Die ersten Getreidefelder des Sommers sind geerntet worden. Stoppelfelder auf dem Bodanrück – Erinnerungen an die Kindheit, als wir nachmittags über die an Ludwigsburg damals noch grenzenden (heute längst zu grauen Siedlungen gewordenen) gelben Flächen gegangen. Und die Van-Gogh’schen Krähen in den Ackerfurchen. Zuweilen male ich mir aus, wieviel Vogelflug ein Feldstein, der seit Jahrzehnten auf Erdkrumen liegt, gesehen. Die Messer und Gitter der Traktoren haben ihn oft verletzt; er hat geweint und die Schürfwunden ertragen – gleichwohl ist er Stein geblieben unter den Himmeln. Ich neige dazu, meinen religiösen Glauben mit einem solchen Stein zu vergleichen. Beide, Stein wie Glaube, haben die Jahrzehnte überdauert, den Zugriff der Maschinenwelt überlebt, die Wunden sind Narben geblieben (»Narben gleichbar zu Ephesus. Auch Geistiges leidet, Himmlischer Gegenwart, zündet wie Feuer zuletzt« Hölderlin, Überarbeitung Strophe VII Brood und Wein, Wolfgang Groddeck, Hölderlins Elegie Brod und Wein oder Die Nacht, Frankfurt a.M./ Basel 2012, S. 180ff. & 320). Der geistige Glaube liegt wie ein Stein auf der Erde um Ephesos – jene Stadt, deren Name im hohen Paulusbrief Ewigkeit erlangt. Brief wiederum, der die Fuge Eph. 1, 3- 14 in sich birgt; darüber der geistadlige Berliner Philologe Eduard Norden (1868-1941) sich empört. Er erkennt in Eph. 1, 3-14 ein geradezu absurd anmutendes Satzgebräu: »DAS MONSTRÖSESTE SATZKONGLOMERAT (DENN VON EINER PERIODE KANN MAN DA GAR NICHT MEHR REDEN) DAS MIR IN GRIECHISCHER SPRACHE BEGEGNET IST«. Der Feldstein gleicht diesem absurdesten Satzkonglomerat. Mein Glaube gleicht diesem Ephesersatzkonglomerat. Beide, Stein wie Glaube, sind Geschwister schwarzer Van-Gogh-Krähen. Gott hilft uns Krähen und Steinen, uns Gläubigen, in Seilen der Liebe zu gehen, er hilft uns, das Joch auf dem Nacken zu tragen und gibt uns Nahrung (cf. Hos. 11, 4). Die ersten Getreidefelder dieses Sommers sind geerntet worden.

»Geldanlage / Der Bankengipfel Baden-Württemberg« – gestern der Süddeutschen Zeitung beigelegt: ein paar Seiten, die Stuttgart preisen als Stadt des Geldes. Artikel über Neues Denken (»Ihr Kapital kann viel mehr, als nur Rendite erzielen. Es verändert die Welt.«), über Inspiration (»Intelligent investieren – die 17 besten Anlageideen der Bankprofis.«) und Weitblick (»Populismus verändert die Gesellschaft. Und mischt die Karten für Investoren neu.«) Das Titelblatt zeigt, in einer Reihe aufgestellt, acht Männer in dunkel-, hellgrauen und blauen Anzügen; sieben haben die Krawatte umgebunden; der die Aufstellung anführt, hat für ein zartblaues Hemd offenen Kragens sich entschieden; er tut einen Schritt – nicht zur Seite, was vornehm wäre; vielmehr, in den Raum ausgreifend, also zukunftsgestaltend, nach vorn. Einigen Anzügen fehlt die klassische Linie, die sich anböte für ältere Herren. Sie sind, die acht, nicht besser und nicht schlechter gekleidet als Freizeitsportler und Spätalternative der abendlichen Kneipenszene, sehen nicht biederer und nicht schlechter aus als andere ihres Alters. Gepflegte Menschen, die schreiben und lesen können, Popmusik hören, aber die Oper nicht verachten (in Konzertsälen sich gleichermaßen sehen lassen), die radfahren und bei Alnatura wie bei Aldi an der Kasse geduldig sich anstellen, die Kinder zum Flughafen bringen, regelmäßig den Urologen aufsuchen zur Krebsvorsorge. Die wesentliche Botschaft der SZ-Beilage steht, kleingedruckt eher, unter einer Photographie im mittleren Teil des Blattes, auf welcher die, recht besehen, gar nicht großsprecherisch wirkenden Herren (ich kann sie mir gut beim Weintrinken vorstellen im Reihenhaus) um einen Tisch herumsitzen. Sie lautet, die Botschaft: »Eine Rezession ist trotz aller Risiken unwahrscheinlich.