Schwalben vergleichbar fliegen Klänge der Radiosender durch die Lüfte des Innenhofs. Ich wäre an und für sich gehalten, in pointillistischer Manier ein paar Blütenblätter aus Bach’schen Kantaten hineinzustreuen in das Gedudel. Allein, das darf ich dem Thomaskantor nicht zumuten und antun. Ich neige zur Auffassung, daß es immer mehr auch darauf ankomme, das Phänomen einer geistigen (der philosophia perennis letztlich zuzuordnenden) Kunst vor der Vermischung mit dem Unterhaltung und Zeitvertreib dienenden Spektakel zu bewahren. Die Zwischenbereiche verdienen dabei Beachtung. So gaben drei junge Musiker gestern Nacht auf der Fußgängerbrücke überm Seerhein spontan ein kleines Konzert für einige Passanten und Radfahrer, die innehielten und die Gelegenheit wahrnahmen, der leisen Gangart von Saxophon, Gitarre und Gesang innig zu lauschen. Zweifellos darf als ein Kennzeichnen des Feinen und Nachdenklichen, zu solchen Zwischenbereichen Gehörenden, »ein unbedingt Leises« gelten. Lärmendes wäre an sich zu verdächtigen. Jesus ist nicht nur der »langsame Mann« (Oskar Loerke), er verweigert sich jeder Marktschreierei. Er fordert auf zum geistigen Tanz und zum poetischen Weinen der Seele (Matth. 11, 16f.), zum spirituellen Kindsein ––– es ist die Mahnung, einer göttlich klugen und feinsinnigen, vornehmen, äußerst höflichen Reinheit, so weit als irgend möglich, sich zu verpflichten. Es wäre die schlechthin poetische Haltung eines Menschen, der liebend mit Jesus sich verbunden weiß.

Der Gewitter mehrere werden in den Brei der Hitze gerührt. Und erwachsene Stürme lehnen sich aus Fenstern und grüßen den Napoleon der Straße wie auch sein Fußvolk erbitterter Regengüsse; und werfen, die Wilden, ihre alles zersplitternden Befehle hinunter. Wir gehen nach allen Regeln der Dressur im Kreis der Manege; verdingen uns als Söldner der Jahreszeiten. Allein die Gewitter ziehen vorüber wie herrenlose Hunde. Alles Aufstellen der Kandelaber um Wolkentürme, alles Leuchten, Aufzucken und Scheinen läßt an leere Drohungen denken. Ich vermute, daß sie wiederkehren werden die Gewitter im Morgengrauen. Ihr starker Arm wird Früchte reißen aus den Baumkronen und sentimental Verträumtes aus den Augen der Biergärten; und wird bestimmen wollen, wessen Herrschaft anbräche morgen.

Noch liegt die Schraffur der Schatten über Mauerresten, die bald vollständig unter einer schmerzhaft grellen, wild auf alles einschlagenden Sonne liegen werden. Es gibt kein Ganzes, keine Mauer als solche, kein Himmel und keine Erde, keine Schule, keine Fabrik, kein Leben, gar nichts mehr, welches unser Hiersein zu repräsentieren imstande wäre. Nicht einmal mehr ein Fragment, das die andere Seite eines Ganzen hochzuhalten die Macht hätte. Wir stehen, wie angedeutet, vor Mauerresten, die womöglich zu keiner Mauer gehören, vielemehr zu etwas ganz anderem, und sprechen, unserer Hilflosigkeit wegen, von einer Mauer, anstatt von Brosamen ehemaliger Steine oder Erdbrocken. Das Leben als solches ist zum denkbar größten, unlösbar anmutenden Rätsel geworden. Unser Wissen darf nicht einmal mehr Stückwerk (1. Kor. 13,9) genannt werden; nichtig ist es geworden; hilft natürlich, den Alltag zu bewältigen, Krankheiten zu heilen etc., erweist sich indes keinesfalls als Möglichkeit mehr, das Umfassende des Hierseins zu deuten. Ich teile die Auffassung László Krasnahorkais, vorgetragen in seinem Werk »Die Welt voran«, daß sich in unser aller Leben, unbemerkt von den allermeisten, eine grundlegende Änderung vollzogen habe: »Was tatsächlich geschehen ist, verstehen wir nicht….wir sind in eine neue Epoche der Welt eingetreten…, das Alte ist zu Ende und ein Neues hat begonnen, und uns „hat keiner gefragt“, ja, wir haben nicht einmal bemerkt, wann alles geschah, wir konnten noch nicht einmal anfangen, von „Wende“ oder „großem Epochenwandel“ zu sprechen, als wir schon, gerade den Wende-Charakter, das heißt die Zeitlichkeit der Wende oder des Wandels lächerlich machend, sahen: Auf einmal leben wir in einer neuen Welt, sind in eine radikal neue Epoche hinübergelangt, und wir verstehen nichts von ihr…« (László Kraznahorkai, Die Welt voran, Frankfurt/M. 2015, S. 31f.) Die Geburtsstunde einer neuen Dichtung, einer neuen Kunst und Philosophie steht unmittelbar bevor. Andeutend meine ich sagen zu können, daß, in Sachen Philosophie etwa, nicht länger die immer feinere Ausdeutung und Neuordnung des bereits Gesagten sich fortsetze, das immer wieder unternommene Wenden der Steine, Interpretieren des Gesagten; daß vielmehr ein anderes, fremdes SAGEN Einkehr halten wird. Heidegger hat sich bereits in einer neuen Sprache versucht, ohne irgend einem Neuanfang gerecht werden zu können. Was die Musik anbelangt, könnte man versucht sein, anzunehmen, im Minimalismus der Neuen Meister sei die Saat bereits andeutungsweise im Aufgehen begriffen. Vom Neuen Glauben dieser anderen Epoche, in welche wir eingetreten, wissen wir nur, daß das Christusgeheimnis die Überschrift sein wird des Verehrens. Noch liegt die Schraffur der Schatten über Mauerresten, die bald vollständig unter einer schmerzhaft grellen, wild auf alles einschlagenden Sonne liegen werden.

