Am 27. Juni 1998 schreibt der griechische Dichter Dimitri T. Analis im Flugzeug nach Athen einen Brief an seinen syrischen Dichterfreund Adonis. Darin findet sich ein Satz, der mich seit langer Zeit begleitet, der seit 17 Jahren immer wieder aus der Erinnerung auftaucht: »Sich von Gott abzuwenden ist unser Wein gewesen, und wir sind davon immer noch betrunken.«

Ein Freund pflegt unter eine mail, anstatt seines grüßenden Namens, immerzu die Zahl »1« zu setzen (etwa: »Herzlich grüßt / 1«). Ich vermute, er will dadurch seine spinozistische Grundhaltung einer angenommenen Alleinheit (hen kai pan), diese auf ausschließliche Immanenz gegründete Heiligung des umfassend, sichtbar oder verschwommen Erscheinenden, zum Ausdruck bringen. Welche Zahl würdest Du anstelle Deines Namens unter eine Nachricht, eine Botschaft schreiben?

Zum Eintrag vor zwei Tagen, die Angst betreffend, hier ein Gedicht der Kärtner Dichterin Christine Lavant: »Die Angst ist in mir aufgestanden. / Wie eine Frau, der etwas Furchtbares einfiel / und die dann – wenn sie zwei Stuben hat – / von der einen in die andere geht, / so geht die Angst jetzt hin und her. / Oft rede ich sie an, / singe und bete für sie, / oder lese ihr stundenlang vor / aus sehr klugen, sehr heiligen Büchern. / Aber sie macht sich aus allem nichts. / Nur noch schwerer wird sie davon, / bis jede Stelle, darauf sie tritt, / anfängt zu zittern. / Und so zittert schon alles in mir, / Knie, Hände und Lippen / und am meisten wohl die Lider meiner Augen. / Doch sie findet nicht Ruhe dabei / und durch die Tür meines Verstandes / bricht sie ein in die arme Seele. / Auch dort ist alles schon schwankend. / Bilder des Himmels und der Hölle / fallen übereinander her und über die Ängstin. / O diese Arme! / Niemehr wird sie zum Schlafen kommen, / niemehr wird sie mich schlafen lassen, / denn jemand hat ihr ein Wort gesagt, / das wie ein Schwert / am Faden einer einzigen Hoffnung / über uns hängt.« Eine Angst also, von welcher Jesus, Hamann und Kierkegaard sprechen, die uns zu Fremden und Einsamen macht, zu Außenseitern aus gläubiger Bestimmung; eine Angst, die wahrgenommen, im Unterschied zur Furcht, letztlich aber nicht näher greifbar, bestimmbar bleibt ––– ungeachtet aller Erschütterung, die sie uns zufügt, gleichwohl Einbruch bedeutet des Heiligen in unsere Existenz, die uns als ungeborenes Licht, an der Hand nimmt und zu Gott führt, die Augen uns öffnet, den Emmaus-Christus zu schauen.

