Ereignisse verschweben in Nebellandschaften, werden vergessen, schleichen sich aus der Zeit. Zurückdenkend an die Jahre etwa um 1968 hörst du Stimmen ungeordnet nebeneinanderher anklingen, Gesichter steigen über Leitern herauf aus sprachlosem Wald, und Stimmen gehen wie Verliebte schüchtern aneinander vorüber. Damalige Städte sind Fremdworte nunmehr, die heutzutage falsch ausgesprochen werden. Gerne wollte ich den Gedanken, Bildern, Geschehnissen Plastizität zuordnen, was schwer nur gelingen will. Mir wäre daran gelegen, Lehrer vergangener Zeiten, Krankenschwestern, Friedhofsgärtner, Pharmazeuten ins Café einzuladen. Allein sie wagen sich nicht heraus aus ihrem je eigenen Verstorbensein. Gemeinsam ist allem Vergangenen, daß langsam gesprochen wird; jede Spur von Hast sich im gleichmäßigen Sterben namenloser Flüsse verloren hat. Der Poesie eignet ein vergleichbar langsames (feierliches) Sprechen – darum wohl, weil sie als Vogelflug aus einem Gewesenen herüberwächst ins süße Jetzt. Sich zu erinnern heißt, in einen Fernzug einzusteigen, weggetragen zu werden aus Kalendertagen, einzutauchen in eine Welt kostbarer Schuhe, eine Welt der Stirnbänder und Spangen, der Ohrringe, der Schleier, Schrittkettchen und Hauben, Riechfläschchen und Amulette, der Mäntel, Umhängtaschen, Mondfragmente. »Tabakduft jener abenderhellenden Lampen. / Unauslöschbar die Erinnerung an Städte; als ob die / unter Wasser leiden könnten; Städte, tief in uns verborgen – / Ob ich wohnen dürfte monatlang, o Stadt, als Vogelnest in dir? / Am Strand, im Treppenhaus? Ein Fuhrwerk schriebe sich / an mir vorüber.« (aus: Der Paraklet)

In der Ferne der Himmel mache ich einen Bussard aus, bewundere dessen gemächliches Gleiten durch die fremd anmutende Geschwätzigkeit der Luft. Das Licht der Autoscheinwerfer verliert sich im niederfallenden Dunkelblau der sechzehnten Stunde eines Tages. Eine kleine Vogelstimme stolziert am Gehöft vorüber. Ich gewahre den Giebel des Aussiedlerhofs; höre, von einem ferneren Hügel her, den zweimal hochfahrenden Ruf einer Krähe. Mein Eindruck: Das Tuch eines maghrebinischen Windes sei auf diesen Hof, dessen Gelände in erreichbarer Nähe vor mir sich öffnet, gelegt worden. Überhaupt das Empfinden, die Häuseransammlung sei das (wie während des Telephonierens so nebenher und willkürlich) auf ein leeres Blatt gekritzelte Antlitz aus drei, vier Strichen. Auch meine eigene Biographie entspräche einer eher flüchtigen Skizze. Ich beobachtete das geschäftig atemlose Klettern und Abstürzen und Im-Kreise-Herumirren einer Baldachinspinne im Inneren des Wagens. Es gälte zu bedenken, erwäge ich, daß Ewigkeit gerade aus dem Kaffeesatz der Hinfälligkeit herausgelesen werden müsse. Ich fahre am Aussiedlerhof vorüber. In unserem Hiersein ist so viel Vorüberstürzen, so wenig Vorübergehen, so viel Drängen und Stürzen und so wenig Verweilen und leises Spazierenwehen. »Ich möchte morgen vor einer Bäckerei anstehen um eine Handvoll Korn, hinuntergehen später gedankenleer den Weg zum Ufer, das Ruderboot im Hafenbecken schwanken sehn, um die Folterkammer mich nicht kümmern müssen verrinnender Zeit. Weißer Wind, steh‘ mir bei, wenn gegen Abend hin das Streichholz bricht« – so bete ich.