Die unendliche Fülle der Titel, welche, wenn ich recht sehe, halbjährlich den Buchmarkt überschwemmt! Unter allem Erscheinenden läßt sich jedoch, was für das Leben überhaupt gelten darf, das Wertvolle, Einzige, Besondere, Weiterführende immerzu finden ––– wie aber diese eine Stimme heraushören aus dem Hard-Rock-Geschrei und Krähenruf der Märkte? Ich habe noch jedes halbe Jahr das Besondere, Stille aufgespürt; wüßte aber niemandem zu berichten, wie mir dies gelungen. Es gibt ein Buch unter allen Bücher, das niemand beiseite legen sollte: Die Heilige Bibel. Jeder einzelne Buchstabe darf gelten als Strand, an welchen Splitter der Werke Platons, Pindars, Gedankenschatten der Relativitätstheorie, historische Erwägungen, Visionen aller Art gespült wurden. Wer eine Seite Bibel liest, steht im Dialog, im ununterbrochenen, mit dem Weltganzen einer fragenden Existenz. Die beste Arznei gegen ein banales Denken und entsprechend einfältiges Vor-sich-Hinlebenmüssen ist unablässige Bibellektüre (und das sage ich zu allen, Gläubigen wie Ungläubigen). Gegen ein Niedergerungenwerden vom Gleichschritt der Tage steht das geistige Abenteuer der Bibellektüre. Die Bibel ist das Brot der Bücher (und, was das deutsche Sprachgebiet anbelangt, sollte einen die Poesie der Lutherübersetzung unbedingt begleiten!). Die Bibel ist die Arche der Sprachweltmeere. Sie treibt, die Arche des Heiligen Wortes, über die Ozeane des Geschwätzes. Im Bauch des Schiffes fändest Du wenigstens ein Partikelchen von jedem jemals geschriebenen (veröffentlichten oder unveröffentlicht gebliebenen) Buch der Universen.

Wenn man in den Kinos doch nur regelmäßig Andrej Tarkovskijs Filme sehen könnte! Das Betrachten der Filme wie eine unablässige Bibellektüre – also das Verharren auch über einzelnen Bildern und Klängen. Tarkovskijs Filme zeigen vor allem eins: Daß wir den Glauben verloren (was zunächst ja nicht weiter schlimm sein müßte); daß dieser Verlust aber tragisch. Wir haben keine Kraft, die Lasten des Kommenden zu tragen. Allzuschnell nur werden wir an Leib und Seele zersplittern. Wir werden hungern und flehen. Wen aber anrufen? »Jesu Name taumelt wie ein Falter in der Dämmerung. / „Schenke ein paar Minuten mir“. / Der Schnee so naß, davon sehr viel schon / weggeschmolzen, läßt mich, wo ich ihn doch, / an Rändern, sehe, / an all die Wege, / an meinen Wahn, an den Pulsschlag / dieser Tage, die Melodie des Lebens, / innigst denken. // Wenn ich Dich o Herr zuweilen / flüchtig sehen dürfte. // Ein Kiosk, zwei schwarze Möwen. / Was soll, o Herr, ein Leben sein / ohne Deinen Flügelschlag, ohne Dein / Hereinscheinen, Deine Botschaft / des Humors? // Deine hohe Hand verwegen nach dem Morgen griff.« (aus: JAHRESZEITEN MEINES WEINBERGS)

