Ein paar Schneeflocken eilen von Haustür zu Haustür; sie klingeln überall, klopfen an. Die Bewohner möchten doch herauskommen, wenigstens an die Fenster treten: Die Festlichkeit zu betrachten, den feierlichen Einzug des Schnees, das große langsame Schneien, wenn möglich, am Straßenrand stehend, zu verfolgen; den weißen Gottheiten zuzuwinken, die mehr als nur vorübergehen, die sich endgültig einprägen ins Gedächtnis der Menschen. Er bringt, der Schneefall, darin einen Auftrag des Christus erfüllend, das Fest in die Augen der Sterblichen. Ich habe es ausgesprochen: Ohne Christus, den Fürsten des Fests, mag das Leben schön sein oder traurig; es kann, unsere Zeit auf Erden, ohne Christus aber nicht festlich sein.

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Kalt und einsam die Nacht; Geburtsort der Stürme, die über unsere Städte kommen werden. »…und in Leichtigkeit zu sterben / Und unter dem Schutz eines zufälligen Daches / Nach dem Tode sich zu entflammen wie ein Wort.« (Arsenij Tarkovskij). Seit so vielen Jahren die quälende Frage, warum unsere Zivilisation weggeworfen hat, was im Grunde ihre höchste Schau gewesen: Die Vision der Auferstehung? Wie klein erscheinen dagegen alle Erkenntnisse der Naturwissenschaften, der Soziologie. In keinem modernen Denken hat diese Verwandlung sterbender Materie in das flammende Wort, den Logos des Uranfänglichen, die Schaffung also eines Sprachcharakters, der ins Verstummen und Schweigen festlich eindringt, einen vergleichbaren Ausdruck gefunden wie in den Essays des Ernst Jünger. Jünger hat leicht und kindlich zuweilen und versonnen über die Auferstehung gesprochen. Mit welcher Häme hat man den Auferstehungsgedanken beiseite gedrängt und nicht annähernd ein Höheres den vereinsamten Menschen gegeben. Man hat ihnen das Wichtigste weggenommen und sie in die Nacht der Fabrikhöfe zum Sterben hinausgeschickt. Das Sterben ist ›schwer‹ geworden in des Wortes ursprünglicher Bedeutung ­– schwer wie ein Mantel, der eine Nacht lang im Wasser gelegen, schwer wie ein Stein, wie ein gefällter Baum. Das Sterben drückt uns in den Staub, zieht uns nach unten – in keine Tiefe zwar (die Tiefe ist der lange Atem der Gedanken); in die Zisterne jedoch, in welche man Jeremia gesperrt. Einsam und kalt die Nacht ––– Einen Gedanken Nietzsches aufnehmend, könnte man sagen, es seien die freien Geister, die zukünftig der Theologie wieder sich zuwenden werden (und sei es im philosophischen Sinne nur, also in Hinsicht auf ein wieder Erwachsenwerden des Denkens). Sie spüren, die freien Geister, sie erahnen das Feinsinnige und Artistische der Metaphysik. »Eine freie Welt kann nur eine geistige Welt sein. Die Freiheit wächst mit dem geistigen Überblick, mit der Gewinnung fester, erhöhter Standorte. Dort werden die Tatsachen erkannt und wiedererkannt, und damit wird es möglich, sie zu benennen, zu ordnen und in ihrem Gang zu bändigen. Dort und von dort aus nimmt auch die Sicherheit zu. Die Freiheit folgt nicht der Sicherheit, sie geht ihr als geistige Macht voraus.« (Ernst Jünger, Antaios, Zeitschrift für eine freie Welt. Ein Programm. SW 14, S. 167)

Was rechtfertigt das Festhalten an einem Begriff? Nach Heideggers gründlichem Abschied von der Metaphysik, die eine Weiterverwendung dieses Begriffs nicht länger rechtfertigen würde, muß ich doch, melancholisch lächelnd, zu bedenken geben, das kaum ein Wort existiert, das nachdenklicher, bei flüchtigem Ausstoßen von Zigarettenrauch, mit eleganterem Stirnrunzeln ausgesprochen werden kann. In den Achtzigerjahren war ich Landpfarrer in der Hohenlohe. In der Gemeinde lebte eine russische Exilantin. Nie werde ich vergessen können, wie sie in Hinblick auf einen Gedanken oder einen bestimmten Autor voller Ehrfurcht zu sagen pflegte: „Das ist metaphiiiiisisch!“ Das klang so schön. Darf ich einen Begriff opfern, weil er denunziert worden ist, das Recht scheinbar eingebüßt hat, aufzutreten auf der Bühne akademischer Philosophie? Würde die Art und Weise, wie eine russische Dame den Begriff in ländlicher Einsamkeit benutzt und ausspricht, über die Lippen diesen bringt, letztendlich doch eine Weiterverwendung ermöglichen? Dürfte ich es wagen, ungeachtet aller Verbote und jeden Naivitätsverdachts, gleichwohl zu behaupten, ich schriebe an einer metaphysischen Dichtung? »Wir werden nie den Staub von Sandalen schütteln dürfen / Es sind so viele Nächte eines Regens, die uns an diese Gassen fesseln / In irgend einer sechsten Kammer trinken wir den Tee / Und schwarzes Wasser wie auch Kummer.«

»Süßer Trost, mein Jesus kömmt« – ich höre die Kantate zum 3. Weihnachtstag (BWV 151) in vollkommener Hingabe an Klang und Kunde – nachdem ich eine halbe Stunde unter der Decke gelegen und den Schlaf nicht habe finden können; der leichte Bettüberzug hat auf den Augen gelegen, dabei das nervöse Flackern der Lider, den Baumwollstoff streifend, ein Geräusch hervorgerufen, das ich als rhythmisches Pochen, dem treppensteigenden Schritt vergleichbar, wahrgenommen; was mich wiederum daran erinnert, daß Sehen tatsächlich als Treppensteigen gelesen werden muß. Das wirft die Frage auf, ob wir, schauend und betrachtend, hinabsteigen oder hinaufeilen?

