Kierkegaard schreibt, Bezug nehmend auf eine Predigt Martin Luthers, in einem Tagebucheintrag des Jahres 1849: »Das Evangelium lehrt uns nicht, was wir tun sollen, sondern woher wir die Kraft nehmen sollen, um das zu tun, was wir tun sollen.« Woher die Kraft nehmen? – frage ich. Es wäre an dieser Stelle so einfach, Generalaussagen des Glaubens ins Spiel zu bringen. Scheinbar fest und klar umrissene, vertraut klingende Begriffe wie beim Kartenspiel auf den Tisch zu werfen. Allein, in gleicher Weise gilt, daß das Mysterium des Brunnens nicht auf der Landkarte von Begriffen und Zahlen zu finden ist, im Zwielicht der Poesie gesucht und geortet sein will. Erwiese das poetische Moment zu guter Letzt als Tor zum Einstieg sich in kraftvermittelnde, Schwindelfreiheit verheißende Tiefen? Ein Eingetauchtsein in Poesie uns Tiefen- wie auch Höhenängste nähme? Poesie: ein Vergil, der in den Kosmos der Brunnenflucht uns führte? Insofern Jesus tatsächlich die Gewohnheit verwirft, Verehrung sei an bestimmte Orte gebunden (»Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet…Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit…Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.«) – insofern Jesus also das Ausgerichtetsein auf Gott befreit vom Ort, von einer bestimmten Liturgie, vom Dogma, führt er uns auf das freie Feld, wo die Kinder Drachen steigen lassen, wo Schlitten gezogen werden über dünne Decken von Schnee und Spaziergänger gedankenverloren einer Melodie folgen, die sie an die Ränder führt der sichtbaren Welt. Die Brunnen, die kraftspendenden, aus deren Tiefe wir schöpfen ein Bild unserer Seele, die Brunnen lassen sich auf freiem Feld finden zweifellos. Aber wir finden den Brunnenschacht in der kleinen Kirche auch unter der Linde, im heiligen Wort der Bibel, auf der hochführenden Treppe zum Dom, wo manchmal Bettler ausharren. »In jedem Morgen ist ein Brunnen, dorthin / die Hände gehn, Zweige /aus dem wildem Wein zu brechen ––– «

Hölderlins frühe Dichtung »An den Äther«. Was ist geschehen, daß wir nicht mehr leben können heiter »mit den Blumen der Erde«? Was macht uns streitsüchtig und depressiv? Woher dieses Gift? Diese Neigung zum Haß, zur Rechthaberei? Warum haben wir alles Leichte verloren (haben es die auch verloren, die vorgeben, darüber noch zu verfügen, aus ihm, dem Leichten heraus, zu leben – aber sie wirken oft lächerlich). Die Geschehnisse können beziffert, in Zahlen und Begriffe gefaßt, auf Grabsteine geschrieben werden (Weltkrieg I & II, die Tyrannis in allen möglichen immer weiter sich ausbreitenden Gestalten, das Engwerden der Erden, das als Erweiterung, Globalisierung verkauft wird – um den Preis einer unerträglichen Geschwätzigkeit…) – aber was ist wirklich geschehen, das alle diese Phänomene ausgelöst, die Moränen ins Rutschen gebracht hat? Warum dies Stürzen und Sinken – und so selten das Vermögen, aufschauen, im Hölderlin’schen Sinn »Vater Äther« preisen zu können? Was ist geschehen?

Die Schritte tröpfeln an der rive gauche entlang. Des Eindrucks, es handle sich bei der offiziellen Kultur der frühen Moderne (bzeichnen wir unsere Zeit an dieser Stelle so – wer wollte denn wissen, als in die Zeit selbst Eingebundener, in welcher Epoche wir leben? Prae…post…– von einer Zwischen-Moderne auch könnte die Rede sein ––– in zweihundert Jahren werden sie womöglich unseren Palast einer extraindustriellen Schleife zurechnen) – es handle sich in Sachen Kultur also um den Apparat einer Stadtverwaltung. Stände, Riesenräder, WC-Boxen und und…werden aufgebaut, benutzt, wieder zusammengefaltet, zusammengeschoben und entsorgt. Die eigentlichen Veranstalter erweisen sich als Straßenkehrer von großem Format. Nach der Party kommen die Kehrmaschinen und Besen und schieben alles zusammen. Feines und Grobes, Nachdenkliches, Marktschreierisches, Helles, Abgründiges ––– das große Reinemachen faßt alles mit Schaufeln und wirft es in die Container, verbringt diese in die Müllverbrennungsanlage. Die verborgene und eigentliche Kultur ist ein Bleistiftstrich, eine Fußwaschung, ein Morphem, ein Handstand, ein Abendlied. Meine Schritte tröpfeln an der rive gauche entlang.