César Airas Erzählungen (sofern ich recht unterrichtet bin, wurden sie allesamt in Cafés, vielleicht sogar in einem bestimmten Café geschrieben). Es taucht immer wieder das mythische Städtchen Colonel Pringles auf. In Was habe ich gelacht bekennt ein fiktiver Erzähler, er habe sich, anders als die meisten seiner Geschwister, Vettern und Kusinen, dagegen verwahrt, eines der großen Gymnasien der Stadt Buenos Aires zu besuchen; habe es vielmehr vorgezogen, auf die Staaltliche Schule in Pringles zu wechseln. Über besagteSchule lesen wir alsdann die wunderbaren Sätze: »Das Colegio Nacional von Pringles war eine ziemlich schäbige Einrichtung, passend zu dem Städtchen; von Ausnahmen abgesehen, gab es dort keine ausgebildeten Gymnasiallehrer: deren Aufgaben übernahmen einige pensionierte Grundschullehrerinnen sowie Ärzte und Rechtsanwälte, die das als ihre Bürgerpflicht ansahen oder es einfach gern taten … Auch wenn die Anforderungen des Lehrplans unberücksichtigt blieben, war der Unterricht auf hohem Niveau und wurde nach sehr persönlichen Methoden erteilt; die Allgemeinbildung dieser meist sehr belesenen und über viel Freizeit verfügenden Fachkräfte war in der Regel erstaunlich, und da sie den offiziellen Programmen keine Beachtung schenkten, konnten sie diese ihre hohe Bildung in langen Abschweifungen unter Beweis stellen.« Gegenüber einem der Cafés, die ich regelmäßig aufzusuchen pflege, befindet sich ein Staaltliches Gymnasium. Ich denke an die Lehrer, die dort Dienst tun. Ich denke an die Schüler. Ich erinnere immer und immer wieder die oben zitierten Sätze des argentinischen Autors César Aira. Ich bin dankbar und stolz, während meiner damaligen Gymnasialzeit in der schwäbischen Stadt Ludwigsburg, einigen Lehrern noch begegnet zu sein, die anspruchsvoll unterrichteten, sich keiner pädagogisch-methodischen Vorgabe unterwarfen, die vollkommen frei, zugleich denkbar anspruchsvoll und entsprechend hoch gebildet den Unterricht gestalteten, die, einen Ellbogen auf die Fensterbank gestützt, aus dem Effeff von Goethes Faust zu Dostojewskis Brüder Karamasoff, zu Hölderlins Christus-Gesängen, zum Ulysses des James Joyce, zum biblischen Hiob wechseln, bzw. die Ergebnisse der Fußballoberliga vom Wochenende kommentieren konnten.

… ob es auf dieser Erde noch so etwas wie ein festliches Leben geben könne? Anna Gesenius glaubte nicht daran. »Nein, nein«, sagte sie, Haarsträhnen aus der Stirn streichend, »das Leben überhaupt hat jede Festlichkeit verloren …« Ich widersprach vehement: »Das Fest hat noch gar nicht wirklich begonnen. Was bislang von den Völkern der Antike bis auf den heutigen Tag als festlicher Grund des Dasein bestimmt und erfahren wurde, hat mit der bevorstehenden, recht eigentlich erst anhebenden Festlichkeit noch gar nichts zu tun. Alles, was bisher als festlich wahrgenommen wurde, ist allenthalben Auftakt gewesen, Ouvertüre, Präludium.« Anna Gesenius beschwor, das Wort wieder aufnehmend, eine uns Heutigen noch ungewiße, dunkle Zukunft. »Das Karussell wird lange noch sich drehen, der Generationen viele werden noch kommen und gehen, noch sehr viel Schmutz muß abgewaschen werden von den Tagen der Dohlen, der Schiffschaukeln, den Tagen der Lakritze und der Radiostimmen; noch sehr viel Gift muß tropfen aus Menschenmündern.« Ich beharrte darauf, es sei nicht angebracht, von Untergang, von Apokalypse und Ende der Zeiten zu reden. »Wir leben noch in unmittelbarer Nähe zum Ursprung aller Zeit. Noch nicht einmal der zweite Tag ist angebrochen und die meisten weinen bereits den Untergang herbei. Wir können die Pharaonen sogar noch sprechen hören. Es ist noch gar nicht viel Zeit vergangen. Keine Rede davon, daß wir am Ende aller Dinge stünden, wie Sie, Anna, es zu sehen geneigt sind. Es ist auf dieser Erde noch gar nicht viel geschehen. Das Eigentliche steht uns noch bevor.« Anna Gesenius reagierte voller Spott: »Ach ja, es sind ja doch erst ein paar Millionen umgebracht worden, so ein paar kleine Kriege haben die Menschen gefressen, dagewesen sind ein paar Engel, ein paar Göttersöhne, der Tyrannen wohl gar einige, der Teufel auch. Man hat Schnaps gesoffen, an Kartoffeln sich sattgefressen zuweilen, nachgestottert hat man das eine oder andere schwarze Alphabet. Ansonsten aber ist noch nicht viel geschehen auf dieser Erde.« Das Schwirren und Flügelschlagen und Aufsteigen der Vogelschwärme über der traurigen Großstadt. An einem Kiosk später, umrahmt von Wintersonne, tranken wir einen Becher Billigkaffee. Wir lasen, Gebäck essend, gemeinsam im Tagebuch, welches eine Frau in den Nachkriegsjahren, während der Flucht von Bulgarien nach Nordgriechenland, verfaßt; lasen diese mit kleinen Flüchtlingsbuchstaben übersäten Seiten (und die Buchstaben selbst, so Anna Gesenius, würden gleichermaßen wie in die Flucht geschlagene Wanderer erscheinen; die Buchstaben auch seien Flüchtlinge. In Manteltaschen und Koffer, in Rucksäcke, Tüten, Ledermappen, in Brotbeutel gestopfte Worte). Über den 25. Januar 1945 hatte die Flüchtlingsfrau ein Wort von Novalis geschrieben: »Das ächte Princip der wahren Phil muß – das gesundmachende- frey, heiter und jungmächtig, klug und gutmachende Princip seyn.« Ich warf den leergetrunkenen Becher in einen Abfalleimer; ich spürte die ›ächte‹ Philosophie in mir erwachen.

