Straßen der Studentenstädte in Europa überall. Das oft wunderbar verzauberte Gekleidetsein der jungen Menschen, das Übereinandertragen der Stoffe alter Herkunft (Flanell und Serge de Nîmes, Kaschmir, Cord ), locker das Um-den-Hals-Geschwungensein der Schals, die Stiefeletten, Turnschuhe, die weiten Mäntel, Fahrräder, eine Melodie noch auf den Lippen ––– manchmal denke ich, im schlichten Leben des Erscheinungsbildes verbürge sich mehr an Widerstand als in allem verzwungen politischen Tun (das doch stets ein Moment des Uniformierten in sich trägt). Die vermessene, ausgerechnete Welt der Tyrannis (beispielhaft dafür stehe das Beckett’sche Quadrat, »Quadrat I & II«) fürchtet sich viel mehr vor dem wehenden Schal, den Ziegelsteinmauern der Mäntel, der Baskenmütze – als vor dem Manifest, der Deklamation, der parlamentarischen Inszenierung. Im ungeordnet wilden Flug des Fahrradfahrers vor Tagesanbruch (»prìn pháous«) blüht das Leben, der kostbare Wein, der Atem, das Wissen, daß wir in Gott hinein sterben. Elegant und einfach zu leben aus der Poesie! Die Scheu (aidōs), der Adel melancholischen Lächelns, eine Hinnahme des Scheiterns in weltlichen Kontexten, das Aufstöbern der Christusschönheit in den Gräsern des Rieds (abseits der mörderischen Spuren, welche die politische Welt hinterläßt). 1886 starb im Alter von 56 Jahren die tief gläubige, hölderlinesque protestantische Dichterin Emily Dickinson, eine Große und Notwendige der Weltliteratur, die ihr ganzes Leben einzelgängerisch, schick gekleidet, verschwiegen in der Landeinsamkeit von Amherst, Massachusetts, zugebracht. Ihr Erscheinungsbild läßt mich an eine niederländische Studentenstadt denken. Ihr, Emily Dickinson, verdanken wir die Strophe: »Beauty crowds me till I die / Beauty mercy have on me / But if I expire today / Let it be in sight of thee«.

»Unter dem Sowjetregime war es dann so, dass ein falscher Akkord genügte und man wurde verfolgt. Damit hatte man eine gewisse Bedeutung, selbst wenn es im negativen Sinne war….Heute kann man den richtigen oder den falschen Akkord wählen und überhaupt niemand nimmt Notiz davon.« Worauf Valentin Silvestrov ironisch eher hinweist, daß dem künstlerischen Ausdruck gegenwärtig, in den westlichen Demokratien jedenfalls, Grenzen kaum mehr gesetzt sind, und insofern eine Relativierung zu verzeichnen sei, erlaubt die Annahme, die Tyrannis begünstige das Hervorbringen großer Werke. Indes man kaum aus diesem Grunde für ein Wiederaufflammen des Grausamen votieren möchte. Verzichten wir eher auf das Gewichtige, Bedeutende; lassen wir es zu, daß wir alle der Mittelmäßigkeit gehören, jedoch, was die Gestaltung des Alltags anbelangt, tun und lassen können, was wir wollen. Das Werk als solches mag in den Hintergrund treten – einer Fetischisierung der Person, des Künstlers, wird umso eifriger Tribut gezollt. Allerdings führt diese Gedankenfolge, die dem politischen Umfeld Bedeutung einräumt, in die falsche Richtung. In der Tat scheint Silvestrov kunstimmanent zu denken. Der Weg des Schaffens selbst weiß sich einer unablässigen Veränderung unterworfen. Ein religiöser Denker und Künstler vom Range Silvestrovs fragt, wonach zu fragen heute kaum noch jemand