Der dunkle Regelwald mittäglichen Kirchenläutens. Die Münsterglocken rufen nach Johannes Hus (»Johannes, wo bist Du? Und Hieronymus, wo bist Du? Komm, Herr, schenke Dein Erbarmen …«). Ich sitze im Eingeweide einer alten Stadt, die über ihre Herkunft das Vergessen gebreitet. Aus dem Wald des Geläuts heraus führen Regentropfen einer verträumt auf Pianotasten liegenden Hand. »Und wenig Wissen, aber der Freude viel / Ist Sterblichen gegegeben…« (StA 2, 1, p. 323) Ausgerechnet der Mund des traurigen Hölderlin spricht vergleichbar sorgenfrei anmutende Verse aus – wo doch gerade Hölderlin, wie alle pietistisch geprägten Württemberger, die Bibelworte wie Alpen im Gedächtnis stehen hat: »Trauern ist besser als Lachen …« (Pred. 7, 3) Hölderlin, der Bibelkenner; was aber bedeutet Freude im Weltmeer Hölderlin’schen Erwägens? Freude? Ist an die Ausgelassenheit der Bierdosenwegwerfer gedacht? Mitnichten. Es ist auch das Durchtanzen drogengetränkter Nächte nicht, nicht das Witzereißen, nicht das von Lebensberatern wie ein PC-Programm im Seeleninneren eingerichtete positive Lebensgefühl. Hölderlin denkt an den Lobgesang der Nachtigall, der ohne Herkunft und ohne Wohin. Hölderlin erinnert an die pindar’sche Wildheit sich aufbäumender Fohlen; an das Friedrich-Christoph-Oetingerwissen eines alten Dorfschuhmachers, der durch die Gräben geführt wurde zweier Weltkriege, zweier Inflationen, durch Jahre der Kriegsgefangenschaft; der die deutschen und sowjetischen Lager gesehen im Osten. Hölderlin beschwört die Wildheit der Schöpfung: »Siehe den Regenbogen an und lobe den, der ihn gemacht hat! denn er hat sehr schöne Farben…Durch sein Wort fällt ein großer Schnee und er läßt es wunderbar durcheinanderblitzen, daß sich der Himmel auftut, und die Wolken schweben, wie die Vögel fliegen. Er macht durch seine Kraft die Wolken dicht, daß Hagelsteine herausfallen. Sein Donner erschreckt die Erde … Und wie die Vögel fliegen, so wenden sich die Winde und wehen den Schnee durcheinander, daß er sich zu Haufen wirft, als wenn sich die Heuschrecken niedertun… Er schüttet den Reif auf die Erde wie Salz; und wenn es gefriert, so werden Eiszacken wie die Spitzen an den Stecken … Er verderbt die Gebirge und verbrennt die Wüste und verdorrt alles, was grün ist, wie ein Feuer. Dawider hilft ein dicker Nebel; und ein Tau nach der Hitze, der erquickt alles wieder.« (aus dem Buch Jesus Syrach, cap. 43)Der wilde Gott. Der tanzende (aus dem Tempel ins Freie tanzende) Christus. Verteidigen wir die Wildheit des Denkens und des Atmens. Manche freilich müssen sich sputen in der Frühe, um rechtzeitig am Steuer des Busses zu sitzen, den zu lenken ihre Lebensaufgabe. Wir alle verlieren uns in den Seitentälern einer auferlegten Alltäglichkeit. Ich höre die erste Strophe (Folgestrophen verkomplizieren die Sache; daß man an seinen eigenen Maximen schlußendlich zerbricht). Ich lese in meinem Montaigne, der keine Ratschläge erteilt. Ich feiere sein Denken, das prozessual und niemals Rezepte verschreibt. »Und wenig Wissen, aber der Freude viel / Ist Sterblichen gegegeben…«

Dichtkunst und Wandern standen wie die Kastanie und ihre Blüte zentral im Leben des Matsuo Bashô. Das Unbeachtete einer Kastanienblüte. Das Stetige weltabgewandten Schreitens hat zur Folge ein Sich-Auflösen des Zeitenflusses. Das Leben setzt sich, einem Haiku entsprechend, aus Augenblicken abgezählter Silben (Moren) zusammen. Der Tod wird entsprechend als Augenblick eines blühenden Baumes, als Specht und Vogelleichtigkeit zu deuten sein. Additiv zusammengefügte Zeit, womöglich zur Epoche geflochten, hört zu existieren auf. Die Reisetagebücher Bashôs benennen Stationen als Stundenschläge der allumgebenden, alles durchatmenden Natur: »Ich ging unverzüglich zum beschriebenen Haus und traf ihn [den Freund] tatsächlich an. Zwei Nächte ließ ich mich unter seinem Dach bewirten, beschloß dann aber wieder aufzubrechen, um den vollen Monde im Hafen von Tsuruga zu sehen.