Immer wieder lese ich, in zwei Übersetzungen Felix Philipp Ingolds, das Gedicht Die Treppe der Marina Zwetajewa. Während des frühmorgendlichen Schlafs erschien mir die Zwetajewa im Traum. Ich sah, wie sie zögernd in einem der altehrwürdigen Treppenhäuser stand von Paris – und offensichtlich nicht wußte, ob sie hinauf- oder hinuntersteigen sollte. Ich fragte: »Marina, wie heißt Du wirklich? Dein verborgener Name, lautet er vielleicht ›Wind und Steppe‹? Sie flüsterte: »Sag Tabita zu mir.« Ich rezitierte: »Durchs Treppenhaus – bei heißem Schlaf – / Gehn auf und nieder // Regenbögen …« Marina traf Anstalten nach oben zu steigen; sie wandte sich um und sagte leise: »Ja, ich bin ein Regenbogen.«

Vom Hotelzimmer aus betrachte ich eine vielspurig befahrene Straße. Zuweilen der Eindruck, mein Auftrag, die Tage hier auf Erden betreffend, bestünde darin, die Dinge nur anzuschauen, sie mit einem inneren Blick zu erfassen. Überm Straßenverkehr, der wie Honigseim zäh und zuckrig, erhebt ein prächtiger Morgenhimmel sich mit den Blutergüssen der Kälte. Ich sehe eine Frau über den Gehsteig hasten. So am Fenster des Hotelzimmers stehend und hinunterschauend auf die Straße, meine ich den trockenen Schlag einer Trommel zu vernehmen, als ob ein Todesengel gedankenverloren vor sich hin auf das Fell der Trommel hämmern würde. »Trink aus dem Brunnen des Frosts,« singt es in diesen Augenblicken der Morgenkälte. Ich muß an den hohen Kirschbaum denken, welcher im Garten meiner Kindheit einst gestanden; dieser habe, der ehrwürdige, jahrzehntealte Kirschbaum, hin- und hergeworfen von sommerlichen Stürmen unter einem gewitterdunklen Streifen europäischer Himmel, das Haus wie dessen Bewohner beschützt, habe geschwiegen, wie Sterne schweigen und Erinnerungen an Flüsse des Nordens schweigen. Ich hebe an zu singen: »Kaufe dein Brot, kaufe Obst. Hirse kaufe und laß dich herausführen von Jesu Engeln aus allen Abgründen. Trink aus dem Brunnen des Frosts. Unser Gott ist über die Ebenen Pommerns gegangen, unter der Sonnenglut der Auvergne, unser Gott ist schön, ist, wie eine Glühbirne hell, die Geburtsstunde der Dichtkunst.«

Die Uhr über der Theke des Bistros zeigte in Ziffern die Zahl 15. 39. Seit Stunden wartete ich darauf, daß die Zeiger vorrücken würden. Die Zeit wollte nicht mehr altern. Ich empfand den Nachmittag im Café jener Stadt meiner Kindheit als Stillstand. Wo doch, dachte ich, die Menschen so oft klagen (und auch ich immer wieder ergriffen war von dieser Einsicht), daß uns ein Sommer nur gegönnt und ein Herbst zu reifem Gesange, daß alles so geschwind vorüberstriche ––– an besagtem Nachmittag wollte der Eindruck nicht weichen, daß, wie in Tagen der Kindheit (etwa vor der Bescherung an Heiligabend), die Zeit stehengeblieben (und ganz schwer geworden, bitter und verbraucht). Ach, Zeit, die herumläge als Strandgut oder Abfall. Das Café trägt in den Büchern meiner Erinnerung den Namen Terebinthe. »Welche Überschrift für Jahre, die man in Briefkästen noch würfe? / Über Jahre, welche keiner Zahl gehörten, schriebe ich / An den Titel mich erinnernd eines Bildes von Paul Klee: / »Das Weggehn dieser Schiffe« ––– / / Jahre, die nur Aufbruch waren, Flucht und Fieber.«

