EL TANGO ARGENTINO. Das Geheimnis des Tangos ist das Geheimnis der Musik Johann Sebastian Bachs, das Geheimnis eines einsamen Herumsitzens im Kaffeehaus, das Geheimnis einer blauen Orange. Der Tango spaziert über die Dächer unserer Städte – und wohnt mittlerweile in Odessa wie in Helsinki und will in Deiner Seele gleichermaßen Wohnung nehmen. Der allertiefste Tango des Dankbarseins auf Erden gehört längst nicht mehr ausschließlich dem Buones Aires eines einzigartigen und wunderbaren Komponisten wie Astor Piazzolla. Der Tango begleitet uns auf dem Weg der Selbst- und Welterkenntnis; als Schönheit tritt er in unser Leben. Vielleicht, daß Tango ein biblisch-adventliches Ereignis! Vielleicht ist der Tango Jesu Wort. Ach, man kann aber auch, ohne viel nachzudenken und herumzureden, einfach zuhören und glücklich sein und glauben. Laßt Euch beschenken von den Musizierenden, die den Tango in der Seele haben, und von der Poesie. Wie gesagt: » Die Erde ist blau wie eine Orange« (Paul Éluard)

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Die eigentliche Auflösung des 68er-Denkens setzt ein mit dem Erscheinen eines Essays von Herbert Marcuse im Jahr 1977: »Die Permanenz der Kunst«. Der geistige Vater der Revolte opfert den Zentralgedanken der Bewegung, der darin bestanden, daß keine Privatheit, alles im Grunde als ein Öffentliches zu betrachten sei. Jede Falte der Intimität, jeder Vorhang, jede Tür, jeder nicht kommunizierbare, in Sprachallgemeinheit fassbare Traum, WC und Bett sogar, seien Kompost, auf welchem Kleinbürgerlichkeit gedeihe. Das kleine Gedicht mit seinen ins Kryptische sich neigenden Buchstaben, der gedankenverlorene Strich des Pinsels, der ausschließlich einer Schönheit sich hingebende Schritt der Ballerina seien bedeutungsgleich einer heimlichen Ausbeutungsstruktur des Kapitalismus, der seinen verbrecherischen Wesenszug gleichfalls hinter dem Ausruf »Seid anständige Menschen und arbeitet«, hinter kleinbürgerlicher Moral also, zu tarnen trachte. In dieser Hinsicht spreche ich von der surrealistischen Wurzel der Achtundsechzigerbewegung: Der Traum sei nicht weniger logisch als Vogelflug, Ausbeutung, Kleinfamilie. Alles sei öffentliche Sprache. Alles liege zu Tage. Das Perfide und Verbrecherische kapitalistischer Wirklichkeit liege im unablässigen Bestreben eines Sich-Verbergens. Nun kommt der Gut-Nacht-Lied-Onkel Herbert Marcuse (nein, ich will nicht spotten; ich schätze seinen Essay über die Permanenz der Kunst außerordentlich; ich bitte um Nachsicht) – kommt also der geistige Vater der Bewegung und sagt: Kunst lebe gerade aus der Verborgenheit, verweigere sich einer Einordnung in marxistisches (oder sonstwie geartetes Denken); man müsse diese Verborgenheit der Kunst als entschieden Widerspenstiges deuten. Der Kunst eigne das Verdienst, kraft ihrer Neigung, sich kryptisch zu gebärden, den Menschen in besonders herausfordernder Weise aus banalen, kleinbürgerlichen, kitschigen Lebenszusammenhängen herauszuführen; als Nicht-Ausdeutbare, Verborgene überrage sie die politische Tat an revolutionärer Kraft. Wie hoch auch immer Marcuse die Bedeutung der Kunst ansetzt – er hat eingeräumt, daß es »Weltabgewandtes«, dem Öffentlichen Sich-Entziehendes gleichwohl gäbe. Der Zentralgedanke war widerrufen, er war dahin. Die Ironie der Geschichte: Daß eine absolute Offenheit des Hierseins (eine Person ohne Türen und Vorhänge, der Möglichkeit beraubt des Intimen) ihre Wiederkehr feiert im Gedankengebäude, der recht eigentlich revolutionären Tat der Künstlichen Intelligenz. Die