« Bashô tritt keine Geschäftsreise an, fällt kein Urteil über politisches Geschehen; einziger Anlaß seiner neuerlichen Wanderung: den Vollmond zu schauen im Hafen von Tsuruga. Insektenflug. Tierstimmen. Augenblicke zwischen Geburt und Tod. Vermeintlich bedeutungslose Augenblicke. Durchs Hafengelände streifen. Und doch wirft (auf abendländische Weise gesagt:) Gott, sich entfernend, uns Zurückbleibenden einen Blick über die Schulter zu und der Herbstwind berührt unseren Pfad. Bashô-Augenblicke erinnern an das Stille Gebet, welches fester Bestandteil der evangelisch-württembergischen, gottesdienstlichen Liturgie. Die Gemeinde steht, in Schweigen versunken, vor dem leeren Altartisch. Nichts geschieht. Kein Wort fällt. Über Getreidefeldern draußen die dunkelblaue Wolke. In einer Seitenstraße parkt ein Auto. »Wie kann ich ohne die Kamille eines Morgens an das Fenster treten, / Mich im Tag verlieren? Wer kann ein stilles Beten dieser frühen Stunde, / Den Aufstieg eines Mückenschwarms, überhören und verschlafen? / An die Armut eines grauen Mäntelchens läßt mich der Abend denken.«

In seiner Dichtung L’encore aveugle denkt Yves Bonnefoy, darin Schelling verwandt, ins Innere eines Gottes sich hinein; stellt einen Gott indes (wie er von den »Theologen jenes anderen Landes« gedacht und beschrieben werde) vor Augen uns, der blind sei, in seiner eigenen Nacht lebe, der nach Leben, nach Welt, nach Kindschaft und Licht sich ausstrecke und sehne. Gott dränge es, aus einer Einsamkeit, eines Nur-bei-sich-selbst-Seins herauszutreten: »Il cherche, simplement, / À voir, comme l’enfant voit, une pierre, / Un arbre, un fruit, / La treille sous le toit, / L’oiseau qui s’est posé sur la grappe mûre // Er sucht einfach / Zu sehen, wie das Kind sieht, einen Stein, / Einen Baum, eine Frucht, / Die Weinlaube unter dem Dach, / Den Vogel, der sich setzte auf die reife Traube.« Gott, so Bonnefoy, suche keinesfalls »L adoration, le front courbé, l’esprit / Qui l’invoque, qui le questionne, pas même / Le cri de la révolte // Die Anbetung, die gebeugte Stirn, den Geist / Der ihn anruft, ihn befragt, nicht einmal / Den Schrei des Aufbegehrens.« Der augenlose Gott erwarte von den Menschen nichts; er sei besessen ausschließlich von einem sehenden Eingetauchtwerden ins vielstimmige Hiersein der Menschen. »Dieu cherche, lui sans yeux, / À voir enfin la lumière // Gott, der Augenlose, sucht / Zu erblicken endlich das Licht.« Die Umkerhung eines uns vertrauten Gott-Denkens. Gott – keineswegs der Allmächtige, alles Erkennende, der Alltragende; Gott vielmehr der Schwache, der Begehrende, der Trauernde, Sehnsüchtige. Dieser Gott erinnert an jenen, dem in der Celan-Dichtung Tenebrae die Menschen zurufen: »Nah sind wir, Herr, / nahe und greifbar / … Bete, Herr, / bete zu uns, / wir sind nah …« Bonnefoy jedoch kehrt die Celan’sches Barmherzigkeit Gott gegenüber um; die Menschen erbarmen sich des Gottes nicht, sie weisen ihn ab, wollen kein Exil ihm gewähren, stoßen ihn zurück: »…Ils se convainquent / Qu’il veut leurs souvenirs, / Leur joie. / Qu’il veut les dépouiller de même la mort. // Sie reden sich ein, / Er wolle ihre Erinnerungen, / Ihre Freude. / Er wolle sie berauben des Todes sogar.« Sie demonstrieren gegen ihn, »Ils agitent des banderoles de couleur / Sie schwenken farbige Bänder«; sie drängen ihn aus jener Welt, die sie für die ihrige erachten, sie rufen ihm zu: »Va, désespère , / Allons, lève-toi, pars, / Tu es la bête furtive au cœur maçonné de nuit / Geh, verzweifle, / Los, steh auf, fort mit dir, / Du bist das flüchtige Tier im nachtgemauerten Herzen«. Einmal mehr gilt es, solche zunächst absurd anmutenden Gedankengänge ernst zu nehmen. Bonnefoy evoziert eine von William Blake kühn nachgedichte Welt Urizens, die, einer eindimensionalen Vernunft, einer mathematisch-materialistischen Weltbetrachtung ausgeliefert, der göttlichen Imagination, der Kunst, der Poesie, der wahren wilden Gottverehrung verlustig ging. Blake, Anhänger eines wunderbaren Gottes, klagt Urizen, den Gott der Rationalität an: »Gott ist kein mathematisches Diagramm.