Der späte Sartre äußerte sich der Diskussion als solcher gegenüber skeptisch – was erstaunt; war er doch, als geistiger Vater und bekennender Revolutionär, Teil jener Bewegung der Achtundsechziger, die so wesentlich einen neuen Lebensentwurf erstritten. Die Achtundsechzigerbewegung hatte ihre Wurzeln im Surrealismus wie im Existenzialismus; die Bezogenheit auf Marx, die revolutionären Gesten, die endlosen Diskussionen, scheinen eher ein äußerliches Moment zu spiegeln; tatsächlich, so will mir scheinen, brauchte es einen neuen Typus Mensch, welcher der Marktsituation eher entspräche. Die Generationen bis dahin – in ihren Kostümen und Anzügen und Sehnsüchten und Lebensgewohnheiten und Glaubenshaltungen taugten nicht als Konsumenten jener neuen Industrie, die in Sachen Konsum sich so sehr radikalisiert hatte. Hippies, Demonstranten, Kiffer – die trügen die neuen Moden, würden die neuen Autos fahren, in der Welt herumjetten, die abendländische Religion verachten, vor Lautsprechern nackt tanzen und schreien. Dichter wie André du Bouchet oder Philippe Jaccottet hatten sich in Alpenstädtchen und Dörfer der Berge zurückgezogen; die Straßenfeste einer vermeintlich neuen ewigen Jugend konnten sie nicht bewegen, ihrer gewählten Einsamkeit den Rücken zu kehren. Sartre zog mit durch die Straßen. Warum aber seine skeptische Haltung dann der Diskussion gegenüber? Vielleicht, daß er das Durcheinanderreden und Besserwissen, das renaissanceferne Beharren auf starren Formeln der Marx-Rezeption insgeheim verachtete. Sartre ahnte, daß die Bewegung keinen Bestand haben, sich allzubald wieder auflösen würde in einem bürgerlichen Dasein. Man würde die Attituden des Maidemonstranten nach außen hin weiter pflegen; sich aber doch bemühen, was nicht verwerflich ist, sein Haus zu bestellen, ein anti-philosophisches Beamtenleben zu führen. Mir persönlich ist alles um Achtundsechzig fremd geblieben. Mein Weg würde darin bestehen, die Welt zu verzaubern; den Weg jesuanischer Spiritualität und hölderlinesquer Dichtkunst zu beschreiten, Dorfpfarrer zu werden. Anstelle der Diskussion hatte ich mich für die Poesie des Gebets entschieden, wie du Bouchet und Jaccottet für die Einsamkeit in Alpennähe. Ich schritt hinter Särgen her, wurde zum Zeugen der Transzendenz, segnete die Weinenden, die Knieenden. Meine Welt gehörte dem Abendland, dem Spaziergang, der Provinz, der Kantate, dem Sich-Wiegenlassen »Auf schwankem Kahne der See.« (Hölderlin, Mnemosyne). Ich saß in der Bar La Principal in der Carrer de Sepúlveda Barcelonas und gedachte der vielen verstorbenen Dichter.

Tage braucht es, die vollkommen leer; man ist geneigt, sie zu beschimpfen als vergeudete Zeit. Tage, deren Ränder ausgefranst wie andere Schlaflosigkeiten. Tage ohne Eltern, ohne Grenzposten, ohne abendlichtüberglänzte Alpenkette. Tage, die man raucht wie eine letzte Zigarette, aus der man alles Leben herauszusaugen begehrt einmal noch vor der Hinrichtung. Tage des Untätigseins, von denen man weiß, daß sie im Morgengrauen wiederkehren würden einer anderen Stadt, die jede Andeutung von Osten zurückwiese. Es gibt keine vergeudete Zeit. Jede Zeit kann als Vergeudung nur wahrgenommen werden. Vielleicht wird sich gerade die vermeintlich vergeudete Zeit als die denkbar intensivste und gedankenreichste erweisen – weil wir uns keines Gedankens mehr zu erinnern vermögen; weil Vergessen höher zu bewerten wäre als Memorieren und Bewahren und Wissen. Eine verlassene Kirche friert unter kahlem Geäst. Gräser des Rieds, schwankend im Schnee-Münzen streuenden Wind. Tage, an welchen ich Valentin Silvestrovs »The Divine Beauty will save the World« zu hören und zu studieren gesonnen bin. Gehölz und schwarze Ackerflächen. »Sich von Gott abzuwenden ist unser Wein gewesen, und wir sind davon immer noch betrunken.« (Dimitri T. Analis)