Niemand, der, aus der Kammer tretend, das innere (ungeborene) Licht vergleichbar eloquent, dem Dorfschreiber verwandt, zu besingen wüßte, als dieser morgendliche Regen, dieser langhin wandernde graue Bote, unser Alpenüberquerer. An Vogelstimmen erinnert tatsächlich die atmende Fülle der Tropfen; und in jedem einzelnen Tropfen die Botschaft, daß wir leben, daß wir die Tage gestalten dürfen als Empfangende, als durch und durch passive Heckenschützen (in jedem Einzelnen eine zerstörerische Macht vorhanden wäre, wir indes ans Baumeisterliche, an die Schönheit poetischer Betrachtung, uns verschenken); daß aus dem ungeborenen Licht heraus wir das Leben zu meistern vermögen. Wodurch unterscheidet der alte Mensch sich vom neuen – fragen wir an der paulinischen Begriffsspur entlang. Es ist die innere Ausrichtung eine andere geworden. Ich erwarte alles vom Christus, dessen allsegnende Mächtigkeit als ungeborenes Licht in mir anwest. Von der Welt erwarte ich nichts. Endlich weiß ich mich einer tänzerischen Heiterkeit überantwortet. Von der erdbindenden Schwerkraft entbunden gehöre ich einem Vogelflug – naturgemäß der Sprache einer Urne nicht entflohen, vermag ich doch andere Weisen des Hierseins ins Augen zu fassen. »Ubi est mors victoria tua? ubi est mors stimulus tuus // Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?« (1. Kor. 15. 55) In altbekannter Weise mag ich zu rufen: »Regen, du mein weißer Wein, mein alpenwanderndes Kind.« Ich erkenne im Regen den messianischen Boten. Bedenkend stets, daß »das Messianische nicht das chronologische Ende der Zeit (bedeutet), sondern die Gegenwart als Forderung nach Vollendung«(Giorgio Agamben), wandere ich durch die Städte dieser Zeit (und morgen wieder durch Turin), trinke schwarzen Tee in Dörfern, verliere mich in der Weite einer Steppe, bin heute Wüstensand, bin morgen Rauch, der aufsteigt und nicht mehr weiter weiß (Jak. 4, 14). »Was wir Geschichte heißen, gibt es nicht. / Im Notenheft steht nur die kleine Melodie der Angst, / die Tonspur einer Folterkammer und des Hohns. // Herr, die Hyazinthe wirf mir zu, daß ich auf die Tanzfläche mich wage« (aus: »Straße deiner Gebete«).

The german ANGST ––– wir werden verhöhnt (von Landsleuten recht besehen zumeist, die herabschauen auf uns Mühselige und Beladene); vorgehalten wird uns, wir, sagen wir, ansatzweise verallgemeinernd, die Intellektuellen, trügen so sehr viel dazu bei, daß eine depressive Grundstimmung vorherrsche in deutschen Seelen, auf deutschen Straßen. Dabei wird die Kierkegaard’sche Unterscheidung zwischen Furcht und Angst unterschlagen (jedenfalls außer Acht gelassen). Sie wäre nämlich gehalten, die Internationale der Frohgemuten, von einer german FURCHT zu sprechen – ANGST steht für ein gänzlich anderes Phänomen: für jene seelische Unruhe nämlich in uns, welche über die Betonumgrenzungen, die den Alltag umschließenden, den Zeitgeist einkreisenden Gatter und Zäune, hinausempfindet. Es ist die Angst, wie sie sich im Johannesevangelium angedeutet findet: »In der Welt habt ihr Angst,« sagt der Herr, »aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Joh. 16, 33) Dazu Johann Georg Hamann, Denker, Sänger, leidenschaftlichster aller Christuszeugen: »Diese Angst in der Welt ist aber der einzige Beweis unserer Heterogenität. Denn fehlte uns nichts, so würden wir es nicht besser machen als die Heiden und Transzendental-Philosophen, die von Gott nichts wissen und in die liebe Natur sich wie die Narren vergaffen; kein Heimweh würde uns anwandeln. Diese impertinente Unruhe, diese heilige Hypochondrie ist vielleicht das Feuer, womit wir Opfertiere gesalzen und vor der Fäulnis des laufenden saeculi bewahrt werden müssen.«