« Die Moderne verweigert einem traurigen, sehnsüchtigen, blinden Gott, einem poetischen Gott den Zutritt. Bonnefoy würde sagen, man könne über Gott gar nicht anders denken als auf wirre, absurd anmutende Weise. Beklagenswert die Welt, die das Sich-in-Gott-Versenken eingebüßt. Das Wort ›Gott‹ öffnet die Seele, weitet den Blick, wirft wilde Freude in unsere Gärten und Höfe. »Wer je den Wasserspiegel einer Kirchturmuhr vermessen / Nach Öl und Birne duftet der Wind. / Kamine, / darin die Dohlen Nistplätze gefunden, /auf die Schultafeln zeigen der Himmel ––– / wer die Schrift, die Vögel schreiben, / überhaupt gewahrt (geschweige denn / die Schrift der Vogelzüge noch / entziffern könnte…) ––– Tage nach dem Krieg, Tage, / die vom Fieber noch durchglüht, vom Zirpen / feiner Drähte, vom Flackern taubstumm / der Granatfeuer. // Arme Zeit, die nur vorüberstreichen wollte.« (aus: Kormorane dienstags in den Bäumen vor dem Haus / Der Sommer 1947) Es gibt nur eine heilige, keine atheistische Poesie.

Friedrich Wilheln Joseph Schellings später Entwurf einer Philosophie der Mythologie; der Versuch, in Gott hineinzuhören, den Pulsschlag im Gottsein zu erlauschen, das Verschwiegene göttlicher Existenz in seiner nicht vorhandenen Vorhandenheit, seiner Transzendentalität, als herzerschütternde Liebeswirklichkeit zu erschreiben. Schelling setzt die Exterritorialität Gottes als Innerstes, als Präsenz, als In-der-Welt-Zugegensein – um Gott wiederum als allerfernste Alpenkette zu träumen. Schellings Nähe zur neuplatonischen, auch gnostischen Spekulation. Das Nichtwissenkönnen im Sinne eines verrätselten Wissens grüblerisch, zögernd auszusprechen. Schelling greift Jakob Böhmes und Friedrich Christoph Oetingers Ansinnen auf: Gott als Wehmut, als Melancholie, als Liebe, Grund aller Schönheit, als Allumfassendes, welches Leiblichkeit (Leibwerdung) sucht auf die Wandtafel zu schreiben, als Skizze der Verehrung in die Handfläche der Welt zu ritzen. Kurzum: Schellings Denken möchte, einer kultischen Handlung verschworen, vor dem Altar des Gott-Rätsels knien. Schellings Denken ist Gebet. Schellings Erdenken einer Philosophie der Mythologie, der Weg zur Philosophie der Offenbarung hin, ist Ehrfurcht, ist ein scheues Wegschauen, welches tatsächlich zu einem denkbar unruhigsten, bohrenden Hinschauen führt. Schelling entwirft eine Potenzenlehre. Diese soll abbilden (nachsprechen, stammelnd) den Weg vom Ur-Einen, das spielerisch in sich selbst versunken, in welchem gleichwohl ein Wille wie aus einer Quelle sprudelt, zum Sich-Öffnenden, zum Sich Aussprechen hin. Der Schritt also von einer ersten zur zweiten und zur dritten Potenz dann, von A zu A² und A³ … Der, wie ich empfinde, verträumte Schritt vom Grenzenlosen, zum sich umgrenzenden, der Liebe und dem Willen vertrauenden, nach außenhin sich wendenden Sein; der Schritt schließlich zum zielgerichteten Sein, dem eigentlich Hervorbringenden, Welt Schaffenden ––– Pragmatische Denker, der Logik verschworen, der mathematischen Philosophie, wären geneigt, dies alles als Spielerei, als Überflüssiges zu verspotten. Mir persönlich hingegen erscheint ein solcherart verwegenes Böhme-Oetinger-Schelling’sches in Gott Sich-Hineindenken als äußerst wertvoll. Man kann durchaus behaupten, Schelling verlöre sich im Abgewandtem, Unwesentlichen. Ich meine, es sei ein schönes Sich-Verlieren, eine Amazonaswanderung, der Versuch, die Uferlinien durch Urwälder hindurch zu verfolgen und nachzuzeichnen. Es ist die andere Seite des Schweigens. Ein Denken, welches, auf der Suche nach einem Meister Eckhardt’schen Leerwerden, Von-der-Welt-sich-Abwenden, die Welt entdeckt, der göttlichen Liebe, einer weltlichen Schönheit, schlechtinnigem geistigen Reichtum sich öffnet. Schellings suchendes spekulatives Denken ist, um es nocheinmal zu sagen, Gebet. Schelling ist ein Flaneur des Denkens; ein herrlich ver-rückter, frommer, dichterischer Schwabenkopf. Das geistige Württemberg: tief wie schön und heilig.

