Gestern den ganzen Tag darüber nachgedacht, warum der Donnerstag mein eigentlicher Tag, mein Freund, mein kleiner Schabbat der Woche? ›Montag‹ klingt schön; allein im ›Donnerstag‹ wohnt noch mehr an Dunkelheit. Ich stelle immer wieder fest, daß mein Leben entscheidend geprägt ist durch bestimmte Verse. Das Handlungsgerüst eines Romans, einer epischen Dichtung hat mich nie aufmerken lassen; mein Interesse gilt den Treppenstufen, den Zwischenräumen, verträumten Augenblicken, einzelnen Versen eben. Insofern könnte die Dichtung »Piedra negra sobre una piedra blanca / Schwarzer Stein auf weißem Stein« des César Vallejo meine Donnerstag-Verehrung erklären: »Me moriré en Paris con aguacero, / un día del cual tengo ya el recuerdo, / Me moriré en Paris – y no me corro – / Talvez un jueves, como es hoy, de otoño // Jueves será … // Ich werde sterben in Paris, mit Wolkenbrüchen, / schon heut erinnre ich mich jenes Tages. / Ich werde sterben in Paris, warum auch nicht, / an einem Donnerstag vielleicht, wie heut, im Herbst, // Ein Donnerstag wird sein …« Natürlich könnte man die Frage aufwerfen, weshalb Donnerstag und Tod Arm in Arm daherkommen? Überhaupt fällt auf, daß in den Teppichen meiner Sprache der Faden des Todes omnipräsent. Dieser Umstand ist einem poetischen Denken geschuldet. Die Dichtung wohnt ganz nahe am Tod; Tod und Dichtung trinken aus demselben Brunnen. Tod und Dichtung wie auch der Donnerstag sitzen beieinander an den Tischen des Ewigen Lebens. Mein Leben ist Licht. Mein Atem gehört dem Mysterium der Geburt. »Das Wunder besteht darin, daß überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins … Daß man in der Welt Vertrauen haben und daß man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgend knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien ›die frohe Botschaft‹ verkünden: ›Uns ist ein Kind geboren‹. » (Hannah Arendt) Staunend in Melodien versunken abends die Stadt steht wie ein Kind am Holunderzaun.

Die eigentliche Aufgabe der Photographie: ein ganz bestimmtes (vom Auge wahrgenommens, erwähltes) Motiv als Atemzug darzustellen, als Augenblick – und eben nichts festzuhalten. Bedeutende Photographien, wie die des Romanciers Claude Simon, stimmen sehnsüchtig, buchstabieren den Weg eines Menschenschattens, der, an Hausmauern entlang, die wie gekalkte Grabwände sind, durch eine marokkanische Hitzestraße schreitet und die Tür sucht. Ein Rembrandtphotograph (soll heißen: einer der das Handwerk dergestalt beherrscht, daß ein Anderswoher scheint durch Fugen und Ritzen des Fleisches) hinterläßt am Ende seines Lebens ein einziges Bild, das nichts festhält, nichts darstellt & alles darstellt, das die Eins als Antlitz denkt und nicht als Zahl. Es ist ein Bild, welches hinweist auf das Ereignis des Gesehenhabens (»Ich habe den Schatten gesehen«). Der Dichter hinterläßt ein Gedicht, der Tonsetzer eine Kantate, der Filmemacher einen Film, der Philosoph einen Gedanken, der Theologe einen Blick aus dem Fenster, der Flaneur einen Schritt. Was zurückbleibt, und insofern bleibt, ist gar nie die Gattung – das Antlitz vielmehr. Es wird photographiert heute ohn‘ Unterlaß– nein nicht photographiert, nur festgehalten. Reisende, die alles auf Bildern festzuhalten gesonnen sind, erinnern an Warum-Fragende: »Die Menschen, die immerfort ›warum‹ fragen, sind wie die Touristen, die, im Baedeker lesend, vor einem Gebäude stehen und durch das Lesen der Entstehungsgeschichte etc. etc. daran gehindert werden, das Gebäude zu sehen.« (Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, 1941) Bezeichnenderweise haben Juan Rulfo und Claude Simon, beides Autoren eher der Zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts, ein paar Photographien hinterlassen, die von höchster Bedeutung. Juan Rulfo und Claude Simon sehen und fragen nicht ›warum‹.

