Geheimnisvoll das unbeirrbare Stehen und Leuchten des Mondes über irdischem Geschehen. Vor sich hintaumelnd die Erde: ein Geschrei und doch stumm.  Verhalten wie ein nicht an sein Ende gelangter Tanzschritt der Gesang des Dompfaffs. So leise treibt das Ruderboot der Vogelstimme an Ufern und Radwegen entlang des großen Sees. Andrej Tarkovskij hielt am 18. Juli 1984 in der Londoner St. George’s Cathedral die vielleicht schönste Rede des XX. Jahrhundert: Ein freies, manuskriptloses Nachdenken über die biblische Apokalypse des Johannes. Er beschließt seine Ausführungen mit den Worten: »Der Mensch lebt nicht, um glücklich zu sein. Es gibt viel wichtigere Dinge als das Glück. Vielen Dank. (Lang anhaltender Beifall). « Tarkovskij stellt die Mühen künstlerischen Schaffens über ein dagegen blaß wirkendes Glücksgefühl. Gleichwohl ––– gleichwohl rückt das dichterische Wort eine Gestalt von Glück ins Sichtbare (in Umrissen auszumachen; erahnbar nur), welches dann wie die Münze eines Mondes über unserem Arbeiten und Sterben ruht: »Il faut escalader beaucoup de dogmes et de glace pour jouer de bonheur et s’éveiller rougeur sur la pierre du lit | Viel Glaubenssätze und Eis gilt es zu übersteigen, um teilzuhaben am Glück und in Röte zu erwachen auf dem steinernen Bettgestell.« (René Char, Lenteur de l’avenir | Langsamkeit des Zukünftigen) Ein Mond, glänzt dies andere Glück überm alltäglich monoton steinernen Bett, dem Nachtlager der Sorge. Über alles Sorgen und Abwägen gilt es hinauszusteigen. Der Weg dorthin, zur entsprechenden Erfahrung von Glückseligkeit, ist weit. Gefühle müssen erstarren zuerst im Eis; der gedankenlos vor sich hingesprochene Glaubenssatz ist aufgefordert, seinen wahren Hunger, sein wildes Tiersein, erst zu finden. Es ist eine abendliche Morgenröte letzteres Glück. Tarkovskij selbst wird knapp zwei Jahre später, sterbenskrank, im Tagebuch die Gegenwart eines vergleichbaren Geisteszustandes festhalten:»Heute schöpfte ich plötzlich große Hoffnung. | Welcher Art, weiß ich nicht: | Es ist einfach nur eine Hoffnung | auf mögliches Glück. | Seit dem Morgen scheint die Sonne | in das Krankenhauszimmer, | aber das Gefühl von Glückseligkeit | rührt nicht daher. | Andrjuschka, Lara | die Anwesenheit des Herr. | Ich fühle es.« (Martyrolog. Tagebücher 1981-86, 11. April 1986, S.266; Sohn Andrjuschka, Ehefrau Lara) Irgendwo in der Nachbarschaft fällt eine Eisenstange zu Boden; wilder Wein wird wachsen über diesen unverwechselbaren Klang inmitten eines noch unvollständig erwachten Tages.

Der Tag – ein an der Leine ausgeführtes Tier. Die Nacht dagegen gleicht der Katze. Wir wohnen in den Zwischenräumen; uns eignet eine Haltung sowohl des Bewahrenwollens, eines vornehmen Bedachtseins, als auch des Anarchischen, des Frechen, Unbestimmten, Ausschweifenden. Nur noch tagsüber aufgedrehte Heizkörper pfeifen ihr kleines Lied; kalte Nächte führen uns ins Land der Sterne, in den Kreis des Vogelflugs. Das Maßgeschneiderte gehört dem Tag; nachts decken zusammengenähte Stoffreste die unzerstörbare Nacktheit. Zwischen Tag und Nacht das Rinnsal frohgemut ein paar Runden dreht; ungeniert spaziert es durch Brachland wie durch Truppenübungsplätze.