Wieviel Sprache verbirgt sich in einem Stein? Gedanken zum gesellschaftlichen Ganzen verlieren sich in tausend und abertausend Büchern; deren Fußnoten wiederum! Und Abgründe alle des Daseins. Details über Details. Die Gassen, Straßenkreuzungen, Flußläufe, Brücken, Bahntrassen in einem einzigen Menschenhirn. Differenziertheit des Wissens (was wir über Jahrtausende hin an Erkenntnissen erworben). Der Begriff ›Polyphonie‹ wirkt schüchtern angesichts der Phänomen- und Ereignisvielfalt auf Erden; vom Universum, dessen Präsenz alle Zahlenspiele, jede verträumte Theorie lächerlich klein erscheinen läßt, ganz zu schweigen. Vielleicht aber ist der ganze Kosmos nur ein Seufzer Gottes, wenn Gott nachts aufs Lager sich legt und ein wenig weint.

Am Vorabend des 1. Advents ein ›kleines‹ Konzert in unserer Gemeindekirche: »Adventliche Kammermusik für Blockflöte und Orgel um den Choral Veni redemptor gentium: Nun komm, der Heiden Heiland«. Ein Segen, dies bleiche Gesicht einer gottgeistinspirierten Klangvielfalt schauen zu dürfen. Hören entspricht einer geistigen Schau, dem Erfassen einer kosmischen Konstellation, einer Skulptur, von keiner Menschenhand geformt. JSBach, Buxtehude, Telemann, Johann Gottfried Walther, Samuel Scheidt waren alles andere als Schreihälse. Die Klänge dieser Tonsetzer blättern ein Buch auf, in welchem Buchstaben wie Frachter aus einem alten Hafen ausfahren. Ich knie vor solchen Giacometti-Skulpturen einer zurückgezogen lebenden, einsamen Vornehmheit, die aus dem Mund der Kirchenorgel wächst, ich knie vor der virtuos tanzenden Notenfamilie der Blockflöten. »Tage, adventlich: / Ein Jahrhundert aus Buchstaben / Gebraut. // Bäume, die aus den Augen sich verloren, dürfen, / Dürfen mit ihren dunklen Händen , in die Fremde hinein deuten; / Bäume, die das Hochseilschreiben der Orkane / Zu entziffern trachten.« (Dramturgien des Winds) An einem Vorabend der Advent sein Reich, meine Seele, betrat.