Seit meiner Schulzeit begleitet mich der Paul-Celan-Vers »CELLOEINSATZ / von hinter dem Schmerz.« Ich habe ihn, ich erinnere mich genau, fünfzehnjährig, im Jahr 1968, das erste Mal gelesen. Celan hat ihn vier Jahre zuvor, am 24. Dezember 1964, mit Kugelschreiber auf die Vorderseite eines Briefumschlags geschrieben. In letzter Zeit habe ich diesen Vers meines Lebens immer wieder vor dem Hintergrund einer Komposition der Sofia Gubaidulina, »Sieben Worte für cello, bayan and strings«, gehört. Das klangführende Cello lehrt mich in erster Linie, daß Türen zu übereinandergeschichteten Klangräumen behutsam geöffnet werden. Wie auf Zehenspitzen betreten die einzelnen Noten, leise und sehr deutlich ausgesprochen, die sichtbare Welt. Ihr Nachklingen so fein. Auch dort, wo handfeste Klangflächen hereingeschoben werden, bleibt Zeit für ein verträumtes Ausklingen. Jedes Stottern, Sich-im-Kreise-Drehn, jedes Sich-Schütteln, Niederknien und wieder Aufstehen ereignet sich in gebotener Festlichkeit. Nirgendwo und niemals ein Hämmern, Beharren, Bestehen auf Wahrheit, nie ein hereinstürmender Schauspieler, der sein »Seht, hier bin ich« distanzlos in die Welt schriee – kosmisch elegant geradezu die Spaziergänge am verschwiegenen Bach entlang, der den Rand berührt der alten Stadt. Allmählich werden Türme errichtet; allein auch die ragen in kosmische Stille. Und wo Blitze über die Himmel zucken, folgt das leise Weinen eines bergab schreitenden Hirten. Kein triumphaler Schlußakkord. Einmal noch wird der Pflug gezogen über die Erde der Menschen; wie aus der Ferne zu vernehmen dann das Sich-Veratmen des gekreuzigten Herrn, darin einstimmen ein paar arbeitslose Engel, graue Tauben des Wegrands auch. Nachdem die Trauergemeinde sich entfernt, tritt eine Frau herbei; sie wirft den Schatten einer Hortensie ins noch offene Grab, und wendet sich ab. »CELLOEINSATZ / von hinter dem Schmerz.«

Eine Wanderroute, die ich, ein nietzscheanischer Wanderer, von Zeit zu Zeit wähle, nimmt ihren Ausgang im schweizerischen Triboltingen. Am Kirchlein dort, das unmittelbar an einer stark befahrenen Straße steht, kann ich nie vorübergehn. Im leerstehenden spätmittelalterlichen Saal, Fragmente von Fresken auf der Haut der Wände, pflege ich einen Choral zu singen, welcher die Geräusche besiegt der Straße und überhaupt daran erinnert, daß es eine Stille gibt, die inmitten eines Lärmens wohnen kann; die wie ein Baum hinauswächst über rastende Heerscharen eines nie zu Ende gehenden Krieges. Kirchlein, in dem seit Jahrhunderten geweint und gebetet und geträumt wird, in dem Tote aufgebahrt und Kinder getauft werden – einer jener jesuanischen Räume, die sich unvermittelt oft auftun in dieser nirgendwohin strebenden, im kreisförmigen Gang der Sträflinge sich erschöpfenden Epoche. Dann führt der Weg hinauf zu den auf freiem Feld, hoch überm See stehenden Pappeln. Vor einem Jahr habe ich folgenden ›Gesang‹ ins Tagebuch geschrieben (29. Juli 2020): »Die fünf Pappeln, von weit her bereits sichtbar, erheben sich über Getreidefelder. Die Pappeln halten sich nicht selbst für klug. Sie üben Gastfreundschaft, beherbergen schwere Gewitter auch, die sonst überall abgewiesen werden. Die fünf Pappeln weinen nie, zeigen indes auch keine