Die Straße liegt in Nebeln einer steinzeitlichen Frühe. Das Fenster, es erlaubt das Hinausschauen und Betrachten, gehört, wie der Wein, zu den elementarsten Dingen des Lebens. Wieviel Milliarden Fenster eröffnen den Augen das Schauen, das Anstaunen der Welt! ––– Es gibt kein abseits stehendes, distanziertes Begutachten der Ereignisse. Als Betrachtende, die an den Fenstern stehn und hinausschauen, sind wir Mitgerissene stets; treiben wir auf den Wassern eines Flußes, sind wir Teil der Schuttablagerungen einer Moräne, Buchstaben und Ziffern auf einer Geburtsurkunde wie auf einem Grabstein. Vielleicht sind wir, in unserer körperlichen Gestalt, selbst ein Fenster, durch das Gott die Welt betrachtet.

Der 110. Psalm – die Christenheit hat ihn oft genug als Christuslied gelesen. In Vers 4 der Hinweis auf Melchisedek: »Ata cohen le’olam al-dib’rati mal’ki-zädäk / Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise des Melchisedek.« ›al-dib’rati‹ wird regelmäßig adverbial übersetzt: ›nach der Weise‹ – dabei übersieht man gerne, daß in der adverbialen Bestimmung das geheimnisvolle ›dabar‹, also ›das Wort‹ (griechisch logos) verborgen ist. In Melchisedek (der Hebräerbrief wird sagen, Christus sei ein ein Priesterkönig in der Ordnung des Melchisedek) deutet sich bereits der überzeitlich göttliche Logos an, als welcher Christus in den diesseitigen Kosmos eintreten wird. Melchisedeks Königspriestertum schenkt der Menschheit das überzeitliche Brot, das als Frucht von den Bäumen der poetischen Erkenntnis gepflückt wurde, als auch den in Gottes Mund wie in Fässern gereiften Wein (»Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus.« Gn. 14, 18). Vielleicht sollten wir die Herkunft der Jesusgaben Brot und Wein anderswo suchen als in der Tradition des Passahfestes; bzw. viel weiter hinausfragen über diese. Suchen wir nach Jesu Spuren in der Geschichte, finden wir wenig Weiterführendes. Er wäre dann einfach ein Prophet gewesen, ein bedeutender Lehrer, ein Liebender. Er hätte das Brot der Backstuben und den Wein der Flußtäler gebracht; nicht aber die Sakramente, das Königliche jenseits der Universen, jene Gesten, welche anderen Partituren gehorchen. Hölderlin hat in seinen Hymnen die Spur verfolgt, die zu Melchisedek hin-, über diesen sogar noch hinausführt.

Der wunderschöne Straßenzug: Das Auge gewahrt einheitlich Jugendstilhäuser. Die Häuser wurden gebaut etwa zur Zeit, als Thomas Mann »Die Buddenbrooks« geschrieben; sie atmen alle noch, die übereinandergeschichteten Wohnungen, das 19. Jahrhundert. Damals bereits hat sich eine Macht, die wir heute »Künstliche Intelligenz« nennen, angeschickt, die Weltherrschaft zu erobern. Der Erste Weltkrieg war und ist ihr Manifest: Es geht um die Eroberung der Seelen, um Weltherrschaft, um jene Neue Tyrannis, deren Sieg vorherzusagen Friedrich-Georg und Ernst Jünger und Martin Heidegger nicht müde wurden. Aus spiritueller Perspektive möchte man an einen gigantischen Opferaltar denken, der wie Hölderlins Griechenland als Tisch im Mittelmeer steht (»Seliges Griechenland! …./ Festlicher Saal! Der Boden ist Meer! und Tische die Berge…«). Auf dem Altar wird Jesu Botschaft (die poetische Sprache der Barmherzigkeit, jener geistigen Freiheit, welche Natur, Universum und Menschenwelt und Gottesreich zusammenschaut und als Seele zur Sprache bringt) verbrannt, den Neuen Göttern, den Titanen, einer anonymen Künstlichen Intelligenz, dem apokalyptischen Tier des Abgrunds dargebracht. Darum auch fällt so viel Spott jetzt auf Jesu Jünger, die scheinbar allen technischen Neuerungen seit jeher ablehnend gegenüberstehen, ob es sich um Eisenbahn oder Auto gehandelt oder nunmehr um die digitale Welt geht ––– Wir werden auf das Kommende keinen Einfluß nehmen können – ob wir es verneinen oder vergöttlichen. Ob Ingenieur, Geistlicher, Bergsteiger, Philosoph oder Kassenwart, Königin des Moselweins – die Titanen werden herrschen über Gleiche, Vereinheitlichte; wir werden alle auf die Zahl (den Algorithmus) bis in die letzten Winkel der Wahrnehmung hinein reduziert werden. Bleiben wird während der Herrschaft der Titanen einzig das Aufschauen zu Christus wie der Blick auf die wunderbaren Liebespaare der Literaturen (der Blick etwa auf Almuth und Octave aus dem antitotalitären Roman »Wohin der schöne weiße Regen fiel«). Die Herrschaft der Titanen wird nicht ewig dauern.