Algorithmen der Geheimdienste und Konzerne leuchten in die Träume hinein der Einzelnen; niemand, der sich entziehen könnte. Eine Idee ist wahr geworden – trägt indes ein anderes Gewand als ursprünglich beabsichtigt; hat das Lager gewechselt (aus dem Engel der Aufklärung ist der Leviathan geworden der Apokalypse). Ein anderes, leises Denken, welchem Marcuse in seinem Essay durchaus nahekommt, kommt zu uns im neutestamentlichen Hinschauen auf Jesus. Dies andere Denken wäre geneigt zu sagen: Das Verallgemeinernde, Ins-Licht-der-Öffentlichkeit Zerrende von Marxismus, Surrealismus und Algorithmus erweist sich einem einzigen Zentrum zugeordnet (dem einen Tempel der Revolution). Jesu Denken ist synagogal, tempelflüchtig, wandernd. Das Zentrum steht mitnichten auf einem Berg, an einem festgeschriebenen Ort. Jesus ist der Gott des Wegrands und des Windes. Jesus schenkt dem Einzelnen den Traum, Intimität (frei von Kitsch, weil dem hohen Anspruch der Poesie geschuldet); schenkt ihm einerseits Verborgenheit, das Kämmerlein des Gebets, andererseits DAS OFFENE auch, wie es Hölderlin uns entziffert: »Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute / Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein. / …..und fast will / Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit. / ….. Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte / Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, / Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, / Und von trunkener Stirn‘ höher Besinnen entspringt, / Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen…« (Hölderlin, Der Gang aufs Land). Hölderlin deutet ›das Offene‹ im Sinne eines Ausgerichtetsein des Menschen auf das Heilige und Göttliche, auf Wegrand hin und jesuanischen Wind. Jesus öffnet das Denken auf Vielsprachigkeit, weitläufigen Traum, allwehenden Wind. Jesus ist der wandernde Tempel; in ihn, in seine Leiblichkeit hinein sind alle Tempel auferstanden. Die Tempel (nunmehr Synagogen im Mantel des erhöhten Herrn) wandern über Straßen, über Feldwege, an Caféstuben vorüber, unser sowohl der Tyrannis als auch Kitsch und Geschwätz ausgeliefertes Hiersein zu versöhnen: Daß unser Leben »gekrönt sei« mit »Mahl und Tanz und Gesang und Stuttgarts Freude« (Hölderlin, ebd.)

Im Opferkasten nahe der Kirchentür findet sich ein Zettelchen folgenden Wortlauts: »Ich bin arm. Ich habe meine Lippen auf den Papierstreifen gelegt, diesen zusammengerollt und in die Opferbüchse geworfen – wieviel ist meine Gabe wert?«

Die Deutungen dessen, was wir Geschichte nennen – wie stolz und selbstbewußt kommen sie daher! Und Experten überall (deren Bezogensein auf Statistiken). Im Rückblick auf ein langes Leben wird man erkennen, daß alles Deuten, Erklären, Voraussagen albern und nichtig gewesen! Die Geschichte ist Tanz. Niemand der um das innere Gesetz der Schritte wüßte; niemand der vorauszusagen begabt wäre, wohin die Füße der Ballerina fliegen werden. Pfingsten, will mir scheinen, sei ein Tanzlied (in jedem Tanz die Demut der Poesie). »Wer nicht tanzt, / weiß nicht, was geschieht. Amen!