Nach der Lektüre des neuen Houellebecq (»Serotonin«) tauche ich, einem tiefen Bedürfnis gehorchend, ein in die goethe- und nietzschegesättigte Sprachwelt des »Dr. Faustus«. Die Thomas-Mann-Sprache ist wie Heilerde. Tage gibt es, an denen ich nicht umhin kann, von dieser Sprache wie von einem pharmakon athanasias (Arzneimittel der Unsterblichkeit) zu kosten. Wobei ich es nicht versäumen möchte, meine Überraschung, den Romanschluß Houellebecqs betreffend, zum Ausdruck zu bringen – daß nach gut 200 Seiten Nihilismus alles in ein feinsinnig religiöses Bekenntnis mündet: »»Gott kümmert sich tatsächlich um uns, er denkt jeden Augenblick an uns, und manchmal gibt er sehr genaue Weisungen. Seine überschwängliche Liebe, die in unsere Brust strömt, bis es uns den Atem verschlägt, die Erleuchtungen,die Verzückungen, welche Gott uns schenkt – unerklärlich all dies in Hinsicht auf unsere biologische Natur, auf unsere Stellung als einfache Primaten – sind äußerst klare Zeichen. Und heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung unserer Herzen: Alle Zeichen sind da; wir erkennen sie nicht.« Gleichwohl vermag dieser geradezu heilig anmutende Schlußakkord nicht darüber hinwegzutäuschen, daß Houellebecq von dieser Welt nichts mehr erwartet. Ganz anders meine persönliche Stimmungslage: Ich erwarte alles, ich gehe mit offenen Händen ins vor uns liegende Dunkel. Diese Haltung zu erläutern, darf ich aus dem Manuskript »Wohin der schöne weiße Regen fiel« zitieren: »Almuth beschwor, das Wort wieder aufnehmend, eine uns Heutigen noch ungewiße, dunkle Zukunft. „Das Karussell wird lange noch sich drehen, der Generationen viele werden noch kommen und gehen, noch sehr viel Schmutz muß abgewaschen werden von den Tagen der Dohlen, der Schiffschaukeln, den Tagen der Lakritze und der Radiostimmen; noch sehr viel Gift muß tropfen und Schaum treten vor Menschenmünder.“ Octave beharrte darauf, es sei vollkommener Unsinn, von Untergang, von Apokalypse und Ende der Zeiten zu reden. „Wir leben noch in unmittelbarer Nähe zum Ursprung aller Zeit. Noch nicht einmal der zweite Tag ist angebrochen und die meisten weinen bereits den Untergang herbei. Höre doch, Almuth, wir können die Pharaonen sogar noch sprechen hören. Es ist noch gar nicht viel Zeit vergangen. Keine Rede davon, daß wir am Ende aller Dinge stünden, wie du es zuweilen zu sehen geneigt bist. Es ist auf dieser Erde noch gar nicht viel geschehen. Das Eigentliche steht uns noch bevor.“ In Almuth flammte Spott auf. „Ach ja, es sind ja doch erst ein paar Millionen umgebracht worden, so ein paar kleine Kriege haben die Menschen gefressen, dagewesen sind ein paar Engel, ein paar Göttersöhne, der Tyrannen wohl gar einige, der Teufel auch. Man hat Schnaps gesoffen, an Kartoffeln sich sattgefressen zuweilen, nachgestottert hat man das eine oder andere schwarze Alphabet. Ansonsten aber ist noch nicht viel geschehen auf dieser Erde.