Den Sommer über fluten die Reisenden unserer Zeit durch Meersburg. Zuweilen der Eindruck, jene über die Ufer-Hügel gewachsene Altstadt stünde dem venezianischen Rialto, was das Wogen der Menschenmassen in den Gassen anbelangt, in nichts nach. Im heiligen Herbst schreite ich nunmehr tief nachts an still und verlassen vor sich hin frierenden Fassaden entlang. Ich frage die Häuser, was sie gesehen die Jahrhunderte über; was sie dächten über die Heutigen, das Leben derer, die vor Bildschirmen säßen, Rasen mähen, in Boutiquen und Supermärkten einkaufen und einsam sterben würden? Die Häuser antworten mit leiser Stimme, sie sprechen nachdenklich, langsam wie ein Kanzelredner des Barock, den Blick stets in Fernen gerichtet (sie scheuen ein gegenseitiges Sich-Anstarren; sie wirken distanziert, befleißigen einer Mundart sich, die heute nicht mehr selbstverständlich verstanden würde). Die Häuser sagen: »Früher hat man die Toten aus den Häusern getragen, heute wird anderswo gestorben.« Ich frage, warum sie, die ehrwürdigen Mauern, einigermaßen gebannt den Tod anstarren würden, wo es doch angebracht wäre, innerhalb der Grenzen des Seins sich umzusehen, den Atem und den Tanzschritt, die erhobene Faust neuer Technologien zu feiern. »Aber wir betrachten den Schnee und den Wüstensand, über welchen die Othmenden gehn. Und wir gewahren, daß Rauchdampf und Feuer den Bäumen die Kronen genommen.« Ich meine die Stimme Hölderlins zu vernehmen; die Vermutung nahe liegt, die Häuser würden der Sprache des Sängers eines untergegangenen Württembergs verschworen sein, den Städten des Euphrats, den Gassen von Palmyra, den Säulenwäldern in der Eb’ne der Wüste. Ich höre die Mauern fragen, uns Heutige fragen: »Was seid ihr?« Ja, was sind wir? Ich sitze auf der Fähre, die mich über den See trägt, mich der Nacht und kaltem Wind übergibt. Einmal mehr fragen die Meersburger Häuser, die seit Jahrhunderten das Leben beobachten der Sterblichen: »Was seid ihr?« Christus sagt (Joh, 16, 33): »In der Welt habe ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« [Anklänge an und Zitate aus Hölderlins Dichtung Lebensalter].

Filme der Siebzigerjahre berühren mich sehr. Auf Inhalte achte ich kaum (bei den wenigen Autoren jedoch, die mich religiös, philosophisch aufwühlen, Bresson, Tarkovskij, fordert jeder Vers und jeder Wimpernschlag mein Aufmerken heraus). Traurig anmutende Bilder kommen zu Besuch ins Kaffeehaus meiner Seele; Seele, die alleine am Tischchen sitzt, auf die Straße schaut, auf die vorübergehenden Menschen; deren Stimmen, herrisch und kalt, geschwind und schroff auf’s Pflaster geworfen; Autos, Straßenbahnen, Landschaften, die wie Vogelschwärme allesamt in einer Ferne sich verlieren. »Mais où sont les neiges d’antan?« Unsterblicher Vers der Wehmut, Vers des François Villon; Wehmut, die aufkommt etwan, wenn alte Menschen von früheren Urlauben schwärmen. Ein ehemaliger Kellermeister berichtet von Reisen der 70erjahre, vom Opel Rekord, den er damals gefahren, von den Gassen Palermos. »Ich gehe an der Stadt wie an einem Turm, / der Hunger hat, vorüber – die zerstörte Synagoge / hungert immer noch, Jahrzehnte nach dem Sterben, /obwohl kein Staubkorn mehr von ihr erzählt. // Ich falle vor Euch, ihr Filme meiner frühen Jahre, auf die Knie, / vor euch Städten meiner Poesie, meiner Kinos und der Gräber, / vor meinen Wehmutsliedern« (ohne Titel). Filme der Siebzigerjahre berühren mich sehr.