Wo und wann den Ursprung verorten des Christentums? Das Christentum wurde geboren in Caesarea Philippi; in dem Augenblick, als einer der Jünger, Simon Petrus, zu Jesus sagte: »Du bist der Christus« (Mk. 8, 27-30) »Und das Christentum wird so lange leben, als es Menschen gibt, die diese Aussage wiederholen.« (Paul Tillich, Systematische Theologie II, S. 107). Meine Seele ist ein zerlesenes Heft, ein Skizzenbuch, die Hafenanlage, in welcher Handschriften anlegen von überallher. Meine Seele liegt am Meer, meine Seele ist ein Rotterdam; die Gezeiten meiner Seele wiederholen in einem fort das selige Petruswort: »Du bist der Christus«. Ich stehe in einer Warteschlange vor der Bäckerei, fahre im Zug durch Nordspanien, steige durch ein nie enden wollendes Treppenhaus, sitze am Klavier, lese auf einer Parkbank am Nordufer des Sees die Erzählungen des Jorge Luis Borges, ich wandere über die Alpen ins Piemont, zünde im kalten Wind einer göttlich verregneten elften Stunde des Karfreitags 2017 eine Zigarre an ohne über die Schulter zu schauen – unablässig spricht es sich aus in mir: »Du, Jesus, bist der Christus.« Und die Gezeiten meiner Seele werden das Simon-Petruswort aussprechen, wenn ich den Taleinschnitt zum Tod hin betreten werde. Cantus firmus meines Lebens. Cantus firmus meiner ewigen Kindschaft. »Meine Notizhefte sind Dörfer, namenlos im Wind. | Meine Notizbücher sind ägyptische Tafeln aus Ton. | Hefte, in graues Leinen gebunden, die ich aus Straßburg, |aus anderen Jahreszeiten mitgebracht. Rechenhefte, | in denen Buchstaben (wie Kleiderschränke groß) wohnen |und sterben. Karawanen, die durch leere Nächte ziehn. | In blauer Tinte hinfließen Klage und Krieg.« Auf jeder Seite der Hefte findet sich das Simon-Petrus-Bekenntnis, elegant im Schlittschuhduktus gleitend die Zeichen. In der Kunsthalle Zürich habe ich im letzten Jahrhundert (als die Museen leer noch waren an Vormittagen unter der Woche und man stundenlang weinen konnte vor einem Werk) die Bilder gesehen des Cy Twombly – vor jenen besonders habe ich gekniet, welche die Handschriftengitter zeigen des Künstlers. Handschriften bilden den Pulsschlag der Welt. Und Handschriften sagen: »Du, Jesus, bist der Christus«.

In einer Programmvorschau auf Arte hört man Simone Signoret sinngemäß sagen, man dürfe über allem nicht vergessen, zu leben. Wenn ich es recht erinnere, hält sie dabei ein Gläschen Wein in der Hand. Aber was heißt ›leben‹? Man kann leicht und geschwind einige Seiten vollschreiben mit den versuchten (verseuchten) Antworten der philosophischen und theologischen Tradition. Am Ende bleibt die Ausgangsfrage unberührt wie eine Magnolienblüte im Frühjahr: Was heißt es, zu ›leben‹? Indes die Aussage, es könne keine Antwort auf diese Frage geben, weil die Frage wie ein zappelndes Kind nicht stillhalten wolle, man sie sich daher gar nicht richtig stellen könne, auch nicht weiterführt. Wir kennen Melodien, ein Seitenblick auf das Komponieren mag dies lehren, welche nur auf ganz bestimmten Instrumenten ihren Ausdruck finden. So ist man gehalten, für die Frage, was es bedeute, zu leben, für das treffende sprachliche Instrument sich zu entscheiden. Ich möchte andeutend behaupten, das einsame Violoncello, gespielt vor dem grün angestrichenen Tor eines Gefängnisvorhofes, sei in unserem Zusammenhang das Schlüssel-Instrument. Kein anderes Instrument vermag vergleichbar eindrücklich (für Buße, Umkehr, Befreiung) zu beten. Die Frage, was es bedeute, zu leben, läßt am angemessensten auf dem Cello sich spielen – dann bekommt sie ihren Klang, ihre Farbe, ihre Dringlichkeit. Weiterführend also der Hinweis, man könne im Licht des Gebets annähernd erkennen, was zu leben bedeutet; und die Antworten entsprechen einer Melodie: sie steigen, sie fallen, geraten in die Enge, die Auswegslosigkeit, öffnen sich auf Gärten und Steppen hin, verdursten inmitten von Wüsten, lachen verächtlich wie wild beim Einwerfen einer Münze in irgendwelche Automaten (heute hält man ein Kärtchen davor), werden leiser und leiser, hauchen sich aus in einem hohen g (vgl. Th. Mann, Dr. Faustus, Schlußabschnitt von Kap. XLVI), steigen wie Rauch in die Höhe an einem windstillen Morgen. Madame Signoret, ich erhebe das Glas!

Zwei Straßenlampen knien vor der alten Kastanie, bitten um einen Schluck Dunkelheit für ein neuerdings aufzublätterndes Heute. Es ist, so steht zu vermuten, vielmehr an Knien in der Welt, als wir, die durch ausgefranste Stunden Hetzenden, anzunehmen geneigt. »Zu meiner Rechten| eine fremde Sprache. | Zu meiner Linken ein Windstoß | durch leere Stühle. | Vor mir ein vergessener Schal auf dem Tisch, | hinter mir ein fragender Mann | und über meinem Haupt | die göttliche Gegenwart.« (Jehuda Amichai, Letzte Nacht auf dem Boulevard). Ich muß an meine Ahnen denken, die in ihren Werkstätten und Schreibstuben, in den Ställen der Dörfer, in Friseurstuben einer großen Stadt einen jeden Tag kniend empfangen. »Da ist eine dunkle Erinnerung, über die das Lärmen | wie Puderzucker ausgestreut spielender Kinder || …..Blühen und Vergessen, das ist alles. | Der Rest sind traurige Augen und eine Reisebeschreibung.« (Jehuda Amichai) Gefaltete Hände sind die schönste Stadt, die ich je gesehn.

