Gefallen finde ich durchaus am Ein- und Ausräumen der Geschirrspülmaschine – man möchte den trügerischen Eindruck eines Geordnetseins der Dinge annehmen in einer Welt, die uns ganz anders, ganz und gar ungeordnet tag- täglich begegnet. Die alltägliche Geste vermittelt (trügerischen) Trost, schreibt eine Art platonischen (kosmische Ordnung stiftenden) Dialog in die Handflächen meiner Zeit; nicht fühle ich mich dem Chaos ausgesetzt, ganz und gar verloren, zimmere, die Geschirrmaschine ausräumend, eine minutenlang dem stürmischen Regensturz widerstehende Hütte des Geborgenseins. Der Alltag zeigt sich nicht ausschließlich von seiner banalen, mediokren Seite; er kann schön sein, mild und sich geduldig erweisen dergestalt, daß er mir vorspricht: »Tu dies, dann das, laß dich nicht drängen und hetzen, übe Geduld.« Der Alltag erinnert mich zuweilen an eine Schulstunde in der vormaligen Schubart-Volksschule an der Frankfurterstraße in Ludwigsburg, als die Lehrerin, Frau Kirchner, eine ausgesprochen vornehme Dame aus dem ehemaligen Ostpreußen, im Geiste einer unendlichen (nahezu kosmisch weit anmutenden) Geduld uns Kindern die einfachsten Sätze diktierte, daß wir diese, Buchstaben malend, in unseren Heften mit Eselsohren festhielten ( – aus meiner Sicht die Geburtsstunde vielleicht der Literatur im Kontext meiner Biographie). Gerade insofern, als er zu trösten vorgibt, Heimat stiftet, erweist er sich, der Greis, den ich Alltag heiße, als tragisches Phänomen: Gelassenheit vermittelnd (kraft der ritualisierten Geste des Haushaltversorgens), deckt er den Abgrund zu, vor dem wir stehen. Indes wir werden die Tragödie nicht zu Ende denken müssen, wir werden nicht hinabstürzen – es ist nur ein Fallen (wie das Vom-Baum-Fallen der reifen Frucht, welche, auf der Wiese liegend, darauf wartet, daß sie aufgelesen wird).

Einer alten Gewohnheit frönend, nehme ich die ersten Kastanien des späten Sommers, die auf der Straße liegen, in die Hand, erspüre ihre Gestalt, gewahre die Anteilnahme, die sie zeigen an meinem Leben. Die Haut der Kastanien erinnert mich an die zartblaue Leinenbindung der Stuttgarter Hölderlinausgabe. Beide, die Haut der Kastanie, die Haut der Werkausgabe, verstrahlen Wärme und Nähe und Geborgenheit, sind mir ein Unterstand, wohin ich zu flüchten weiß vor bösen Wettern. Gestern saß ich, wie Walther von der Vogelweide vor ein paar hundert Jahren, auf einem Stein nahe des Mindelsees. Ich las in besagter Stuttgarter Hölderlinausgabe, als ein vorüberschreitendes Ehepaar innehielt, schüchtern an mich sich wandte, mit der Bemerkung, daß sie erstaunt seien, einen Menschen zu treffen, der unter freiem Himmel Hölderlin läse; sie hätten den Band der Stuttgarter Ausgabe sofort erkannt; auch hätten sie vor Jahrzehnten in Konstanz bei Professor Ulrich Gaier Hölderlin studiert; lebten nunmehr, ganz anderen Berufsfeldern übergeben, in Berlin, würden besagter Hölderlinzeit indessen nachtrauern täglich und Jahr für Jahr nach Konstanz reisen, sich der untergegangenen Zeit zu erinnern – wie auch selbstverständlich auf der Rückreise Tübingen besuchen und an Hölderlins Turm vorübergehen. Hölderlins Worte würden, bekannte ich, wie Spinnen in altem Gemäuer, in meinem Gedächtnis wohnen, ihre Fäden ziehen, hierhin kriechen, dorthin wandern, ständig sich, Winde unbekannter Herkunft, in mir bewegen, in mir singen, in mir die Böden kehren, unzerstörbar als Zitate in meinem Gedächtnis wohnen. Meine Begegnung mit dem dichterischen Werk Hölderlins sei schicksalhaft, habe meine Existenz entschieden geprägt, den Glauben in mir vertieft ––– Woran ich denn glaube, fragte die Dame. Ich zeigte versonnen auf das Sternbild der Johannesoffenbarung, auf den Christustempel – worauf beide den Kopf schüttelten. Nein, Hölderlin habe mit Christus nichts am Hut gehabt, er habe den Namen als Metapher nur verwendet für eine neue revolutionäre (nicht wie in Frankreich verratene) Wirklichkeit. Ich brachte den Mut nicht auf, zu widersprechen. Ich senkte meinen Blick, betrachtete das Alphabet des Staubs. Die beiden waren ausgesprochen sympathisch. Ich wollte nicht streiten. Ich habe das Streiten immer verachtet. Ich würde, dachte ich, nach Hause zurückgekehrt, bis tief in die Nacht hinein mit einer Aufmerksamkeit, die ans Gebet denken läßt, Marc Aurel lesen. Warum diese ununterbrochene Anstrengung großer Teile der Literaturwissenschaftler, Hölderlins späte Christusliebe in Frage zu stellen (dabei an den Haaren herbeigezogener Argumente sich befleißigend)?