Beim Augenarzt. Der Patient fragt die Arzthelferin, die im Begriff ist, ihm, dem Patienten, Tropfen in die Augen zu träufeln: »Warum dies alles, ich werde doch bald sterben müssen.« Ihre Antwort: »Aber Sie müssen doch sehen können, wenn Sie hinübergehen.«

Vor dem Café des Bergdorfs liegt eine umgestürzte, vom Sturm entwurzelte Rotbuche. Der Anblick stimmt traurig .Wir wissen, wie wertvoll jeder Baum, wie wertvoll das Regiment einer solchermaßen atemschenkenden Fürstin. Das Besondere der poetischen Sprache: daß sie den Anblick in Besitz zu nehmen, die an und für sich bittere Tatsache zu verwandeln, ein erhabenes Bild zu zeichnen vermag. Der Blick bliebe haften am verzaubert welken Haar der entwurzelten Buche. Die vom Thron gestürzte Mächtige würde ins Schöne gehoben. Sprache ist tiefer als das Leben. Sprache geht unserem Hiersein voran; sterbend betreten wir das Haus einer anderen Sprache. Zuletzt werden wir sehr müde sein und nichts als ein paar Silben haben, werden wir als Bettler ausharren am Straßenrand, wie die Rotbuche vom Thron gefallen sein. »Die alte Stadt, wer in ihr spazieren ginge. / Am Eck säß‘ ich als Bettler, der im Dostojevskij läse. / Sie hätten, die vorübergehn, nichts zur Hand, / Das sie mir geben könnten. // Ihr Genäsel, Murmeln flüchtig, / Das Gesöff gekenterter Vokale ––– / Den zerbrochnen Mast / Der Sprache würfen sie in meinen Hut.« (Opus 88)

Wer mehrere Stunden einsam entlanggeht an Stränden nordischer Meere, wird einsehen, daß unser bisheriges Denken in geschützten Räumen sich ereignet, zu wenig den Wettern, geifernden Sonnen, Regenstürzen, Dürren, schmutzigen Nebeltagen der Vorstadtsiedlungen ausgesetzt ist. Der Gedanke ist ein ölfarbenverschmierter Stuhl unter freiem Himmel; keinesfalls darf er im geheizten Winterzimmer zu Bette sich begeben. Der Gedanke gehört dem stürzenden Stern und seinen bettelnden Straßenkindern; immer sterbend, ist er der Geburt als solcher verschworen (der Geburt jedoch in keinem Krankenhaus – Geburt in einer von hohem Gras umwilderten Scheune ohne Dach). Das Denken eines jeden Menschen muß als Teil des kosmischen Dramas verstanden werden. Es gibt kein überflüssiges, geschweige denn nebensächliches Wort. Jedes Wort will schlaflos sein. Ich deute Schlaf als Innenfutter der Insomnia. Der einzige Schlaf, der gedacht werden könnte, trägt den Namen ›Tod‹. Solange wir atmen, werden wir unablässig geboren. Die Schelling-Büste in unserem Wohnzimmer hat tote Augen. Der Autor Schelling, dessen Bücher mich begleiten durch die Jahre, betrachtet die Dinge und weint und wird nicht müde, die Heraufkunft des kosmischen Christus verherrlichend zu deuten. Ihr Meere des Nordens. Der Gedanke treibt, ein Fischkutter, der heimkehren will nach Jahren, an Ufern entlang.

Zuweilen der Traum, ich führe im Auto über eine einsame Landstraße des amerikanischen Nordens. Tatsächlich habe ich Europa nie verlassen. Die großen Reisen meines Lebens waren Lektüren. Gelegentlich bin ich geneigt, anzunehmen, ich hätte, ein Gläschen Fernet Branca in der Hand, Abende lang in norditalienischen Bars herumgestanden, mit Fremden über das religionsphilosophische Phänomen der Gnosis zu plaudern – was als Unsinn zu gelten hat; saß ich doch, über Dichtungen gebeugt und hingegeben entschiedenstem Ernst, in Studierzimmern evangelischer Pfarrhäuser Württembergs. Ich habe seit jeher geglaubt, die Pfade auf einer der Dachterrassen entsprächen kosmischen Weiten; ein einziger Schritt, schwankend wie ein Grashalm im Schwaben-Wind, umfasse die Entfernung von Ludwigsburg, der Stadt meiner Geburt, bis Christchurch auf der Südinsel Neuseelands. Kann man den Ort eines Menschen bestimmen? Kann man sagen, wo jemand wohne, welche Wege er gehe? All dies Sichtbare, mit Namen Benennbare – vermag dies etwas auszusagen über die Dörfer, dort wir hausen, wo Seelen wie Tiere durch Nächte streunen? Gehöre ich Sibirien eher als dem württembergischen Dorf? Das Einwohnerverzeichnis der Stadt Konstanz bezeugt, daß ich seit fünf Jahren in einer der Altstadtstraßen wohne? Ist meine Seele jemals in Konstanz gewesen? Im 15. Jahrhundert womöglich? Je älter man wird, desto mehr verschwimmen die Daten; und Algorithmen, an die jetzt alle glauben, von denen alle erwarten, daß sie das Hiersein grundlegend veränderten, erscheinen mir zusehends als langweiliges Sandkastenspiel. Ich wohne in einem Irgendwo; ich gehöre zum Ensemble Cricot 2 des Tadeusz Kantor; Ensemble, welches es schon lange nicht mehr gibt. Ich bin nach Deutschland eingewandert vor Jahrhunderten, ich kam von einem Anderswoher. Ahasverisch, im grauen Denkermantel, meine Seele irrt durch Biblisches Schrifttum, welches mir das allerschönste. »Du springst als letzter Fahrgast in den Bus, / der bereits im Wegfahren begriffen, / läßt dich durch Märkte nächtlich unterirdisch / flußentlang dann treiben. Pfingstlich / das Trommeln macht die Straßen neonhell / und wintereinwärts lohen, an Rändern alter Römerstraßen, / die Feuerchen von Wanderphilosophen obdachlos. // …. Erdenke nie ein Ganzes über dieser grauen Hütte / einer Trunkenheit versonnen. Verletze das Geheimnis / eines Menschenlebens nie. / Sich nur nicht bücken / nach dem Grab, das wie ein Geldschein / auf der Erde liegt. Der Vergebung Glanz dagegen / sich in die Handschale verweint. / Das wunderbare hohe Leben.« (aus: Die Spur eines verborgenen Mondes)