Weiße, bodenlange Vorhänge, ein Stuhl zur Seite; auf dessen Sitzfläche ein Stapel Bücher ––– ein vornehmes (eher stilles, eher weltabgewandtes) Wohnen ist kraft einer solchermaßen knappen Beobachtung bereits umrissen und skizziert (»Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst« E.Mörike). Es duftet nach Kaffee und Morgenfrühe; man möchte an eine tote Dichterin denken, an Emily Dickinson etwa, an ihre Hand, wie die in einem Buch blättert, an ihre Stimme von irgendher: »I died for Beauty – but was scarce | Adjusted in the Tomb | When One who died for Truth, was lain | In an adjoining Room || Für Schönheit starb ich, doch war kaum | Gebettet in das Grab | Als einer, der für Wahrheit starb | Ins Nebenzimmer trat –«. Für Schönheit sterben; für die Schönheit streng komponierter, religiös- emblematischer Dichtkunst in Amherst, der Kleinstadt in Massachusetts, die Emily nie verlassen, zu sterben! Überhaupt für etwas zu sterben, für etwas zu leben, für etwas geboren zu werden; den Ruf zu vernehmen, einem Auftrag zu folgen, einem spirituellen zumal – das muß den Heutigen rätselhaft anmuten.

Nach wie vor, vielleicht sogar inniger und naiver denn je, beansprucht wissenschaftliches Denken (in seinen jeweiligen Gestalten) für das zu stehen, was in der platonischen Metaphysik als ›Wahrheit‹ auftritt. Immer wieder hört man, wie jemand erhobenen Zeigefingers ausruft: »Das ist Wissenschaft!« Fernsehmoderatoren besonders gefallen sich, so meine Beobachtung, darin, einem vermeintlich Unbestreitbaren den Halskettenschmuck ›wissenschaftlich‹ umzuhängen; und damit alle anderen Möglichkeiten von Sprache beiseite zu räumen. Noch nie ist es darum gegangen, wissenschaftliche Erkenntnis als solche, die Faktizität einer wissenschaftlichen Aussage, in Frage zu stellen. Was wir Dichter anmahnen: daß die Wirklichkeit (wie das Universum selbst) unendlich, daß, sie zu beschreiben, hunderttausend Sprachen nicht ausreichen; daß wissenschaftliche Sprache eben nur einen Ausschnitt aus einem unsagbaren Ganzen zu erfassen vermag; daß Politik, Kunst (im weitesten Sinne; vielleicht sollte man allgemeiner den Begriff ›Poesie‹ bemühen) und Religion (und andere Sprachen dazuhin) auf ihre Weise gleichermaßen Bedeutsames, Seelisches, auszusagen vermögen. Ergreifend die schwarzweiss gegebene Traumsequenz in Tarkovskijs Film DAS OPFER: »Blick in eine verwüstete, menschenleere Straßenschlucht. Papier- und Stoffetzen wehen über die Straße und fliegen durch die Luft. Vertikalschwenk in Zeitlupe über ein umgekipptes Autowrack, auf das Straßenpflaster – zwischen kaputten Stühlen, Rinnsalen und Unrat werden die Markierungen eines Zebrastreifens erkennbar –, auf eine schmutzige Glasscheibe, in der sich, verkehrtherum, die Obergeschosse der Häuser spiegeln. (Unterlegt sind die Geräusche der Realszene: Das Rauschen des Windes und die in der Ferne singende Stimme). Ausblendung in Schwarz.« (Andrej Tarkovskij, Notizen zum Film). Wer, der den Film gesehen (ich habe ihn oft angeschaut, mehrmals in weiten und hohen Kinosälen), wäre nicht ergriffen von diesem Einschub, der den Lauf der Erzählung unterbricht; wer würde nicht spüren, wie Tarkovskij eine unterirdische (dem wissenschaftlichen Blick verborgene) Seelenschicht dem Zuschauer, eine Heimatlosigkeit sondergleichen, vor Augen stellt. Neben der Statistik, neben der Computersimulation, den Reisen ins Reich der Arithmetik, den Versuchsanordnungen der Laboratorien… darf doch das Unterirdische der poetischen Tarkovskij-Vision für sich beanspruchen, gleichermaßen ›etwas‹ von dem ans Tageslicht zu bringen, was wir ›Wirklichkeit‹ zu nennen belieben. Wie alles Tasten, Suchen, Sagen, Bangen gehört die Wissenschaft zum Leben. Und Montagskuß der Poesie. Es dämmert draußen vor der Tür.