die Macht hat: Sofern dem Kunstwerk ein Offenbarungscharakter eignet – was bereitet sich in Hinsicht auf das Göttliche vor angesichts der offensichtlichen Relativierung der Inhalte (angesichts auch einer veränderten Haltung der Öffentlichkeit dem Kunstschaffen gegenüber – eben in dem oben bereits angesprochenen Sinn, daß der Person des Schaffenden Aufmerksamkeit über die Maßen entgegengebracht wird)? Dürfen wir einer neuen Offenbarung entgegensehen? Verlöre die künstlerische Tätigkeit als solche an Bedeutung, sähe sich zurückgedrängt in hintere Ränge – daß ein Neues, Ungesehenes die Bühne beträte? Oder ganz im Gegenteil: Das vergleichsweise belangslose Tun in den Ateliers und Stuben – würde es stehen für eine Zeit, in welcher die Kräfte sich sammelten zu entschiedenerem und wilderem Einstehen für die Christuskraft? Die Religion müßte den Weg ins Exil der Kunst antreten? In den Gärten der Kunst stünde der Baum des Lebens? Erbarme Dich, Kyrie! Die Geistlosigkeit des öffentlichen Gestammels und Getues ist kaum mehr zu ertragen – gleichwohl muß man sich selbst als Teil dieses Öffentlichen verstehen; ausgeschlossen, sich darüber zu erheben. Wer wäre frei von Zeitgeistlichem? Erbarme Dich, Kyrie! Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß andere (göttliche, in Menschensprache nicht sagbare) Großwetterlagen über unsere arme Erde kommen. »Immer noch berühren große Wetter (Fronten & leergeweinte Eimer der Zeit) die Stirn« ––– so eine Kapitelüberschrift des Romanmanuskripts; in Hinsicht auf das hier Ausgeführte müßte man abändern und sagen: »Wieder berühren große Wetter….« Ich gehe ans Ufer hinunter des Rheins und suche nach einzelnen Buchstaben, die wie Früchte von Edelkastanien im Gras des Wegrands lägen.

In der Stadt meiner Kindheit sah man gegen Ende der Fünfzigerjahre ein- ums andere Mal Kriegsinvaliden durch die Straßen gehen: bein- oder armamputierte Männer – über deren Erscheinungsbild wir Kinder sehr oft herzlich lachten, zu spöttisch-dummen Bemerkungen uns hinreißen ließen. Wir ahnungslosen, grausamen Kinder einer Generation zwischen den Kriegen!

Das Denken hört niemals auf, wo doch die Herzen der Maschinen zu schlagen aufhören und die Vögel vom Himmel stürzen werden. Vielleicht verbirgt sich im Begriff ›Denken‹ das, was wir unvollständig (mißverständlich in aller Regel) ›Ewigkeit‹ zu nennen geneigt sind. Das Denken verbindet uns mit den Altvorderen, mit den Verstorbenen, darüber hinaus mit der Natur, mit Gott selbst, mit Christus. Im Denken erkennen wir die Linie, die, Hauptschlagader des Universums, tragend sich durch alles hindurchzieht (und die infolgesdessen Grundlage auch der Kunst: des Tanzes, der Schrift, des Ornaments, des Grußes). Henri Matisse konnte sehr schön sagen: »Natürlich, der Kubismus interessierte mich, aber er hat mein tiefes Gefühl für die Sinne und meine große Liebe für die Linie, die Arabeske, jene Trägerin des Lebens, nicht angesprochen.« Sofern wir stürben, würden wir im Flußbett des Denkens weitergetragen werden – und das ICH, die Zusammenschau des wiedererkennbar Individuellen, schriebe sich, unberührt vom Zerbersten alles Leibhaftigen, tatsächlich fort. Das Denken hört niemals auf.