“ Das Schwirren und Flügelschlagen und Aufsteigen der Vogelschwärme über der traurigen Großstadt. Almuth wie Octave gaben beide dem Eindruck sich hin, die großen Flüsse Europas würden aus den Kammern des Ursprungs Truhen einer neuen Festlichkeit des Lebens heraufschleppen – an diesem kleinen, unscheinbaren Morgen. An einem Kiosk später, umrahmt von Wintersonne, tranken sie einen Becher Billigkaffee. Sie lasen, Gebäck essend, gemeinsam im Tagebuch, welches eine Frau in den Nachkriegsjahren, während der Flucht von Bulgarien nach Nordgriechenland, verfaßt; lasen diese mit kleinen Flüchtlingsbuchstaben übersäten Seiten (und die Buchstaben selbst, so Almuth, würden gleichermaßen wie in die Flucht geschlagene Wanderer erscheinen; die Buchstaben auch seien Flüchtlinge, in Manteltaschen und Koffer, in Rucksäcke, Tüten, Ledermappen, in Brotbeutel gestopfte Worte). Über den 25. Januar 1945 hatte die Flüchtlingsfrau ein Wort von Novalis geschrieben: „Das ächte Princip der wahren Phil muß – das gesundmachende- frey, heiter und jungmächtig, klug und gutmachende Princip seyn.“ Octave warf den leergetrunkenen Becher in einen Abfalleimer; er spürte die ‚ächte‘ Philosophie in sich erwachen. Lieber guter eisiger Morgen mit deinem schmutzigen Schnee, deinem Lachen. Octave und Almuth würden einen wunderbar hohen Tag verbringen dürfen.«

»Adieu, Eigenheim« – in der gestrigen Süddeutschen ein Artikel unter dieser Überschrift. Das Wohnen in Einfamilienhäusern sei nicht mehr zeitgemäß. Unterdessen werden alle Gestalten, unter welchen wir die Jahrzehnte verbringen auf Erden, in Zweifel gezogen. Alles muß wohl verändert werden. Wie bisher können wir, hört man die jeweilig Wissenden sagen, nicht weiterleben. Umbrüche werden gefordert auf allen Gebieten. Im Verborgenen jedoch, der Stille bleicher Alltäglichkeit, tragen wir weiter den Mantel des Gewohnten durch die Tage. Die Gezeiten von Schlaf und Arbeit (Tätigsein) bestimmen über die Ruinen unseres Atems. Seit den Tagen Platons hat sich im Grunde wenig geändert: Wir lieben die Wärme, suchen Anerkennung, kaufen Bücher in der Buchhandlung »Shakespeare & Company«, legen den selbstgestrickten Wollschal mehrfach gewunden um den Hals, sterben vor uns hin, zünden die Kerze der Augen an beim Erwachen um 6. 43 Uhr, kaufen Rosenkohl, Kartoffeln, weinen beim Lesen der Gedichte Stéphane Mallarmés, die Socken, die wir über müde Füße ziehen, sind löchrig wie Fragmente aus dem Nachlaß Cortázars. In die Veränderung hineingerufen, halten wir am Herkömmlichen fest, klammern uns mit beiden Händen an das Testament der Kindheit (was Mütter und Väter uns mitgegeben an Möglichkeiten, nicht unterzugehen im Teer des Fremdbestimmtseins). Auflohend der Wahnsinn unseres Lebens, den wir als etwas Selbstverständliches und Leises, Gleichbleibendes stets, als ein Gegebenes ansehen. Wir leben den Wahnsinn, erkennen ihn jedoch nicht als solchen. Un coup de dés – ein Würfelwurf des Menschen Leben. Und ein Windstoß, herrisch sich aufwerfend, peitscht das kleine Meer der Hinterhöfe.