Die Aprilekstase: daß augenblicklich in den Schönwetterblumentopf ein Winter mit seinem Hofstaat stürzt (Schneetreiben, verhärmte Kühle eines heimatlosen Wehens, Knechte auch, die zusammenschieben Wolkenbänke, tiefschwarze Kulissen und Wälder der Himmel). Aprilwetter jenseits von Hitze und vereisten Fenstern der Schlafkammer. Jedoch wir leben in einem leergeräumten Haus an der Strecke Jerusalem-Athen. Wir sagen, es gäbe Eislaufbahnen, Theaterbühnen, Orchestergräben. Das Haus steht leer. Wir ergehen in Mutmaßungen uns, die Wände seien zugestellt mit hochformatigen Tafeln, geschmückt die Lippen mit Gesang. Das Haus steht leer. Das Spinnweb liege auf Bücherrücken, auf alter Bildung humanistischen Glanzes. Das Haus… Die Stimme erstirbt. Wir sind noch nicht verloren. Vorübertreibt immer noch in aller Morgenfrühe und abends später dann der Fernexpress. Auch an den Wochenenden liegt der Akkord eines Vorüberstürmens uns im Ohr. Noch berührt die Botschaft den Dachfirst, die Schulter gewissermaßen des Hauses (entsprechend im Klangbild des Ensembles First String on Mars Klassisches, Dada, Jazz zusammen tanzen). Wir sind noch nicht verloren. Wir stehen vor einem Wiedererwachen europäischer Geistigkeit. Nach Jahrzehnten der Sandkastenspiele sind wir erwachsen geworden, entdecken hinter den Belanglosigkeiten und den Spielzeugautobahnen den Kierkegaard’schen Ernst, erlauschen die Kantate »Halt im Gedächtnis Jesum Christ« (BWV 67), die ein Kerzenlichtlein auf dem Grab. Kommen wird die Zeit, da wir Resignation, Stupor, Müdigkeit überwinden werden. »Drive your cart and your plow over the bones of the dead.« (William Blake, Proverbs of Hell, v. 2) Die Poesie wird uns hinausschauen lassen über Friedhofsmauern. Endlich werden wir aufhören, Staub und Weggeworfenes aufzuklauben. Friede sei mit euch. Wir werden am etruskischen Hohlweg in Sovana rasten und in den Gärten, dem Buchstabenmeer des Dante-Paradieses die polyphone Virtuosität der Theologie entziffern und erkunden, die kosmische Dimension vermeintlich kleiner Zeichen des Alltages entdecken lernen; das Zusammenspiel also von Mikro- und Makrokosmos aufspüren – wie es im Werk Anselm Kiefers, dem Vorbild gemäß des englischen Philosophen, Theosophen und Arztes Robert Fludd (1574-1637), zuweilen geschieht. Der April ist kein grausamer Monat; er ist voller Piano-Bagatellen vor Flußlauf und vorstädtischer Hochhaussiedlung. Man muß auf die Sprünge der Tasten achten wie auf die der Regentropfen.