Freude; stehen unter den Wettern in Gleichmut und Versonnenheit. Niemand weiß, wohin ihre Blicke schweifen. Sie bilden keine Familien. Wie eng auch immer sie zusammenstehn – sie verschweigen jede Verwandtschaft untereinander. Sie tragen keine Masken; alles Karnevaleske ihnen fremd, so fremd. Und wiegen sich in der Musik der Winde. Niemand, der je gesehen hätte, daß sie an Gräbern gekniet. Ob sie ihre Toten begraben? Die Sterbenden jedenfalls, die von überallher kommen, kehren bei ihnen ein, einen letzten Schluck vom Wein zu trinken. Kein Fluß, an welchem die Pappeln stünden, kein Bachlauf, kein See. Sie stehen, fünf hohe Beamte einer geheimnisvollen Regierung, am Rande eines asphaltierten Wegs; um sie her die wilde Marktwirtschaft der Äcker und Wiesen.« Endlich der Napoleonsturm, das eigentliche Ziel der Wanderung (sofern denn überhaupt von einem Ziel die Rede sein kann – ob das, was wir Ziel nennen nicht lediglich eine Brosame, die nach dem Mahl zurückgeblieben auf dem Tisch?). Der Turm, ursprünglich 1829, vermutlich auf Anregung von Louis Ferdinand, dem späteren Kaiser Napoleon III., erbaut, vor Jahren neu errichtet, erhebt sich über die höchsten Wipfel des ihn umgebenden Walds. Man kann weithin sehen über den See, zu den Alpen hinüber. Die Triboltinger Kirche, die Pappeln überm Dorf, der Napoleonturm – dieser Akkord aus Metaphysik, Thron der Natur, kosmischer Fremdheit hat sich eingeschrieben in mein Empfinden, mein Wahrnehmen der Bodenseedlandschaft. Überall fremd und überall zu Hause, bleibe ich das Kind einer metaphysischen Poesie, das ich seit jeher bin und das ich sein werde, weit über die Alpengipfel, die Epochen, die Kriege der Menschen hinaus. Als ich noch Pfarrer war in der Gemeinde, wurde ich oft gefragt, warum ich fast nie über Aktuelles handeln würde. Meine immergleiche Antwort: »Ich bestatte die Toten, bin Zeuge der Transzendenz.« Es gibt ein ›böses‹ Zitat von René Char: »Der am besten getarnte Feind des Dichters ist die Aktualität. Er muß immer einen Schritt voraus sein. Und die Aktualität ist ein heimtückisches Fleisch. Die Politik eine blühende Brennessel. Ein alter Vorrat, von der Hexerei ererbt und von talentierten Possenreißern, die sich gern tummeln. Politik ist erzwungene Bosheit.« Daraufhin an Char gerichtet die Frage, wie er, angesichts einer solchen Haltung der Aktualität gegenüber, der Résistance habe angehören können? Seine Antwort: »Nicht, indem ich mich am Kopf gekratzt hätte. Es war keine Heldentat [tatsächlich gilt Char heute als Held des Widerstands während der deutschen Besatzung Frankreichs], sondern ich war auf der Flucht. Im November 1940 kam die frz. Sonderpolizei zu mir, um eine Hausdurchsuchung vorzunehmen. Man hielt mich für einen Kommunisten, obwohl ich bloß Surrealist gewesen war. Mir blieb nichts mehr übrig, als ins Gebirge zu gelangen und mich für den Kampf zu entscheiden …« Im leerstehenden Kirchlein singe ich einen Choral: » … und weiß, wir sind nur Staub, / ein bald verwelkt Geschlechte, / ein Blum und fallend Laub: / Der Wind darüber wehet, / so ist es nimmer da …«

