ich (»Ta fatigue fait uns souche de plomb en ton corps | Ta fatigue est une longue caravane | …Ta fatigue est inexprimable || Deine Müdigkeit legt eine Bleischicht in deinen Leib | Deine Müdigkeit ist eine lange Karawane | …Deine Müdigkeit ist nicht zu beschreiben.«) Die von Henri Michaux dichterisch umkreiste Gespaltenheit, die zu unterscheidenden Ebenen des Ichs zeichnen verantwortlich dafür, daß wir uns oft einsam fühlen inmitten einer großen Zahl von Freunden und Bekannten, daß wir auf den Bahnsteigen stehen und in die Ferne schauen und wissen, daß keine Züge mehr für uns anhalten werden. Wir haben keine andere Wahl; wir sind gehalten, zu rudern, zu rudern, zu rudern. »Dans la maison de la souffrance tu entres | In das Haus des Leidens trittst du ein.« Ob ein Kommendes uns zu versöhnen bereit sein wird? »Sur le grand œil blanc d’un cheval borgne roule ton avenir || Auf dem großen weißen Auge eines einäugigen Pferdes rollt deine Zukunft«

Nach Mitternacht fällt der Nebel mit seiner Gefolgschaft ein in die Gassen, Straßen, Hinterhöfe der Stadt. Die Horde, dabei der Nebel in keiner Sänfte getragen wird; er ist zweifelsfrei Monarch, sitzt auf dem Rücken eines weißen Pferds (vgl. Offb. 6,2), muß keinen Koffer schleifen, keinen schweren Rucksack auf dem Rücken tragen, keinen Wagen ziehen, er ist der Souverän – die Horde wirft Gepäck und Waffen vor Häuser und Tore und singt ihre Lieder, berichtet von den Städten alle, in welchen sie in den vergangnen Jahren nachts in aller Regel ihr Lager immer wieder aufgeschlagen, singt von Oxford, Edinburgh, Turin. Der Nebel und seine Soldateska erinnert mich in dieser Stunde, einsamer Spaziergänger, der ich bin, an ein geschlagenes Heer der Weinenden, Entbehrenden. Freudlos klingt vor leeren Rängen der Gesang. Wo kommst du her, wo gehest du hin? fragt der Nebelkönig mich. Tragisches Denken nimmt seinen Ausgang von der Erkenntnis, daß es im Kontext des Irdischen keine Siege zu feiern gibt. Kriege können nur verloren werden. Und in allem Irdischen fände man Bakterien des Krieges. Die großen Einzelnen der griechischen Tragödie mußten dies erfahren. Als Gescheiterte wurden sie zu Erkennenden, zu Wissenden. Hölderlins Dichtung »In lieblicher Bläue« sagt: »Der König Oedipus hat ein Auge zuviel vielleicht« – Oedipus, der in die Irre Geführte, zunächst Gefeierte, Mächtige, dann der Gestürzte, der Bettler, muß sehen, was die allermeisten nicht zu sehen gerufen sind: eben daß pólemos, der Krieg, Vater sei und basileús (König) aller Dinge (Heraklit, Fragment nr. 53), daß die Bakterien des Kriegerischen hineingemischt in alles. Darum kann EINER nur den Frieden bringen (»Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt« Joh 14, 27). Jesu exousía, Macht (Mt. 28, 18) gründet nicht auf einem ›Besser-oder-wahrer-Sein-als andere‹, vielmehr auf der tragischen Konstellation, daß nur ER, der Christus, der Gottbarmherzige ans Sterbelager zu treten, über den kriegs- und aggressionsverseuchten Kreis hinauszutreten vermag. Dies zu erläutern, kommt der französichsprachige Dichter Philippe Jaccottet auf das Sterben Rilkers zu sprechen. Rilke habe ein Leben lang an seinen Engeln gehangen, die ihm Hiersein als ein Wunderbares, Erotisches gereicht, die Äther ihm waren, Allverbindendes, Traurigkeit Überhöhendes und Allversöhnendes, die aber ausdrücklich keine biblischen Engel gewesen seien und die ihm, so Jaccottet, im Sterben nicht hätten beistehen können. Allein Christus könne Beistand sein über den Lebenskries hinaus: »Und es mag sein, daß der verrückte, undenkbare Gedanke (und die Kirche heute scheint nichts so sehr zu fürchten wie dies Undenkbare, um Gott erträglicheren Maßen zu unterwerfen), daß der undenkbare Gedanke eines in einem sterblichen Menschen fleischgewordenen Gottes der einzige ist, der, als unumstößliche Wahrheit gelebt, in der Tat den undenkbaren Tod vernichtet; und gewiß ist das Osterlicht, wenn es nicht nur das Wiedererwachen der »Natur« verkündet, sondern die Auferstehung von den Toten, für den, der wirklich davon umflossen ist, der höchste Beistand, bis in das äußerste Unglück.« (Philippe Jaccottet, Landschaft mit abwesenden Figuren, Stuttgart 1992, S. 130) Ich empfinde mein Marketendersein. Ich ziehe, Händler, Robert Walser’scher Gehülfe, entwurzelter Landmann, im Kunterbunt des Trosses hinter dem Nebelkönig her, bin Teil seiner ›säkularen‹ Gefolgschaft (ohne in Kriegshandlungen verwickelt und doch dabei zu sein). Wir treiben etwa von Cambridge nach Ludwigsburg, von dort nach Newcastle und wieder nach Freiburg. Sind wir alle Sandkörner eines Flußbetts, daß wir irgendwo hingeschwemmt würden? Wären wir Partikel eines großen Nebels, der nachts durch Städte zieht und das Lager regelmäßig teilt mit den Landschaften eines hölderlin’schen Isters ­– daß wir, wie die Nebel, im unermeßlichen Kosmos der Städte wohnten, der Steppen, Wüsten, Wälder – ohne irgendwo zu Hause zu sein, um doch nach Hause zu gehen? »Die Leiden scheinen so, die Oedipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.« (Hölderlin, In lieblicher Bläue)