Zu den meistgeschätzten Wundern, denen ich je begegnen durfte, zähle ich Vilhelm Hammershøis stille Malerei, die mir wie ein Garten ist, an dem ich mit dem Rad vorüberfahre. Ich kann nicht anhalten, absteigen, den Garten gar betreten. Die Interieurs, die Lesenden, Schauenden, in leises Tätigsein Versunkenen – ich vermag die Werke aus der Ferne nur zu betrachten. Diese Malerei ist zu vornehm, als daß ich ihre Räume betreten dürfte. Hammershøis Schaffen verlangt Distanz. Das betrachtende Auge ist gehalten immerzu, einen Schritt zurückzutreten, sich sacht zu verneigen, nur ja gemächlich durch die Jahrhunderte der Farben und gehauchten Linien zu schreiten. Hammershøis Malerei, wiewohl realistisch anmutend auf den ersten Blick, flieht den klar umrissenen Gegenstand; durch Möbel noch (großbürgerliches Mobiliar) scheint etwas durch von anderswoher. Alles Dargestellte erweckt den Eindruck, immer schon dagewesen zu sein, nie mehr wegzugehen. Ein Augenblick Ewigkeit scheint auf. Offenstehende Türen weisen auf ein Verborgenes hin kurz vor Tagesanbruch. Und ockergraues Schimmern, über alles gelegt, deutet an, daß jemand auf dem Heimweg sich befindet und zurückschaut, dabei keinerlei Angst hat vor dem Sterben. Das Leben, vom göttlichen Ursprung, über die Epochen des Weinens und des Tanzes hin, bis zum letzten Atemzug, das Darüberhinaus des Auferstehens ––– Hammershøi ermuntert uns, seine malerischen ›Gärten‹ uns zeigend, das Leben als Exzerpt des Ganzen ständig erfassend, die letzten Worte Wittgensteins nachzusprechen: »Sagen sie ihnen [den zurückbleibenden Freunden], daß ich ein wundervolles Leben hatte«; oder man darf mit Hölderlin singen: »Das bist du ganz in deiner Schönheit apocalyptica« (Hölderlin). Vilhelm Hammershøis stille Malerei.

Bald werden wir im Schlaf telephonieren. Das Leben wird zu einem einzigen Telephonat. Ein Großteil der Bevölkerungen wird redend vor sich hinrosten. Nicht ausgeschlossen, daß auch ein Tod den Redefluß nicht würde unterbrechen können. Aus dem Bergwerk der Träume, der Ängste und Nächte würden Güterloren Sprachmaterial heraufbringen. Bald werden wir nur noch am Plappern sein und ausschließich uns selber sprechen hören. Wer, der dann in das uns zugewandte Schweigen des Vollmonds noch hineinzulauschen in der Lage wäre? Die Gegenstände um uns her würden zu Schatten verkümmern – stünden wie halbvergessene Bettler an den Wegen des Stadtparks. Das seit fünf Jahren unberührt und vergessen gegen die Hausmauer gelehnte Damenrad riefe vergebens in die Nacht hinein unseres ewigen Lallens: Gerede endlos, in welchem der Straßenlärm sogar kentern und nicht mehr erhört würde. Und das Schweigen der gottesdienstlichen Gemeinde vor den Altären? Es bräuchte womöglich die Stimme gar nicht mehr, das Aussprechen der Worte; wie eine innere Kamera würden irgendwelche Sensoren unsere Mitteilungswut abtasten und nach außen hin übertragen. Das Paradox schwänge auf den Thron sich, daß aus stummen Mündern Rede hervorquellte in einem fort. Das ICH hätte den Anspruch, vollkommen zu sein, eingelöst. Milliarden von Menschen würden, plaudernd und plaudernd, durch die Zeiten wandern – irgendwo säßen ein paar Einzelne wie Tauben auf einem Mäuerchen und schwiegen. Ihr Schweigen (ein wirklich tiefsinniges Verzichten darauf, sich äußern, mitteilen zu wollen) wäre wie eine Krypta verborgen im Tag der endlos Sprechenden, erwiese als stilles, ichabgewandtes, dem messianischen Kosmos zugewandtes Gebet sich. Notizbücher der Verschwiegenen wären Dörfer namenlos im Wind, ägyptische Tafeln aus Ton; Rechenhefte, in denen Buchstaben (wie Kleiderschränke groß) wohnten, wohnten und stürben; Karawanen, die durch Schächte zögen der Erinnerung. In blauer Tinte hinflöße Klage und Krieg. O Verschwiegenheit der Wenigen. Wind heftig und lärmend durch dunkel eingefärbte Gassen liefe; und holzspaltende Knechte in ihren Hütten.