« Damit wird ausgedrückt: Käme es doch zum Zusammenbruch – wir haben ihn nicht ausgeschlossen; an sein Kommen nur haben wir nicht glauben wollen. Die acht lächeln, tragen die Miene des freundlich Zuversichtlichen. Was mir beim Betrachten »des Bankengipfels Baden-Württemberg« in den Sinn kommt: Ich sehe Männer, die sich ängstigen. Menschen der Angst; Menschen der Römerbrief- und der Kierkegaard-Angst. Sie sollen erscheinen als solche, die sich unterscheiden von jener Masse, welche über die Straßen eilt; sollen im Licht erscheinen derer, die für den Mut zum Dasein stehen – aus ihnen auch spricht jedoch die Hiobsangst: »Nacket bin ich von Mutter Leibe kommen, nacket werde ich wieder dahinfahren.« Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, mich über diese Männer stellen zu wollen, als unbeteiligter Beobachter ein erhabenes Urteil zu fällen. Die im Neuen Testament angedachte, uns alle ausnahmslos durchwaltende Elementar-Angst kann niemand aus sich herausbrechen. Es gilt indes hervorzuheben: daß ein apokalyptischer Ton in die Sprache sich nunmehr endgültig eingeschlichen. Er webt, der Johannes-Offenbarungston, in dieser Zeit, in den Verästelungen unsrer Sprache, in der Nackheit unserer Augen. Wir mögen nach außen hin harmlos erscheinen wie auch immer, innerlich ganz heiter gestimmt sein – es herrscht ein unverrückbarer ERNST über uns alle.

Ich schreibe dieser Tage an einer metaphysischen Dichtung des Titels »Die Prophetin«. Im Manuskript finde ich folgende Verse: »Bücher werden leise sterben / als ob ein Lied des Jacques Prévert kopflos verliebt auf ölverseuchtem Grund noch eine Zeit lang sich der Herrschaft fügen würde einer Laute, vielleicht sogar der Hoheit des Fagotts / Bücher werden leise sterben / werden wie ein kranker, schwarz gewordner Weinstock um ein Schattendasein flehn / Bücher wie zerriss’ne Netze eines Fischkutters, welcher gestern schon in einem Hafen schneeverregnet vor sich hingewelkt, in einem Winkel jener Insel Fårö, auf der ein Ingmar Bergmann von der Welt sich abgewandt ––– / ohne Bücher fehlt die Krypta in der Sprache, ermangelt es der Brackwasser und all der Dialekte, die in Dörfern noch gesprochen werden // ich blättere versonnen in den Evangelien. Die Schale heißen Tees wärmt mir den Leib im mauerkalten Haus / ich glaube nicht, daß die Bücher uns verlassen werden«

Die griechische Antike verklärte den Ursprung der Welt; suchte ihn im Gedränge der Mythen, im Pluralis sternenbestickter Gewänder. Israel erinnerte sich des Ursprungs als eines dichterischen Gesanges (als ob ein versonnener Gott Splitter seiner Sprachschönheit unter Notenzeichen in das Heft seines ländlichen Seins gekritzelt hätte). Noch Ernst Jünger erlauschte im Wilflinger Dorfhaus den Urklang des Gewordenen. Wir sprechen, Gläubige der Ziffer und der Menschenmassen, vom Urknall nur noch; haben aller Schönheit, allen Wohlklangs abgeschworen; anstelle der Tempel und der Synagogen errichten wir Käfige aus Wimperntusche, Kehricht, Schuld. Unser Ursprung sei kein Lied, sagen wir voller Stolz, unser Ursprung sei ein Wissen, sei der Krähenschnabel vieler Zahlen, unser Ursprung bestehe darin, daß wir keinen Ursprung haben wollten, einfach nur noch da seien, um nicht mehr wegzugehn (nur die Augen nie mehr schließen; wir verscheuchen die Insektenplage eines jeden kindlich verträumten Schlafs); inhalieren, anstatt, daß wir den Duft noch atmen dürften alter Dorfkirchen, den Atem von Fabriken der Chemie; Hauch, welchen ein toter Mund, auf Geheiß des Staats, der Sonne totalitär, ins Reine unbarmherzig dann diktieret eines Siechtums. Nur noch anwesen, die Augen aufreißen; niemehr träumen, niemehr versonnen sein. Unser Ursprung sei kein Lied. Noch nie bin ich einem Wissenschaftler begegnet, der um die Schau einer ursprünglichen Schönheit gerungen hätte.