Eine Bank im Wald; ich sitze unter einer Buche, verliere mich in den Anblick eines einzigen Blattes; eines von den wenigen, die noch nicht zu Boden gefallen. Ich frage nicht nach der Herkunft des Blattes, nach seiner Biographie, seinen Verwandtschaften. Die Biologie des Blattes ist mir in diesen Augenblicken vollkommen gleichgültig. Ich erlebe das welke Buchenblatt einzig und allein in seiner Präsenz. Keine andere Eigenschaft könnte ich ihm zuschreiben als sein Zugegensein, seine Anwesenheit, sein nacktes Erscheinen, welches keine Absicht verfolgt, frei ist von jedem Begehren, jedem Gewesensein, wie auch jeder Zukunft. Ich wüßte nicht zu erklären, weshalb ich ausgerechnet dieses eine, bestimmte Blatt ins Augen gefaßt. Hat je ein anderes Auge in vergleichbarer Ausschließlichkeit sich diesem vermeintlich x-beliebigen Blatt einer Thurgauer Buche gewidmet? Auf der Hochzeit in Kana verwandelt Jesus Wasser in Wein. Aufscheint im hochzeitlichen Kontext ein Fließendes, welches jeder ursprünglichen, primären (vom Menschen noch nicht gebrauchter, bearbeiteter) Materie innewohnt (dem Stein, dem Blatt, dem Ast, dem Wasser, dem Sand und der Erde …); ein Unterwegssein der Materie ohne Woher und Wohin, ihr Eingebundensein in ein Ewiges. Indem Jesus das einfach vorhandene Wasser umwandelt in ein den Menschen dienendes Kulturgut, den uralten Wein, öffnet er die Tore, läßt Ewigkeit einströmen ins Hier und Jetzt. Unserer Seelen betteln unablässig um ein entsprechendes Öffnen der Tür, sehnen nach der Vermählung sich mit messianischen Augenblicken der Materie. Meine Seele möchte das dem Buchenblatt einwohnende Ewige heiraten, bleibend ergriffen werden von der sozusagen erotischen Messianität des vermeintlich x-beliebigen, herbstlich vor sich hinwelkenden Blatts. Das Blatt darf gedeutet werden als einzelner Buchstabe eines himmlischen Alphabets. Die Ewigkeit Gottes weiß sich ausgeschüttet über Wälder und Städte; »Gott gibt den Geist ohne Maß« (Joh. 3, 34). Wessen Seele sich ergreifen läßt vom maßlos ausgegossenen Geist, vernimmt in den Räumen seiner Existenz den Widerklang sich verströmender Ewigkeit. Das Wunderbare vermag überall erspürt, geschaut zu werden. Die Hochzeit zu Kana ereignet sich auch auf der Sitzbank unter einer Thurgauer Buche. »Dem Klavierspiel eines Meisters möcht ich lauschen, wenn das Fischerboot / Im armen Montagmorgen sich verliert, in den Falten einer dunkelschönen Achselhöhle« (aus: Splitter einer Trunkenheit)

Vor dem Erwachen eines erhaben verregneten Tags; bevor sie einsetzen, die Ströme des Straßenverkehrs, das vieltausendfache Hasten der Fleißigen aufs Pflaster pocht, schreitet ein einsamer Rucksackträger Richtung Bahnhof. Wo gehen wir hin? Begleitet uns die Kunst auf dem Weg, den wir zu gehen gehalten sind? Man möchte meinen, ihr Segen glänze tatsächlich über unseren Straßen. Überall die Museen, Galerien, Hallen, Ausstellungen über Ausstellungen; das Heer der Kunstschaffenden. Dagegen gibt die Erzählung Ein unbekannter Freund von Iwan Bunin, komponiert in Form von Briefen, zu bedenken:»Neun Zehntel aller Schriftsteller, sogar die ruhmreichsten, sind nichts als Erzähler, das heißt, sie haben mit dem, was mit Recht Kunst genannt wird, nichts gemeinsam. Und was ist Kunst? Gebet, Musik, Gesang der menschlichen Seele … « Iwan Bunin bestimmt die Kunst als ein Hohes, Höchstes; Gott vergleichbar. Bunin parallelisiert Kunst und Theologie dergestalt, daß wir nachgerade von einer ars abscondita zu sprechen uns genötigt sehen, welche zu unbestimmter Stunde an unvorhersehbarem Ort ins Offene tritt, ihr Angesicht zeigt. Gebet und Musik und Gesang gehören keiner Nationalsprache – kosmisch das Wirken aller drei. Also sind sie stets und überall bei uns. Allgegenwärtig dieKunst als ars abscondita in Raum und Zeit. Sichtbar, als ars revelata, zuweilen und ganz selten nur. Wir leben in Gott, wir leben in der Poesie – es mögen noch so viele schwarze Vögel über unserem Haupte kreisen … Als Gesegnete, als Gottgeistüberglänzte schreiten wir Abrahamiten, Priester, Tonsetzer und Tänzer, durch die Gassen einer unsichtbaren Stadt – wer ihren Namen kennt (cf. Offb. 21).