« (aus dem Tanzlied in den Acta Johannis, 3. Jh.n. Chr.) Im Ausgießen des Jesusgeistes verbirgt die Choreographie sich. Die Trunkenen auch, die durch die Adern wehen der Städte zu den denkbar kunstvollsten der JSBachschen Schrittfolgen, Säuglinge, Greise, Weltabgewandte, Kinder des Gebets, Studenten und Gärtner, deren Ausgelassensein und Flehn, Radfahrer, Chauffeure, Bäcker, Zauberer und Altgläubige (o ihr tatsächlich Suchenden), Schriftsteller der Nacht, Ärzte, die Gräber ausheben für ihre Winterstiefel, weihnachtlich und österlich Gesonnene, die Schwestern Rahels, Mütter des Totensonntags, die um ihre Kinder weinen, Zeitungsausträger der Morgenfrühe ––– ich erkenne im Pfingstfest den denkbar stillsten Karneval, den Karneval der großen Lektüren, der Spaziergänge des Nachdenkens. Nirgendwo wird das Tuch des Pfingstfestes (aus menschlicher Perspektive) vergleichbar weitläufig und großzügig über die Dinge geworfen der Welt wie in Hamvas Belàs Roman »Karneval« (ihr durch den Kosmos der Jahrtausende getragenen Masken der Hauptgestalt Mihály Bormester). Pfingsten sagt: Unsere Lebenswelt muß als die unendlich anmutende Reihung (Übereinanderschichtung) der Masken verstanden werden ––– Dann plötzlich befinden wir uns (o Staunen über Staunen) im Umkreis der theologia larvae dei (Theologie der Masken Gottes) Martin Luthers, der etwa, vom pfingstlichen Geist verführt möglicherweise, schreiben kann: »Non enim est vere vita sed tantum larva vitae, sub qua vivit alius, nempe Christus qui est vere vita mea, sed tantum audis, ut ventum audis sonare, sed nescis unde veniat, aut quo vadat, Ioan. 3 // Denn das irdische Leben im Fleisch ist nicht in Wahrheit ein Leben, sondern nur eine Maske des Lebens, unter welcher ein anderer lebt, nämlich Christus, welcher in Wahrheit mein Leben ist, das du nicht siehst, sondern nur hörst, wie du den Wind sausen hörst, aber nicht weißt von woher er kommt und wohin er geht«) (WA 40/I, 288)

Ich meine eine Demarkationslinie ausmachen zu können zwischen zweierlei Zuständen der Kunst im weitesten Sinne. Sofern ich von ›Zustand‹ spreche, soll kein erstarrtes Phänomen beschrieben werden. In sich sind diese Zustände bewegt und fließend. Von welchen Zuständen ist die Rede? Es gibt, der Sprache des Universalienstreits mich bedienend, eine via antiqua und eine via moderna. Zur via antiqua gehören Werke, die aus einem individuellen Ringen mit der Wirklichkeit hervorgehen, die die Gottesfrage unabhängig von der eigenen Gläubigkeit als wesentliche Frage aller Zeiten stellen, die das Antlitz der Zeit in einer eigenständigen experimentellen Sprache nachzeichnen und entsprechend existentielle Fragen aufwerfen. Beispielhaft könnte man sprechen von Künstlern wie Paul Klee, Georges Braque, Max Beckmann (entsprechende Namen aus dem Bereich der Literatur brauche ich nicht aufzuzählen). Die via moderna steht für das alexandrinische Phänomen. Es ist die Zeit des Sammelns, Zusammenstellens, Ironisierens, Spielens; Kunst ohne Anspruch auf Orginalität, Anspruch eher auf kluges Arrangieren, das Ausbauen von Theaterwelten ins Unerweßliche – ohne den Furor des individuellen Adrian-Leverkühn-Flehens. Der via moderna in diesem Sinn eignet eher ein Lebensgefühl des Satten (nicht anklagend gemeint!); der via antiqua das des Hungers. Chronologisch lassen sich die zwei Zustände nicht unterscheiden. Die Lebensdaten der jeweilig Schaffenden vermischen sich. Der Riß kann sich durch eine einzige Biographie ziehen. Die Demarkationslinie existiert; es handelt sich tatsächlich um zweierlei Entwürfe des Kunstschaffens. Hier der Feldweg (Feldweg, welcher auch durch Metropolen führt; der Feldweg Heideggers und Jaccottets) – dort die Bibliothek; via antiqua ist Gebet, der via moderna entspricht eine gewisse Müdigkeit zusammengetragenen Wissens. Zu welchem ›Lager‹ ich gehöre, entzieht sich meiner Entscheidung. Ich spreche von Geworfensein. Ich kann nicht wählen. Letztlich führen beide Wege ins Scheitern, sind beide Wege dem Gericht unterworfen.