Dem Leben rufend und wild gestikulierend wie einem losfahrenden Bus hinterherzurennen, daß der doch nochmal anhielte und mich mitnähme – nie, gar nie, daß wir vor dem Leben herschreiten würden. Auch Feldherren, Generäle, kriegsführende Könige und Parteivorsitzende eilen hinterher. Ob wir durch die Gassen von Palmyra streunen, durch Belgrads Einkaufsstraßen – stets geht man hinterher. Jede Form der Großmannssucht kann lächerliches Blendwerk nur sein. Ach, Charme und Schönheit des sogenannten ›mitteleuropäischen Denkens‹. Mit welcher Leidenschaft habe ich besagtes Denken vor ungefähr 30 Jahren nachbuchstabiert, die Essays gelesen von Czesław Miłosz, Milan Kundera, György Konrád, Claudio Magris und anderen! Es kann verstanden werden, diese Haltung des mitteleuropäischen Geistes, als Antwort auf die braunen und roten Diktaturen des XX. Jahrhunderts. Ein Knien vor der Vergänglichkeit irdischen Seins, das Verehren des Schwachen und Bedeutungslosen, das Betrachten von Herbstlaub und Herumstehn in Hinterhöfen der Geschichte, ein Leisesein, ein Lobpreis echter Demut (im Sinne der antiken Stoa und des Neuen Testaments); allem Großsprecherischen sich entgegenstemmend, den Blick dem Wegrand gewidmet, dem Weggeworfenen, wandern wir durch unsere Alpen. »Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! / Und einen Herbst zu reifem Gesange mir« (Hölderlin, An die Parzen) Es war bald vergessen, das mitteleuropäische Denken. Heute höre ich niemanden mehr davon sprechen. »Jeder Name leuchtet im Dunkeln kurz auf, erlischt dann und verschwindet.« (Odysseas Elytis) Einem geschlagenen Heer vergleichbar, ziehen wir heimwärts, gehen nach Hause. »Obstgärten des Abends liegen / wie Augenringe / schwarz geschrieben // unter allen diesen Stätten / der Vergeblichkeit / Es kriecht der Tag aus müder // kalter Vogelstimme. Geflatter / vor dem Fenster – das Zerbrechen / rühme deiner Stunde.« (aus: Tragische Theologie)