Wittgensteins Sich-Abwenden von einer Sprache der philosophia perennis: »Die Sprache der Philosophen ist schon eine gleichsam durch enge Schuhe deformierte.« (Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, 1941). Er vermochte keinen Sinn darin zu erkennen, an Problemen herumzudenken, die ihm vorgegeben wären, an denen er, auf akademische Weise, herumzufeilen hätte. Im Sinne des Novalis, dessen Allgmeinem Brouillon, wollte er Bettler sein, der in den Gassen der Städte herumsäße, die Hand ausstreckte; aus solchem ›Zeit-Vergeuden‹ heraus ein Denken zur Welt brächte, das der Sprache folgte jener Menschen, welche einkaufen, vorübergehn, ein Bier trinken, die ihre Kinder taufen lassen, abends sich aufs Lager legen, auf dem sie geliebt wurden, auf dem sie sterben würden. Im Grunde suchte Wittgenstein nach einer philosophia paupera, einer Philosophie der Gasse (welche Friedrich Christoph Oetinger, einer biblischen Intuition folgend, bereits angestrebt). Die Weisheit sei grau, zitiert Wittgenstein, und fährt fort: »Das Leben aber und die Religion sind farbenreich.« (Vermischte Bemerkungen, 1947). Hölderlin verließ den Pfad der Philosophie: »Ich wußte lange nicht, warum das Studium der Philosophie, das sonst den hartnäckigen Fleiß, den es erfordert, mit Ruhe belohnt, warum es mich, je uneingeschränkter ich mich ihm hingab, nur immer um so friedloser … machte; und ich erkläre es mir jetzt daraus, daß ich mich in höherem Grade, als es nötig war, von meiner eigentümlichen Neigung entfernte, und mein Herz seufzte bei der unnatürlichen Arbeit, nach seinem lieben Geschäffte, wie die Schweizerhirten im Soldatenleben nach ihrem Thal und ihrer Heerde sich sehnen.« (StA 6, 311, Brief an die Mutter, Januar 1799). Hölderlins späte Christushymnen (Friedensfeier, Der Einzige, Patmos); Wittgensteins philosophia paupera, Wittgensteins Philosophie der Gasse – »Begriffe anfachen die Glut. Begriffe, die, wie Gehöfte, abgelegen weit, / unter vielen Sommern träumen, unterm Laub der Wolkentürme, / weisen uns den Weg; wir kennen keinen andern Steg. // Du mußt den Bettelstab, den Totenmantel der Begriffe, / lange, lange Zeit getragen haben, du meine bleichgefrorne, / vom Schnee nie freigeräumte Stirn; den Kreuzweg oft, / sehr oft gegangen sein. // Ach, Dorffriedhof mit deinen Aschen, die wie Trommeln nächtens / und finden, finden keinen Schlaf. Knielang / fällt der Hirtenmantel.« (aus: Am Ufer bei den Kohlenfeuern)

Am 8. April 1943 schreibt Anna Achmatova, nachdem sie erste Abschnitte ihrer Dichtung Poem ohne Held entworfen, sie widme dieses Werk dem Andenken ihrer Freunde und Mitbürger, die während der Belagrung Leningrads ums Leben gekommen seien. »Ihre Stimmen höre ich, an sie denke ich, wenn ich das Poem laut lese, und dieser verborgene Chor ist mir für alle Zeit Rechtfertigung dieser Arbeit geworden.« Ein ergreifender Gedanke: durchs laute Lesen von Poesie stimme man ein in den Chor jener Toten, welche um die Person des Rezitierenden herum versammlt seien. Der Spur einer solchen Erwägung weiter folgend, könnte man vielleicht andeuten, daß Poesie einen Resonanzraum eröffne, in welchem diesseitiges und jenseites Leben ineinanderklängen, Tanz und Gesang der Toten unser Kaffeetrinken, Einkaufen gehen, am Schreibtisch Sitzen, das Kehren der Höfe, unser kleines Unterwegssein nachmittags untermalen würden. Über das Dritte Kapitel setzt die Achmatova ein Wort Ossip Mandelstams: »Wir werden uns wiedersehen in Petersburg, / Als hätten wir dort die Sonne begraben.