In frühen Jahren der grünenden Rebe habe ich begonnen, mit Dichtkunst mich zu beschäftigen. Ich glaube, daß kaum ein Tag (nein, tatsächlich kein einziger) vergangen wäre, ohne daß ich Gedichte gelesen, aus antiken Gärten der Ölbaumfülle Krüge herausgetragen und auf das Stück Erde, über das ich hingegangen jeweils, Strophen vor mich hingegossen, Memoriertes vor mir ausgebreitet. Als Kind habe ich die auswendig gelernten Choräle und Psalmen geliebt, die Apophtegmata aus Jesu Munde, die deutschen Lieder, die die Großmutter gesungen. An Mörikes Geburtshaus hat mein Schulweg vorübergeführt. Seine Schwermut, die württembergische Melancholie, scheint damals den Vorübergehenden Schüler ergriffen zu haben. Den Namen »Hölderlin« habe ich Menschen damals immer wieder aussprechen hören. Kurz nach meiner Konfirmation habe ich das MUSEUM DER MODERNEN POESIE, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, in der Ludwigsburger Buchhandlung »Aigner«, dank mühsam zusammengesparten Geldes, erstehen dürfen ––– die Lektüre dann ein Tag und Nacht ausleuchtendes Johannisfeuer der Seele. Es folgten denkbar intensivste Studien der universalen Poesie. Jahr für Jahr das Wandern durch die Kontinente. Wie die Texte der über die Maßen wertgeschätzten Heiligen Schrift vertiefte ich mich in einzelne Silben, Klänge, Verse. Zaghaft wie ein versonnen auf’s Pflaster sich schreibender Regen begann ich, eigenhändig Strophen zu bauen. Indes die Niederschrift mit dem schönen Pelikanfüller immer wieder in die Steppe hineinführte der Studien, hineinleuchtete in das auseinandergeschriebene Gras etwa des Poems »Engführung« von Paul Celan. Das Eigene immerzu mündend ins Fremde, ohne zurückzukehren, eher in eine vollständige Ferne zu treiben. Jahrzehnte vergingen – dann kamen die ersten Boote doch zurück, legten an den Stegen des Eigenen an. Gedichte entstanden, die aus der eigenen Feder endgültig flossen. Alles, was ich an Poetischem verfaßt, kam aus anderen Ländern einer vollständigen Inspiration. Nicht die Spur einer eigenen Entscheidung. Ich habe alles als Diktat empfunden: Kähne, die angelandet. Die umfassende Kenntnis weltweiter Poesie hätte mir diesen oder jenen Weg eröffnet, ich hätte mich in Sachen Stil für den einen oder anderen Weg (eine bestimmte Art des Schreibens in der Tradition eines Früheren) entscheiden können? Mitnichten. Jeder Stein herausgebrochen aus dem Engelwort gleich einer biblischen Offenbarung. Es ist das Wunderbare an diesen Gedichten einer vermeintlich eigenen Feder, daß sie nicht aus mir herausgeboren wurden; Treibgut sind von anderswoher. Glaube und Poesie sind in dieser Hinsicht Zwillinge: Hoher Klang aus der Fremde, Ruf und Umkehr. »Ich möchte Dich in meine Arme schließen. Und Kerzen der Gipfel sind jetzt angezündet. / Wie ein Fabrikhof dunkel die Wasser am Rocksaum schnüffeln der Ufer. // Einmal wollte ich Dich fragen, Mutter, ob ich den Fluß hinauf an Deiner Seite gehen dürfte? (aus: DIE WÄLDER DES ANDEREN RUSSLANDS)

Kühler Regen führt, der Feldherr voran, sein Heer von den Alpen herab in die Augen der Stadt. Die Stadt ist ein Wald, ein Fluß, eine Steppe, ein ausgesetztes Kind, eine kleine, um Süßigkeiten bettelnde, ausgestreckte Hand. Die Stadt klagt, sie habe keinen Christus, der den Fluchtweg ihr wiese in den angrenzenden Weinberg; indes das graue Heer Einzug hält, gar nicht marodierend, vorübergeht feierlich nahezu wie ein Brautpaar, welches an den Altar tritt. Ihr kommenden Kriege. Und kein Choral weit und breit, den ein einsamer Mund nächtlich sänge.