Häufig unterwegs dieser Tage, was mir gar nicht gefallen will. Stets habe ich der stabilitas loci gefrönt. »Es war immer nur die kleine Welt von Württemberg die mich umhegt / Vor meinen Augen brach das Dämmern eines Dorfes in die Knie / Ängstlich doch der Tiere Harren auf dem Heiweg in die Städte / Damals die Kindheit wie ein Brombeerzweig am Bahngleis nach Paris.« (aus: DIE AMSEL DIE WILD FRIERT SIE HAT IHR LIED VERLOREN) Jeder Art des Reisens, die etwas anderes war als ein Aus-dem-Haus-Gehen und Loswandern mußte eine innere Ablehnung überwinden. Es war immer nur das Wandern, das meine Zustimmung fand. Natürlich ließ es sich nicht vermeiden, in Zügen, Taxies, Flugzeugen, Bussen, im PKW Entfernungen zu überwinden. Das entschieden denkerische Unterfangen meiner irdischen Existenz: im klein umgrenzten Raum einen Schritt nach dem anderen zu tun; will bedeuten: im Gedicht zu wohnen. Das Gedicht steht für die kleinste Einheit des Denkens, welche das Größte (das Kosmische) spiegelt. Venezuela oder Alaska haben mich nie interessiert als geographisch beschreibbare Länder und Landschaften. Es war immer das Universale, dem mein Herz gehört. Dies auch der Grund, weshalb ich nie längere Zeit außerhalb Baden-Württembergs verbracht (wobei anstelle von Württemberg auch Yorkshire oder die Basilikata, irgendeine beliebige Grafschaft der alten Erde stehen könnte). Wandern, Herumsitzen, Schreiben, Denken (in Hingabe ans Buch) – dem Ort als solchem kommt keinerlei Bedeutung zu (ob Industriegebiet, historische Altstadt, die Flächen langweiliger Architektur, Dorf oder Metropole – es ist das Gespräch mit dem Universum, dem Kommenden, den Fiebern der Apokalypse, die auch in der Verlorenheit einer Vorstadtkneipe glühen –––

Von Natur aus ist die menschliche Seele ein heimatloser Wanderer. Hinter der Philosophie steht das Bemühen, der Seele Heimat zu schenken, in das verwirrend Vielfältige der Erscheinungen ewige (zeitunabhängige) Koordinaten einzutragen. So gesehen erweist die Philosophie sich als ein Schublädchen im Schrank der Mathematik. Die Seele, Haus der Poesie, stirbt in einem fort; Mathematik will der Tempel sein auf den Friedhöfen, das Haus, welches die Seele vom Sterben erlösen, ihr eine Kammer des Bleibendürfens einrichten würde. Vergangene Woche in Triest das nächtliche Bargespräch mit einer Gruppe noch jüngerer Mathematiker aus Lyon. Meine Frage, womit Mathematik sich eigentlich befasse, beantwortete einer scharfsinnig: »Mathematik sucht den Unterschied zwischen der Leere und der Zahl Eins.« Ich übersetze das so: Im Meer des Unsagbaren (weil nicht Festhaltbaren, unablässig sich Wandelnden) die Brosame einer Silbe zu finden! Das Sichtbarmachen eines unwandelbaren Schattens wenigstens, den Gottes Namen würfe – ein anhaltendes Klangpartikel, das nie stürbe, im Wirbel der aufkeimenden und sterbenden Sprachen. Mathematik läßt, in ihrem Bemühen, Stege zu bauen, die über Abgründe uns gehen lassen, an ständiges Beten denken. Mathematik ist Glaube, Suche nach Halt und Trost, die Planke, an welche der Schiffbrüchige sich klammert. Poesie weiß sich, Stimmungen der Freude ausgesetzt und der Angst, als ein Kind der Wetter. Mathematik kniet im Tempel, will von Wettern unberührt sein. Die Poesie verfügt nichteinmal über einen Hut, sie irrt an den Geleisen entlang der Züge, die in die Ferne gehn, und hat nur den Mantel über die Schultern geworfen, den Mantel Adams und trägt Evas Wanderstiefel