« Mandelstam war am 27. Dezember 1938, »im Jahrhundert der Wölfe«, von Stalins Schergen ermordet worden. Sie würden sich nicht drüben wiedersehen, die Achmatova und Mandelstam – in Petersburg würden sie zusammenfinden, dort, wo sie die Sonne begraben, jede Hoffnung auf ein neues Jahrhundert aufgegeben hatten. Achmatovas und Mandelstams Trauer webt in meinem Wachen und Hiersein, dem Niederschreiben der Gedanken in der Fünf-Uhr-Morgendfrühe. Die Trauer der toten Dichter ist wie ein Flußbett, in welchem mein Atem fließen darf. Es sind jene Flüsse, die ins Jenseits führen von Hoffnungslosigkeit und bitterem Gestimmtsein, jene Flüsse, die wegführen von den Städten, den finsteren Städten. »Feuer wärmten die Weihnachtstage, / Von den Brücken herab Kutschen stürzten, / Und die gesamte Trauerstadt / Schwamm zu geheimnisvollen Zwecken / Fort, nur fort von ihren Gräbern / Den Fluß hinauf oder hinab.« (Achmatova, Poem ohne Held, Kapitel drei) Auf dem ersten Teil der Dichtung Poem ohne Held treiben wie Kähne so viele Zitate. Wir mißverstehen in aller Regel das Zitat, erkennen in ihm irgendeine Zutat, ein Gewürz, das dem Mahl zugefügt wird. Mandelstam lehrt uns, das Zitat in seiner Bedeutung wiederzuerkennen: »Das Zitat ist keine Abschrift. Zitate sind Zikaden. Sie haben die Eigenheit, nicht mehr verstummen zu können. Klammern sich an die Luft und lassen sie nicht mehr los. Gelehrsamkeit ist bei weitem nicht dasselbe wie die Anspielungsklaviatur, die das eigentliche Wesen der Bildung ausmacht. Ich will damit sagen, daß sich eine Komposition nicht aus der Anhäufung von Einzelteilen ergibt, sondern als Folge davon, daß sich ein Detail nach dem andern von einer Sache losreißt, von ihr fortgeht, davonflattert, dem System abtrünnig wird und in einen funktional neuen Raum oder eine neue Dimension übergeht.« (Mandelstam, Werke, Essay II, p. 119) Zitate kommen wie die Toten zu uns. Mein Körper ist ein Zitat. Meine verrückten Gedanken: ein Meer der Zitate. Die Öffenlichkeit um mich her: »eine wahre Zitatorgie« (Mandelstam, ebd.) Mein Name und mein Tod– Zitate. Alles was unsere Augen und unsere Seelen sehen sind Zitate. Die Schöpfung: ein Zitat Gottes. Das schönste Zitat Gottes ist die Geburt. Wenn ich an die Geburt denke meiner Kinder …

Die Uhr über der Theke des Bistros zeigte in Ziffern die Zahl 15. 39. Seit Stunden wartete Almuth darauf, daß die Zeiger vorrücken würden. Die Zeit wollte nicht mehr altern. Almuth empfand den Nachmittag in diesem Café von Larache als Stillstand. Wo doch, dachte sie, die Menschen so oft klagen (und auch sie ergriffen war von dieser Einsicht), daß uns ein Sommer nur gegönnt sei und ein Herbst zu reifem Gesange, daß alles so geschwind vorüberstreiche ––– an besagtem Nachmittag wollte der Eindruck nicht weichen, daß, wie in Tagen der Kindheit (etwa vor der Bescherung an Heiligabend), die Zeit stehengeblieben (und ganz schwer geworden, bitter und verbraucht). Ach, Zeit, die herumläge als Strandgut oder Abfall. Das Café trug den Namen »Le Térébinthe« (aus: Wohin der schöne weiße Regen fiel)