Zuweilen verliert man das Gefühl einer durchschnittlichen Alltäglichkeit (wie die Seele eine solche zuweilen braucht, indes sie, die Seele, auf das hierarchische Empfinden eines stets Höheren gleichermaßen angewiesen) aus den Augen. Ergriffen von der Ekstase eines geistigen Zustands (des Eingetauchtseins in die geistige Welt mit Haut und Haaren, des Verfolgens eines dich aufwühlenden Gedankens) entladen sich die Gewitter einer inneren Unruhe. Aufgewühltsein des tragisch empfindenden Menschen, gegen das aufzulehnen kein Mensch die Kraft aufbrächte. Nichts mehr in Ruhe verrichten zu können – einfach dazustehen, eine Tasse Tee in Händen, vor sich hinzustarren auf den Staub mit seinen Goldmünzen – die immerzu von Innen heraus jedes Maß angreifende Nervosität, die die Seele wund sein läßt, die Oberfläche aufrauht. Zustand des unruhigen Herzens. Unvermittelt dann der Absturz, das mächtige Aufschäumen einer Müdigkeit abgrundtief. Alles, was man an geistigen Feldern umschritten (was so sehr ersehnt gewesen), verliert sich in der Ferne wieder des Alltäglichen. Das Gewöhnliche, alles überflutende Macht nunmehr, die von allen deinen Gefühlen Besitz ergreifen wird, hat dich zurückbekommen. Du bist hin- und hergerissen zwischen den Augenblicken des Geistigen und des Banalen. Gleichwohl: lasse dich nie blenden von irgend einer Aussichtslosigkeit ––– das Boot treibt immer, immer irgendwo hin.

Vor zwei Tagen, am Samstag, den 15. September, schrieb ich, Christus, der Auferstandene, erinnere an eine Stadt. In den koptischen Bartholomaeustexten »Das Buch der Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn« (kurz »Liber Bartholomaei«) findet sich die Aussage: »…Du wirst von den Seraphim ›Stadt des großen Königs‹ genannt werden…«Schade, daß ich nicht zum Kreis jener zählen durfte, die apokryphe Bibeltexte damals verfasst. Ich hätte unzählige Metaphern gefunden, welche um die erfahrbare Gegenwart Christi in unserem irdischen Leben kreisten. Die Predigten, die ich während meiner 36 Jahre währenden Kanzeltätigkeit gesprochen, würden, einer entsprechenden Prüfung unterzogen, eine reiche Ernte an entsprechend apokryphen Metaphern ergeben. Die zuallermeist von Hand verfassten Predigten – man könnte sie als poetische Filmnovellen deuten, die unentwegt die Kamera aufgefordert, um Christus und seine unmittelbare Umgebung, im Sinne einer großen recherche, zu kreisen. Alle diese Predigten habe ich dem Feuer übergeben. Sie bleiben in manche Herzen aber eingeschrieben (bis diese dann auch zu schlagen aufhören werden). Unsere Sprache ist verurteilt, unterzugehen. Auch die heiligen Texte des Ursprungs werden verblassen – dagegen der Christus deutlicher und deutlicher wahrnehmbar sein wird über dem Abend des menschlichen Dorfs.

»Vierzig Jahre tief steige ich in den Schacht Deiner Seele / Ich lege einen Grashalm in die Schale Deiner Hand / Mein Tag im September ist ein wenig kühl / wie alle Umstürze es sind.« (»Abendlied«) Wir haben lange gesprochen über die vieltausend Seiten niedergeschriebener Christologie. Er war bereits weitergegangen, als ich ihm noch hinterherzurufen mich genötigt sah: »Der auferstandene Christus ist eine nordische Stadt.« Er hielt inne, wandte sich um, rief: »Daß der auferstandene Leib eine Stadt, das will mir einleuchten. Warum aber eine nordische?« Er zuckte mit den Achseln, was auch mich veranlaßte, eine Geste der Ratlosigkeit in die Luft zu zeichnen. »Ich weiß es auch nicht.« Er setzte seinen Weg fort. »Also dann!« Vielleicht, dachte ich, Stunden später an einer Bushaltestelle stehend, stünde das Moment des Nordischen für ein gänzlich Unerwartetes und Anderes der Auferstehungswirklichkeit. Kein Palästina und kein Israel, kein hellenistisch ersonnener Kosmos – die nordische Stadt vielmehr, Bergen, die Regenreiche –––