Platanen des Ufers tragen Blattwerk noch; müd gewordenes, welches im Begriff ist, hinabzusteigen, Spaziergängern auf die Schultern zu fallen. O die Wege, die wir beschreiten. Wir meinen, sie seien von unendlich anmutender Vielfalt; jeder Tag bedeute das Abschreiten immer neuer Pfade: trauriges Hingehn oft durch Straßen, ein Flanieren nicht weniger oft der Freude, nicht selten ein langweiliges Setzen von Schritt für Schritt ––– Das Beckett’sche Quadrat gibt eine andere Deutung unserer Wege. Das Beckett’sche Quadrat , ein minimalistisches Filmfragment, zeigt vier Figuren in Kapuzengewändern, Gestalten, die die Längslinien und Diagonalen eines Quadrats ballettartig abschreiten (eine Seitenlänge umfaßt 6 Schritte); stetig treu den vorgegebenen Linien folgend, dabei die Mitte des Quadrats nach links umgehend. Diagonalen und Seitenlängen des Gevierts stehen, so meine Deutung, für eine vorgegebene Grammatik, deren Kammern und Höhlen und Himmel wir nicht verlassen können. Wir bleiben stets innerhalb der Sprache, es gibt kein Außerhalb zu ihr. Immergleiche Wege, Pfade; ein monotones Abschreiten vorgegebener Straßen. Ich deute Becketts Quadrat im Sinne des paulinischen »tosauta ei túchoi génē phōnōn eisin en kósmō kaì oudèn áphōnon / Es gibt so viele Sprachen in der Welt und nichts ist ohne Sprache« 1. Kor. 14, 10). Als stetig im Bereich von Sprache uns Aufhaltende, schreiten wir, Wachende, Träumende, von unserer Geburt bis zu unserem Tod, die Linien ab der Grammatik, sind wir unterworfen einer Diktatur der Grammatik. Das Hingehn, Abschreiten, Vorübergehn, niemals Innehalten, das Unablässige eines Immergleichen möchte die Tragödie spiegeln des Hierseins – in dem Sinne, daß jeder eigenständig gedeutete Lebensentwurf, der Versuch also, in entgegengesetzter Richtung etwa oder außerhalb der Linien gar, seinen Weg zu wählen, einer großen Illusion entspricht. Beckett, der den Menschen als tatsächlich Geworfenen deutet, ist der schlechthinnig tragische Denker. Allein, die Blätter, die auf die Schultern uns fallen, sind schön.

Ich weiß nicht, ob viel sich zugetragen in meinen Jahren auf Erden, ob wenig geschehn; ob alles, was sich ereignet, ein Mittelmaß spiegelt (Letzteres mag eigentlich niemand hören)? War mein Seelenleben reich und bunt? Habe ich vergleichsweise oft oder seltener eher gelitten? War ich ein Kind der Kunst, des Glaubens, der Faktizität? Darf ich mich den Verträumten zuordnen, zu vermeintlichen Entscheidungsträgern gehören, mich zum Taugenichts erklären? Ich bin mir im Klaren darüber, daß ich außerstande bin, dies alles zu beurteilen. Wäre ich Nietzscheaner, ein Parteigänger Hölderlins, ein Bewohner des Platon-Anwesens? Bibelkenner oder schlicht und ergreifend ein Idiot? Ein intensiver Leser? Einer, der schnell wieder vergißt, was Kafka sagt, was Lévinas, Ko Un, Jiménez sagen? Bin ich ein Eselchen, eine Möwe, ein Segelschiff? Das Schlückchen Kaffee im Munde eines Gottes? Ein Prediger? Ein Analphabet? Mein Leben – Asche, eine tote Sonne, eine Linde herbstlich? Ein Zeugnis gelebter Liebe? »Aus der Donnerstagsfrühe, über den Norden /des Wohnblocks hinaus, steigt, flammend, in prophetisch / dunkelblau-orange gewürfeltem Tuch, ein vom Meister / in den Anfängen bereits verworfener Tag. // O Maßlosigkeit der Gärten, Maßlosigkeit der Mauern, / Maßlosigkeit einer weitestgehend verschatteten Schlucht. / Armut der Zierbäume in Höfen hinter Lagerhallen. / Armut der Sprachen. Pfefferminztee, der vergiftet. // Ich ging manches Mal durch Straßen maiverdunkelt. // Alle Wege endeten, die mächtigen Ströme des Schutts, / in der Spielzeugkiste eines Ignoranten. / Ich habe nichts verstanden. / Ich habe wirklich nichts verstanden. / Alles nur ein schmerzlich Lächeln. / Meine Zeit: ein Vergessenwerden, ein Krug, / ein leergetrunkener Krug. // Manches Mal zog ich durch Straßen, deren Namen & Geburtsdatum ein Rätsel.« (Ich habe nichts verstanden. Donnerstagsfrühe) Gültig bleibt die Jesusliebe.