Nathalie Sarraute pflegte in Cafés zu schreiben. Nietzsche notierte Gedanken während des Wanderns durch die Alpen. Die Schreibstube, das Büro, der feste Arbeitsplatz – das alles will nicht so recht zum Handwerk des Poetischen passen. Im Wesen der Dichtkunst webt ein Schweres, eine unbesiegbare Melancholie. Wann wird kaum einen Vers finden, in welchem die Vögel des Todes nicht herumstolzierten. Wie hoch auch immer der Gesang, feierlich bis zu den Schultern hin, stehen die Klänge und Morpheme im Uferschlamm der Donau – ein Betrüben wird jeden heiteren Tanzschritt begleiten. Den Sohlen aller Lieder haften Spuren von Erde an; und zum Alphabet der Erde gehört nun einmal das Grab. In Dichtern wohnt eine Unruhe sondergleichen. Irgendein Körnlein Erde will sie festbinden an einen klar umrissenen benennbaren, geographisch bestimmbaren Ort; darum sie immer wieder fliehen, aufstehen und im Kreis gehen, die Absätze der Stiefel schräg ablaufen und auf der Altflöte spielen müssen. Das Wilde des Auferstehungsglaubens führt sie ein ums andere Mal an die Kanten des Abgrunds; sie sehen sich gezwungen, die Sänger, über die Schluchten hinweg, über die Bergketten hinaus den zerbrochenen Atemzweig mit der Lilie zu vermählen. Sie stehen, mit dem Taktstock immerzu fuchtelnd, an Pulten, ohne daß ein Orchester zu ihren Füßen säße; und üben doch ihr Dirigat aus. Die Dichter haben es nie gelernt, vom Zifferblatt einer Uhr die arithmetische Zeit abzulesen; und tragen die Rhythmen und Zyklen der Zeiger gleichwohl im Gedächtnis. Nathalie Sarraute pflegte in Cafés zu schreiben. Nietzsche notierte Gedanken während des Wanderns durch die Alpen.