»Vogelflug, Geborenwerden, Flußlauf, Sterben…// Unsre Augen sind einsam verschneite  Wälder Sibiriens; / Wälder, an welchen wir vorübergehn. / Unsere Augen sind Buchten, in die der Ozean kommt, sich auszuruhen / um alsbald wieder zu entfliehen, Adieu zu sagen Tang und Schlick, / dem Leuchtturm auch, Adieu zu sagen einem hilflos hellblau / angestrichnen Boot. // Unsere Augen sind fast blind. // Müßig scheint es mir und überflüssig, / eine Form zu suchen, die dem entspräche, was wir Leben nennen. / Die Sprache wuchern lassen, dem Brennesselfieber folgen, aufzeichnen, / bestimmen den Eisenbahnknotenpunkt, alles immer nur geschehen lassen. / O Nacht der Geometrie, Mailands Innenhöfe. // Ich nehme wahr, / wie die Form sich selbst entwickelt aus nichts als zwei Insektenflügeln / und einem Tropfen Salbeiöl, heranwächst auf einem zuallererst / musikalischen Gestüt. // Wir übermalen (wie Arnulf Rainer Tafeln übermalt) // alle Texte unsres Hierseins gründlich; spüren, wie das Leben hierhin geht, / die Stiefel setzt auf verregneten Asphalt, um dann doch über Wolken wieder / hinzuschreiten. Ich baue weiße Weine aus mit meinem Schreiben. // Weiterziehen, Schritt für Schritt. // Wie schwarze Hunde treten Phänomene in die Zeit. / Ich sage mir: Laß die Geschehnisse ihr eigenes Leben führen. / Das Leben selbst hat keine Form. // Vogelflug, Geborenwerden, Flußlauf, Sterben…« (Gibt es ein Maß auf Erden?)

Man sitzt im (zugegeben äußerst hellen) Lichtkegel der Schreibtischlampe; einer Barke verwandt treiben Blicke über diesen Fluß der Helligkeit. Der Entschluß dann, das Licht zu löschen – unvermittelt findet man sich eingetaucht in Finsternis; dagegen das Gedächtnis der geschlossenen Augen Momente lang noch die Erinnerung bewahrt an vormals helles Scheinen: wie in einer Zirkusmanege kreisen und kreuzen Muster mexikanisch-surrealer Tücher, Tiere, Sterne, Kränze, Gitter, das Zickzack eines in den Sand sich einschreibenden Strahls der Fahrradlampe, wild durchs Zwischenreich eines Verdämmerns – bis ein Dunkel über unser Auge bestimmt. Augenblicklang (musikalisch gewendet: angedeutete Klänge sozusagen eines schrill gespielten Akkordeons, Akkorde einer Straßenmusik) stürzen Chiffren des wirren Zirkus-, des Zeichenwirrwarrs durcheinander zwischen hellem Scheinen elektrischen Lichts und der dann herrschenden Nacht. Es braucht der Worte viele, dieses geheimnisvolle, kurz nur anklopfende, geschwind also sich verflüchtigende Dazwischen zu beschreiben. Ein Dazwischen, das, wie gesagt, dem Gedächtnis gehört geschlossener Augen. Blitze eines des Lichtscheins sich erinnernden Gewitters. Wäre ich Kabbalist (Schüler womöglich des legendären Moses ben Jakob Cordovero oder des Isaak Luria), würde in den Bergen wohnen, im obergaliläischen Städtchen Safed des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts, – ich würde erwägen, ob aus solchem Nachscheinen von Licht, wie es im göttlichen Augen zucken, in Splittern nachleuchten würde, die Welt hervorgegangen sei. Das Irdische, das wir dermaßen ernst nehmen, dessen vermeintliche Ewigkeit wir zu preisen geneigt, entspräche einem kurzweiligen Zwischenzustand. Die sichtbare Welt ein augenblicklanges Nachleuchten, ein Glimmen, ein Reiten der Zeichen und Chiffren durch die Manege, die Idee einer verrückten Melodie, ein Fingerschnalzen lang währendes Aufleuchten kurz vor Einbruch der Nacht. Das Universum: ein sekundenlang sichtbares Rinnsal zwischen Tag und Nacht; Muster nachklingend aus einer Tuchfabrik; ein Dazwischen des Klangs und des Scheinens. Splitter – in der Sprache Paul Celans: »Partikelgestöber« (Engführung, v. 69 & 95f — überhaupt darf das ganze Gedicht als Nachatmen verstanden werden eines Prozesses, welcher im besagten DAZWISCHEN sich ereignet, die Shoah indes nicht ausblendet, das Partikelgestöber der Schöpfung als ein Schmerzliches entziffert).