In östlichen Wäldern einer uns verborgenen Landschaft wartet ein Name, daß er zugeteilt würde einem Fluß. Er empfindet, an gar keinen Gegenstand, an kein Phänomen, weder an eine Straße, noch an einen Fluß, noch an ein Lebewesen gebunden, denkbar tiefste Einsamkeit. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, in unseren Städten und Dörfern stünden an vielen Ecken Namen herum, die ihren Bezug, ihre Heimat insofern, verloren; die hungern und frieren und darum bitten flehentlich, doch etwas bedeuten zu dürfen.

In einem der benachbarten Hinterhöfe zählt ein Kind bis neunundneunzig. Unbekümmert um uns, um Sorgen und Müdigkeiten der Menschheit, verfolgen Uhrzeiger, engstirnig monoton, unbeirrbar ihren Weg; denken keinen Augenblick daran, innezuhalten, schweigend vor einem der Sterbenden zu knien, eine Terrassentüre aufzutun, hinauszutreten, bevor sie neuerlich ihrem Ticktack sich unterwürfen. Ich höre die Kinderstimme bei eins wieder beginnen. Wie fremd auch immer sie anmuten mag die Zahl – deren Stiefel treten Lichter aus an allen Straßenrändern der Augen. »Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsre BuchstabenPhilosophen … [denen] alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.«(Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus, StA 4,1 p. 298) Jahreszeiten ohne den Spaziergang, ohne Brief und Kalligraphie. »Erinnerst du – was in den Sternen stand? / Ach, dies Jahrhundert, das der Zeichen feind – / die wir Statistiken nur sehn.« (Tomas Venclova). Jahreszeiten. Irgendjemand, der uns die Handschrift weggestohlen.

Welch ein Irrtum, zu glauben, auch nur zu vermuten, es gäbe ein einziges Wort, welches nicht aus den Gärten und Altstadtgassen der Erinnerung herausgetreten wäre. Jedes vermeintliche Erfinden eines Neuen – schlußendlich werden wir erkennen, daß jedes Erfinden das Entdecken eines Vorhandenen, ein lediglich anders oder neu Zusammengefügtes darstellt. » … und es geschieht nichts Neues unter der Sonne« (Prediger 1,9). »Unter Ulmen sitzen wir am Wassergraben. / Es ist noch nicht sehr spät. / Allein, das Weiterfluten bricht / an vielen Rechen sich / der Mühlbäche, der Kläranlagen. / Alte Bäume unsrer Erde, Hortensien / umwerbend. O unser Wahn; Wahn, / wir dürften, wie Götter einst und Väter, / über alle Maßen lange bleiben. // Unter Ulmen sitzen wir am Rätsel schwarzer Wassergräben.« (Anthrakia IX)