an den Füßen, die wundgequälte Ferse zu schützen. Mathematik (wie auch ihr Stiefkind: die Philosophie) ist Religion. Poesie gehört einer stündlich sich wandelnden Liturgie, gehört den Gesängen der Wetter. Mathematik steht für den Tempel, die Unwandelbarkeit des Altars; Poesie für die das synagogale Wesen herbstlich jesuanischer Fackeln. »Die Bettelkönigin, gestern angereist /aus Cordoba, bereitet ihren Auftritt vor. / Theaterbretter eines Herbstes! // Wann werden jene Stürme / kommen, / welche Augen aus den Bäumen reißen? / Wann die Pflugscharen der Angst? // Diese vierte Stunde weht seit jeher / wie die Pelerine der Nomaden; / diese vierte Stunde will eine bleiche Fremde geben, / will beim Sprechen überhaupt nicht husten. / O vierte Stunde eines Wahns.«

Ein entscheidender Irrtum, anzunehmen, die Philosophie (gerade dort, wo sie sich anheischig macht, denkerisch sehr streng, Wissenschaft zu sein) begradige das Lebendige; ihr Abstrahieren raube der Wirklichkeit den Traum, das ekstatisch Polyglotte, den Zungenkuß, das Streicheln und Weinen, das Auf-einem-Bein-Stehen und Kranichflugspielen. Das philosophische System (in entsprechender Weise die Methode analytischen Denkens überhaupt) entspricht, ich sage das voller Liebenswürdigkeit, einem Kassenzettel. Im Romanmanuskript ›Wohin der schöne weiße Regen fiel‹ rühmt ein philosophisch vergrübelter Ex-Rabbiner den Kassenzettel, dessen Zahlengewitter als poetische Großwetterlage, als Tragödienschrift der Moderne; wird, an anderer Stelle, das Anziehen der Türangelschrauben zur weltrettenden Geste. Die konzentrierte (stille) Lektüre philosophischer Texte läßt an Valentin Silvestrovs Klavierstück ›Hymn 2001‹ denken, welches 6:27 Minuten lang versonnen, trunken taumelnd zugleich (gewissermaßen, mit Hölderlin zu sprechen: »auf schwankem Kahne der See«) das Hiersein als ein die Augen Auftun und sie wieder schließen feiert. Das philosophische System ist ein möglicher Gebirgspfad – gerne beschritten von denen, die nachts nicht schlafen und in Texte sich verlieben und Rooibostee während der Lektüre trinken können. Ich ›liebe‹ Schellings Freiheitsschrift, die Fragmente Heraklits, die religionsphilosophischen Schriften des Charles Sanders Peirce, die grauen Bände der Heideggergesamtausgabe, Nietzsches Nachtgebete, Pascals Wanderungen durch die Monopolen des XXI. Jahrhunderts. Ich liebe Schestovs Reisen in den Alltag eines Molekularbiologen (wie der die Haustür aufschließt morgens und sie abends zuzieht wieder). »Lord, the Roman hyacinths are blooming in bowls and / The winter season creeps by the snow hills; / The stubborn season has made stand. / My life is light, waiting for the death wind, / Like a feather on the back of my hand. / Dust in sunlight and memory in corners / Wait for the wind that chills towards the dead land. // Herr, die römischen Hyazinthen blühen in den Schalen und / Die Wintersonne schmiegt sich an schneebedeckte Hügel; / Widerspenstige Zeit bleibt stehen. / Leicht ist mein Leben, während Todeswind wartet, / Wie eine Feder auf meinem Handrücken. / Staub in der Sonne und Erinnerung in den Winkeln / Warten auf den Wind, der erstarrt gegenüber der toten Erde.« (T.S.Eliot, A Song for Simeon) Pfade für Einzelne, die abzweigen, wegführen von den Boulevards mit ihren Karusellen, Guillotinen – die Tempel nicht zu vergessen! Pfade, die, wie gesagt, wegführen, gleichwohl ständig auf die großen breiten Straßen wieder stoßen.