O.V. de Lubicz-Milosz, ein zu seiner späteren Zeit vergessener, französich schreibender Dichter altlitauischen Adels. Ab Sommer 1926 lebte er einsam in Fontainebleau, ging im Park dort täglich bis zu seinem Tod am 2. März 1939 spazieren; Zwiesprache pflegte er mit Finken, Blaumeisen, Grasmücken zu halten. Ein großer Dichter; ein Unbekannter, ein Vergessener. Lange nach seinem Tod wieder gelesen und in andere Sprachen übersetzt. Als gebildeter Kenner gnostischer, kabbalistischer und Swendenborg’scher Texte, über Bibelsprachen unablässig Grübelnder (die Erde aushebend unter den Worten) steht er quer zur Zeit, zu allen Zeiten. Ein wenig Esoterik würde schon geduldet (die steht als Halbverstandene ja nach wie vor hoch im Kurs); allein Esoterik im Sinne Platons, als philosophischer, Gedanken und Begriffe hin- und herwendender Weg weit über das Innere hinaus zu Gott ––– und dazuhin noch Gedichte niederschreibend von unfassbarer Schönheit ––– das übersteigt den Geschmack dann doch. Und so sehen wir ihn weiterhin, den toten Dichter O.V. de Lubicz-Milosz, durch den Park von Fontainebleau, die Singvögel um ihn her, spazieren gehen. Jeden Morgen sehe ich ihn vor mir; sein stilles, selbstversunkenes Schreiten, das Schauen anderswohin, das Lächeln auf dem Meersand des Antlitzes. Seit Jahrzehnten lese ich seine Gedichte – solche und vergleichbare Lektüren ermöglichen Zeitgenossenschaft, stehen wahrhaftig für Aktualität. Es sind nicht die Nachrichten der Medien; es sind Dichtungen (es ist die Heilige Bibel), die uns an der Hand nehmen und führen durch die Zeiten –––

Das Schönste im Tel Aviv der frühen Achtzigerjahre waren die Cafés, in welchen die Menschen leinengebundene Bücher lasen, über Manuskripten brüteten, langsam und leise eher sprechend(ein beschwörender Ton im Sprachgewoge), Bedeutungsschichten des Theaters durchleuchteten; oder einfach nur dasaßen, einem Schauen gehörend, welches in keine Leere ging, dem En Sof der Kabbalisten vielmehr nachspürte inmitten dieser lichttrunkenen Welt eines seit Wochen nicht mehr verregneten Vormittags. Einfach nur dazusitzen in der Caféstube, unter alten Bäumen, auf der Bank einer Bushaltestelle ––– alles gelingt den Heutigen; ein solches Nur-Dasitzen dagegen schon lange nicht mehr: wird doch sofort, kaum daß man sich niedergelassen, das Schokoladetäfelchen herausgezogen aus der Gesäßtasche und darauf herumgetippt und niemand weiß eigentlich mehr warum und wozu, es ist ein Automatismus geworden, so zu handeln. Zuweilen pflegen ein paar Bewohnerinnen des nahe gelegenen Seniorenheims die Bänke unter den Platanen und Kastanien aufzusuchen, sich auszuruhen, sich zwischen die Steinblöcke der Stunden zu setzen und träumerisch, Erinnerungen hingegeben, die Kindheit heraufzubeschwören beim Anblick vorüberhetzender Motorboote. Im Jahr 1982 besuchte ich Ernst Jünger. Während des Gesprächs, das in der Bibliothek des Wilflinger Hauses stattfand, ermutigte er mich, ich war mir unsicher, ob ich in einer Kirche der Macher Geistlicher sein könne, eine metaphysische Existenz zu führen mit den Worten: »Werden Sie wie Mörike ein fauler Pfarrer«. Ernst Jünger unterstrich insofern die hohe, allerhöchste Bedeutung eines zuallererst spirituellen Ausgerichtetseins. Das Lesen, Spazierengehen, Beten, das Gespräch mit den Menschen, das poetisch ewige Wort der Taufe von der Kanzel her, das Sakrament der Natur, die bislang nicht ansatzweise verstandene Einzigartigkeit des Christus, das Bestatten der Toten, Zeuge zu sein der Transzendenz inmitten der Umtriebigkeit eines Quartiers. »Vom Abgasdunkel zerjammert – vornehm zu spät kommt unser Nachmittag daher. / Über heimatlos verschneiten Stein die Erde, das hinterm Ofen frierende, / fliederüberschüttete Kind, wandert und weint ––– // Auf Scherben, auf Tränen des Nachbarhauses hell erleuchtet, / legt sich das Tuch des Hirtenwinds verschüchtert, auf das Gitterbett / eines abendlich allen Augen sich hingebenden Sterns. // Ich gieße einen Sommertag aufs Grab, an das niemand wirklich geht, allenthalben / ein Jahrhundert mit seinen Kinderaugen noch vorüberstreift. / Kinderkarneval, jedoch kein Öl für Lampen, als wir nach Como kamen und sehr froren« (Blei und Bienenhonig / Das Gedicht steht unter einem Motto des schwedischen Dichters Gunnar Ekelöf: »Doch das alles ist schwierig wie eine Art Kontrast / zwischen Blei und Bienenhonig«)