Ich denke dieser Tage oft an E.M.Cioran. Ich habe einige seiner Bücher wieder gelesen. Ich liebe dieses Schrifttum der Schwermut, der Verzweiflung, des Lachens, Schrifttum eines verzückten Stils. Thomas Mann schildert in seinem Roman DR.FAUSTUS das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn. Der war, wie E.Cioran, ein dionysos philosophus, ein Künstlerphilosoph von nietzscheanischer couleur. Am Ende des Romans die Schilderung der Beerdigung Adrian Leverkühns. »Am 25. August 1940 traf mich dahier in Freising die Nachricht vom Erlöschen der Reste seines Lebens….Am offenen Grabe auf dem kleinen Friedhof von Oberweiler standen mit mir, außer den Angehörigen, Jeannette Scheurl, Rüdiger Schildknapp, Kunigunde Rosenstil und Meta Nackedey, dazu eine unkenntlich verschleierte Fremde, die, während die Erdschollen auf den eingebetteten Sarg fielen, wieder verschwunden war.« Wer nur war die verhüllte Unbekannte an Adrian Leverkühns Grab? War es jene Hoffnung, die für den gekreuzigten Christus steht, war es dessen inkarnierte Gegenwart, die dort anhebt, wirklich und wahr zu werden, wo gestorben wird? Ob sie, die unkenntlich verschleierte Fremde, auch am Grab auf dem Friedhof Montparnasse kurze Zeit gestanden, in das man den am 20. Juni 1995 in Paris (an der Alzheimerkrankheit) verstorbenen Schriftsteller E. Cioran gelegt?

Pfingstrosen in einer hohen schwarzen Vase lassen die Blätter fallen. »Einzig eine fallende Blüte ist eine vollkommene Blüte, hat ein Japaner gesagt. Man ist versucht, dasselbe über eine Zivilisation zu sagen.« (Cioran) Korinthisches Auferstehungsdenken insofern, als gerade im Niedersinkenden, womöglich Abseitigen, Verborgenen, eine Kraft nach oben zieht, welcher die Welt, wie innig sie sich auch dagegen stemmen mag, nichts entgegenzusetzen weiß. Cioran spricht über das Geheimnis des Glaubens. » Wenn das Gefühl, daß die Welt ein Geheimnis birgt, je aus der Menschheit entschwindet – ist alles zu Ende. Ich glaube aber nicht, daß es so weit kommen wird…« (Gershom Scholem, Winter 1973/74). Ich höre die Bach-Kantate »Am Abend aber desselbigen Sabbats« ( BWV 42). Die einsame Arie »Wo zwei und drei versammlet sind / In Jesu teurem Namen« scheint für alle in der Welt Fallenden geschrieben, komponiert zu sein. Aufleuchtet jenes geheimnisvolle Lächeln der Schwermut, jenes allverklärende… Unter meinem Fenster befassen sich drei junge Männer, die wie Söldner gekleidet eines nie zu Ende gehenden Kriegs, liebevoll und zärtlich mit einem Moped, kraulen und segnen Rahmen und Motor des stummen Gefährts. Ich gehe an der Seite der Bach’schen Instrumente (steigendes und fallendes und wieder steigendes, flackerndes wie auch fest gefügtes Klingen) den weiten Weg (den wunderbar einsamen Pfad durch Wiesen frühlingshaft verregneter Städte) – bis endlich die Altstimme anhebt zu versichern: »Wo zwei und drei versammlet sind / In Jesu teurem Namen, / Da stellt sich Jesus mitten ein / und spricht darzu das Amen.«