Während einer Fahrradtour gestern habe ich eines meiner Notizbücher verloren – eines jener kleinformatigen Hefte, die mich begleiten auf meinen Wegen. Unterwegs pflege ich Gedankesplitter, Beobachtungen einzutragen, Skizzen zu verfertigen; jenes Flüchtige eben festzuhalten, welches ich, zu Hause wieder angelangt, in aller Regel, den Stichwortcharakter in einen fließenden Text überführend, weiter auszuführen, zu entwirren, zu verdeutlichen geruhe. Ich hänge sehr an diesen kleinformatigen Heften. Ich empfand den gestrigen Verlust als etwas Trauriges – daß ich heute, in gebotener Frühe, unverzüglich das Haus verlassen und die gestrige (mehrstündige) Tour nachgefahren bin, die Wege abgesucht ––– und das Büchlein gefunden habe. Einer zertretenen Wegwarte gleich glänzte es unscheinbar, beliebig sozusagen hingeworfen, in schönem Blau am Wegrand. Behutsam habe ich das vom Tau noch feuchte Heft vom Boden aufgehoben und in meine Umhängtasche gesteckt. Sogleich erwachte der Gedanke in mir, dies Wiederfinden eines verlorenen Schreibheftes sei eine Allegorie für das Wiederfinden des Glaubens (nachdem man diesen zuvor verloren). Man bricht auf, etwas wiederzufinden, das einem viel bedeutet hatte einst, das dann im Gedränge alltäglicher Ereignisse, wahnhafter Verwicklungen und biographischer Dunkelheiten aus der Tasche gefallen und verlorengegangen; nach welchem man in Tabakläden, Museen, Hörsälen, in fremden Häusern, auf Bahnsteigen, in Kaffeestuben gesucht und gesucht – bis man es schließlich, ein Büchlein von der Schönheit der Wegwarte, am Rand einer vielbefahrenen Straße (vermeintlich zufällig) wiederentdeckt. Die zitternde Hand blättert das Schreibheft auf, man erkennt die eigene Handschrift (die sich unterdessen natürlich verändert, einer gewissen Grundausrichtung indes treu geblieben ist), liest Worte, von denen man kaum glauben möchte, daß man sie vorzeiten niedergeschrieben, man ergibt sich dem Sog, der einen in die Tiefe der Aufzeichnungen zieht, man entdeckt, wonach man (ohne es eigentlich bewußt zu tun) Jahrhunderte lang gesucht und gefahndet.

Jeder Schritt über Asphalt, Erde, Staub ist Teil eines kosmischen Dramas. Du hebst das Glas mit Wasser an Deinen Mund – jede Geste ist Teil besagten Dramas; jedes Wort, von einem Menschen gedacht, gemurmelt, ausgesprochen ––– es gibt nichts Überflüssiges, nichts, was unter den Tisch fiele; nichts, das verloren ginge (an Schönem wie an Abgründigem). Alles Freche, Dumme, Graue in Deinem Leben gehört zur Partitur. Wo Du schuldig geworden, wo Du barmherzig gehandelt – jede Note wird angeschlagen auf der Tastatur. Wir nehmen eine Rolle ein im Drama von Anfang an. Wir sind Teil jenes Ganzen, welches als Drama nur gedacht zu werden vermag, als großes Musiktheater, als Gesang. Ich fasse den genialen Entschluß, ein Glas Schnaps in den Mund der Morgenfrühe zu gießen. Ich wünschte mir einen Morgen, der betrunken erwachen würde, dem ich nüchtern gegenüberstünde, über den ich lachen könnte, der auf einem Bein balancierte am Seerhein entlang, der das Frührot eines aufgehenden Tages in seiner Höhle vergäße, indes nicht mehr umkehren möchte, der seinen flüchtig über die Schultern geworfenen Mantel verlöre und durch die frühen Stunden frierend irrte, pfeifend sein kleines Straßenkinderlied. Jeder Gedanke, alles Gedachte wird wie ein Teig gewogen zuerst und ausgewellt, und, nachdem er auf Tiefenstrukturen ausgeleuchtet wurde, im Ofen gebacken dann – daß er seinen Duft entfalte. »O einer Kastanie heilige Verschrobenheit! Und irgend sanft, / passiv (in sich ein Moment des Innehaltens) schüttelt / die verschwiegene Landschaft Laub des Traumes / auf die Hütte. Heiter tanze ich in einen Tag.«