Goethe versteht die aristotelische ›entelecheia‹ als ein »Stück Ewigkeit«, welches den Körper durchdringe. Eine aus allem großen Denken und Dichten in Kunst, Poesie, Musik herausklingende Überzeugung: Daß wir nicht nur berechenbaren, naturwissenschaftlich rekonstruierbaren Prozessen gehören, einem erahnbaren inneren Rätselklang vielmehr zugeordnet sind, einem Fremd- und Dunkelsein, einer Kindheit, die niemals von Ufern sich abwendet biblischer Flußläufe. Wir stellen uns an in der Reihe vor dem Marktstand, wir kaufen Brot und trinken schwarzen Tee, verlassen an einem Donnerstagmorgen das Haus in Richtung Büro oder Bahnsteig – niemand wird unser Hiersein je zu Ende erklären und ausbuchstabieren können. Unsere Seele ist wie die Fliege, die sich nicht totklatschen läßt, wie Funken stieben Seelen durch kosmische Räume wie auch durch Waschküchen. In allen Bereichen der Öffentlichkeit gibt es Bewegungen, die zur Entzauberung der Welt das Ihre beitragen; andere gehören zur Partei jener, die die Dinge zu verklären geneigt sind. Ich gehöre keiner Bewegung an. Mir liegt weder am Entzaubern noch am Verklären der Dinge. Ich meine, ich sei unmittelbar nach der Geburt in den Schlaf verfallen der Schlaflosen und sei niemehr erwacht seitdem; schlaflos irrte ich, so mein Eindruck, durch dörflich anmutende Quartiere der Metropolen, eingesperrt in einer proust’schen Nervosität. Wir gehen Wege, die nie an ein Ende gelangen, in immer neuen Kreisen der Dante’schen Welt sich verlieren.

Das Akronym Oulipo steht für L’Ouvroir de Littérature Potentielle; diese Werkstatt für potentielle Literatur wurde 1960 gegründet und besteht bis heute. Bekannte Mitglieder: u.a. Italo Calvino, Oskar Pastior, Raymond Queneau, Georges Perec… Die Mitgliedschaft besteht über den Tod hinaus; man gilt hinsichtlich der Zusammenkünfte, des Sterbefalls wegen, als entschuldigt. Ein Grund übrigens, in den Tod hinein einen Regenschirm, eine Baskenmütze, zwei Schalen Obst, einen Reiseführer für Jenseitswanderungen und ein Glas Milch mitzunehmen. »Warum?«, höre ich jemanden fragen, »warum dies?« Die Antwort: »Ach, einfach so.«

Viele, die innegehalten beim Spaziergehen und dem Stück Steinstrand ihre Aufmerksamkeit zugewandt. Kinder vor allem, Erwachsene aber auch, die Steine übereinandergeschichtet zu Büsten; ein kleiner Figurenpark an den Rändern eines Nachmittags. Die Unwetter der zurückliegenden Tage haben ›die Skulpturen‹ weggespült. Es braucht ein Schulterzucken nur der Wetter, ein Augenzwinkern – und baumeisterliches Wirken der Kinder ist vernichtet. In den kommenden Wochen und Monaten werden Tätige das uralte Gestein (das wie eine erstarrte Zunge archaischer Meere) wieder aufschichten, neue Figuren errichten. Dies Aufrichten, Zerstörtwerden und Wiederaufrichten läßt denken an das Ein- und Ausatmen der Zeitläufte; aus der Sicht des Predigers Salomo die Vergeblichkeit beleuchtend menschlichen Tuns – wobei wir nicht niedersinken und ohnmächtig dasitzen dürfen; es ist das unwandelbar Absurde, daß wir nicht umhin können, an den Flüssen entlang Häuser und Industriehallen zu errichten, Felder zu bestellen, Bücher zu lesen – stets am Tuch zu weben einer Zivilisation, im Wissen, daß die Blume welken soll, unser Schritt dorthin gelenkt wird, wohin wir nicht wollen. Wir bleiben Fremde an den Flüssen.