»Sehen heißt die Augen schließen.« Wols erinnert an ein ganz anderes, aus der Ruhe heraus gestaltetes, gar nicht gewaltsames Betrachten der Welt. Über sich selbst schreibt Wols: » und niemals hat er seinen Papierchen durch falsche Plastik Gewalt angetan.« In Bezug auf sehr viele Zeitgenossen kann man ausführen, daß die Art und Weise, wie sie auf die Welt schauen, bereits von heftigen Gewaltausbrüchen unterkellert ist. Ich habe die Welt stets geschlossenen Auges betrachtet; will sagen: Ich war zumeist der handlungsarme (harmlose) Landpfarrer, der auch die Städte als Gärten angeschaut, der stets durch Wiesen gegangen, das Barmherzige und versöhnlich Gestimmte gesehen, den Schleier auf den Dingen: »Aus Truhen der Erde nahmen sie den Weinstock / schöpften Licht und Feige. Und haben den Gang / durch Wiesen seit jeher geliebt. Und Rinden der Bäume / haben sie an ihre Ahnen denken lassen. / Unvorstellbar so ein Hineilen und Hetzen. / Sie haben einem Verweilen gehuldigt allezeit, / einem Ausharren, dem gemächlichen Schritt, / dem Streunen vergleichbar durch Märkte. / Alle sind sie hier, um Tübingen her, durch die Gärten / gegangen, alle, die übern Ursprung nachgesonnen / über ein Verwurzeltsein der Dinge insgesamt / im dunklen Atem Gottes, welcher eins gewesen / mit den Schwalben, mit den Frühaufstehern.« (aus: Erinnerungen an die Obstwiesen Schwabens)

Gestern Aprilwetter tanzte in den Straßen, gab die wildesten Figuren, verharrte indes im Schweigen eines Vormittags, hob weder zu drohen, noch zu mahnen an. Der Tanz des Aprilwetters. Der Tanz des Aprilwetters. Menschen meines Alters neigen gerne dazu, ein augenblicklich bedrohlich Aufscheinendes zu verallgemeinern, als Vorzeichen eines ohnehin anstehenden Untergangs zu nehmen. Sie legen dabei einen geradezu selbstzufriedenen Pessimismus an den Tag. Der französische Schriftsteller Michel Tournier (1924 – 2016) beabsichtigte diesem im Grunde trägen Denken einen, wie er es treffend benannte, »unruhigen Optimismus« entgegenzusetzen. Die Krise: kein Ausnahmezustand, vielmehr das Selbstverständlichste der Welt. Es kann kein Hiersein außerhalb der Krise gedacht werden. Irrtümliches steht gleichermaßen unabwendbar in der Welt wie das Wachstum junger, wegsäumender Platanen. Der forschende Geist wie das dichterische Sinnen – beiden eignet ein In-Kauf-Nehmen des Scheiterns. Das ubiquitär Krisenhafte darf gedeutet werden als ausgefranster Saum eines jeden Augenblicks. Das schicksalhafte Weben im politischen Denken und Handeln könnte dahingehend bestimmt werden, daß die Politik als solche sich der Krise gegenüber als feindlich gesonnen erweist. Politik möchte die Krise aus der Welt schaffen. Marc Aurel hat in einzigartiger Weise vorgelebt, wie man inmitten der Strudel und Atompilze als Kaiser ganz ruhig leben und gelassen handeln, geboren werden und sterben kann. Sein Leben war gehaltenes Dämmern der Streichinstrumente – umgeben vom knöchernen Anschlag der Klaviertaste, vom Wachsen des Soprans ins schmerzlich nur noch Wahrnehmbare. Solche melancholisch ausgeprägte Verhaltenheit stand auch hinter Platons Konzept einer Philosophenherrschaft. Nicht daß Platon auf kühnes Wissen, äußerste Intelligenz gesetzt hätte – ihm schwebte ein Versonnenes vor, er sah den, bildlich gedeutet, durch den Kreuzgang der Geschichte nachdenklich, träumerisch, lächelnd wie weinend Schreitenden, der stets handelte im Wissen, daß er scheitern könnte, daß Handeln nie richtig sein, daß Handeln immer nur als Konstrukt, als eine Möglichkeit von vielen gedacht werden kann. Ich wünschte mir Politiker solcher Art, die, wachenden Auges, wie Kätzchen gleichwohl durch Kreuzgänge streunten, einem unablässigen Grübeln, einem nun eben unruhigen (flackernden) Optimismus verschworen und doch intelligent genug, die Maske des Entschiedenen in Würde, gebotener Höflichkeit zu tragen; Menschen, die nicht das verkörpern, was sie zu sein meinen, die eher von den Hinterzimmern, den Dienstboteneingängen, den Katakomben der Seele her sich (um Sigmund Freud die Ehre zu erweisen) beschreiben ließen.