Allerorten wird vor einer tiefen Spaltung gewarnt, die unser Zusammenleben, eine vermeintlich vorhandene gesellschaftliche Einheit bedrohe. Aber, meine Damen und Herren, der Bruch hat sich erstmals in der Renaissance abgezeichnet. Erleben wir doch seither »die Zwietracht zwischen den Ideen und den Glaubensüberzeugungen, zwischen der Philosophie und der Tradition, zwischen der Wissenschaft und dem Glauben. Die Moderne ist die Periode der Spaltung.« (Octavio Paz) Dieses Auseinandertriften innerer Haltungen und Überzeugungen, Orientierungen im weitesten Sinne, hielt Einzug ins Bewußtsein eines jeden Menschen. »Wir sind gespaltene Wesen in einer gespaltenen Gesellschaft.« (ebd.) Es mutet absurd an, etwas als akut bedrohlich zu beklagen, was vor gut 500 Jahren seine Geburtsstunde hatte und seitdem unablässig ins Leben der Generationen hineinregiert. »Du, ich muß jetzt aufhören, ich habe nur noch 15 % Aku «, höre ich die junge Frau sagen, die, um einen ausgesprochen ernsten Gesichtsausdruck bemüht, an mir vorübereilt. Anstatt nachzudenken, verliert die Heerschar der Eleganten und gut Gekleideten und polyglott Begabten sich im unendlichen Telephonat und warnt vor einer Spaltung, vor der Ausgrenzung vieler neuerdings. Besagte Warnungen, die in Hülle und Fülle auf uns niederregnen, zeitigen keine Umkehr, kein anderes Auftreten und Verhalten. Es erweisen solche Warnungen sich als Beruhigungstropfen homöopathischer Herkunft. Im Grunde wühlen sie nicht auf; sie besänftigen, verhelfen zu einer Art falschen Gelassenheit, die allenthalben um den aufzuladenden Aku sich kümmern mag. Warum hat man aufgehört, in den Schulen, an den Universitäten griechische Tragödien zu lesen, die Apokalypse des Johannes, Trakls Kriegsgedichte? Es ist an der Zeit, den Kopf sich darüber zu zerbrechen, zu fragen, was ›Ernst‹, was die Haltung einer ›Ernsthaftigkeit‹ in metaphysischer, religiöser, poetischer Hinsicht bedeute. »Nicht der Hedonismus ist die Sünde der modernen Demokratien; ihre Sünde ist der Konformismus, die Trivialität ihrer Leidenschaften, die Uniformität ihrer Geschmäcker, Ideen und Überzeugungen.« (Octavio Paz)

Es war ein von grauem Licht gesegneter Oktobernachmittag vor ungefähr zehn Jahren; ich befand mich mit dem Auto auf dem Weg ins Krankenhaus, eine Sterbende zu besuchen. Dem Tod entgegenzufahren, eine geschäftige Stadt zu queren, irgendwelchen philosophischen Erwägungen nachhängend (ich war damals vertieft in die ›Philosophie der Mythologie« von Schelling), gelegentlich Leute zurück grüßend, die vom Straßenrand her mir zuwinkten; das Auto zu parken und Einzelne zu sehen, die kopfschüttelnd weinend die Autotür öffneten und Gepäck auf den Rücksitz stellten – der Nachmittag eines Landpfarrers wie er im Buche steht. Ich erinnere mich, daß ich einen weiten grauen Mantel trug, über die Schulter eine Tage zuvor erstandene lederne Umhängtasche gehängt hatte; die Baskenmütze schützte mich vor dem einsetzenden Nieselregen. Ich stand, nachdem ich im Krankenhaus über viele Treppen gestiegen war, nach vorsichtigem Anklopfen und zaghaftem Öffnen der Tür das Zimmer betreten hatte, am Sterbelager. Der kranken Frau fiel das Sprechen schwer. Jede Silbe mußte sie mühsam bilden. Ihr Blick fiel auf meine Umhängtasche. Sie sagte: »Was für eine schöne Tasche.« Diesen Satz wiederholte sie mehrere Male, bevor sie wieder zurücksank in den todnahen Schlaf. »Ja,« dachte ich, »was für eine schöne Tasche.«

Vaclav Havel erinnert sich der Besuche Jan Patočkas im Prager Theater ›Na zábradli‹ während der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Havel war am Theater als Dramaturg tätig, Patočka schaute vorbei, blieb oft bis tief in die Nacht, ließ sich aus über Phänomenologie, Existenzialismus, über Philosophisches im weitesten Sinne. Havel hebt besonders die Art und Weise des Sprechens hervor; Patočka befleißigte sich einer besonderen, wahrheitssuchenden, vornehmen Sprache, eines langsamen Vortragens und Ausbreitens der Gedanken. Havel: »Das war sie, die andere, tiefere und wahrhaftigere Sprache, die mich … anzog und die ich in der Welt, die mich umgab, so selten vernahm.« Wie gerne hätte ich dabeigesessen damals im ›Na zábradli‹ der Siebzigerjahre! So sehr vermissen wir heute Menschen wie Jan Patočka! Wie sind wir des Daherredens, des Geplappers, des Schwadronierens, das uns von allen Seiten umgibt, müde. Wie schön singen die Vögel. Dschiwid, dschiwid. Wie »fremd / Erscheinen und gestorben mir / Der Seeligen Geister.« (Hölderlin, Lebensalter)