Pfähle ragen aus grauen Wassern, stehen wie Wächter und Altäre gegen Osten im verregneten Morgen. Ein altes Paar schreibt sich, über die Platanenallee einsam schreitend, als Randglosse ins Buch des Lebens. Seit jeher tropfen Schritte auf Kies und Erde. Schatten der Vögel sind geschlossene Augen, die, jedem Ausblick in die Ferne abhold, ausschließlich nach Innen gerichtet, im winzigen Augenblick nur wohnen und verwehn. Das Nachdenken der Menschen erinnert an einen abgetakelten, in der verschneiten Bucht vergessenen Frachter und draußen die Wetter, vom Denken unberührt, in nicht berechenbaren Schüben wild vorüberwehn. »In den Nachmittag hinein wie Glockenruf der Hunger fällt nach Abendrot / Wieviel Kälte können wir ertragen Aus Adern eines ausgestreckten Arms / Der Erde tropft ein wenig graues Öl der andern Welt / Tropft auf den Stein vor meinem Tisch auf die Lippen eines Sees // Schlecht geschriebene Romane sind wie Lügen kalter Hausfassaden / Ich kaufe eine Laugenbrezel Aktien und eine Handvoll Schlaf / Streue in den Wind die bleiche Würde meiner Stimme / Aufstand einer kalten Zweisamkeit zur frühen siebten Stunde«

Städte und Dörfer der Ufer in abgestandenem Licht; darüber die Skulpturen der Alpengipfel, Hunderte von Ballerinas, einzigartig glänzen im ungeborenen Abend. In den Gassen des Diesseitigen, chronologisch Erfaßbaren, Freudlosigkeit herrscht; Kinder sogar tragen ihr Spielzeug herum, als ob die Puppen und Autos und Wasserfarbenkästen tote Fische wären. Mensch und Tier auf der Suche nach dem Streifen Gottglanz, welcher auf jenseitigen Gipfeln liegt: Licht, bei dessen Anblick Giovanni Segantini am 28. September 1899 auf dem Schafberg bei Pontresina, Kanton Graubünden, in der Berghütteneinsamkeit die Augen geschlossen. »We see the light but see not whence it comes.« (T.S. Eliot)

In den Armen geborgen einer durchschnittlich begabten Nacht liegt das von keinem Untergang berührte Viertel. Höfe, Häuser und Straßen schlummern vor sich hin. Eine kleine Nacht, welche an den Literaturen vorüberschläft, die sich begnügt mit Statistiken, Verlautbarungen der Ämter. Nacht, die nichts Einzelgängerisches, Vergrübeltes in sich birgt, die da ist, wie Friedhofseiben und Autobahnbrücken da sind. Nacht ohne Hierarchien, welche die Schlaflosen innerhalb ihrer Grenzen nicht duldet. Nacht, die nie spazieren geht, gar nie gedankenverloren ausharrt am Fenster. Ein Stern unbekannter Herkunft streut zerstörendes Vergessen in die Augen unserer Nacht. Sergej Schwarzland, Violinist in einem Leningrader Symphonieorchester, war zweifellos ein brillianter Musiker; gleichwohl verrichtete er seinen Dienst an einer zweiten Geige, möchte man sagen, im Sinne des Broterwerbs eher; sein Herz schlug für die Philosophie Edmund Husserls (»Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie« hatte er im Laufe der Jahre während der täglichen und sich ständig wiederholenden Lektüre nahezu auswendig gelernt); er begeisterte sich für Texte Martin Heideggers, die Orchesterkollegen während mancher Auslandstournee erstanden und für Schwarzland heimlich ins Reich geschmuggelt. Es war ihm als Junggeselle lange nicht vergönnt gewesen, das Orchester ins Ausland begleiten und auf vor allem westeuropäischen Bühnen mit auftreten zu dürfen. Endlich wurde es wahr. Sergej nutzte die erste sich bietende Gelegenheit zur Flucht; nachts kehrte er nicht zurück ins Münchner Hotel. In Tübingen bezog er in den Folgewochen ein kleines Zimmer. Tag und Nacht saß er über den Büchern. Er wähnte sich in einem Land, in welchem die große Zahl der Bewohner den Kopf sich zerbräche über Hölderlins Dichtkunst, Nietzsches unsterbliche Sprachschönheiten. Allmählich erwachte er, mußte er zur Kenntnis nehmen, daß die Zahl derer, die, tatsächlich ergriffen von Philosophie, Poesie und Religion, ihr Dasein fristeten, begrenzt war. Er hatte das Leningrader Orchester verlassen, war in der Fremde geblieben, weil er gerade in Deutschland das schlechthin philosophische Land vermutet hatte. »Sergej, Du bist in Tübingen genauso einsam wie in Leningrad«, sagte er schließlich zu sich selbst. Er fand keine Anstellung mehr als Berufsmusiker; konnte nicht umhin, seinen Lebensunterhalt in einem Baumarkt zu verdienen (die längste Zeit an einer der Kassen sitzend; heimlich lernte er, buchstäblich ›nebenher‹, Gedichte auswendig von Paul Celan – wie er früher im Verborgenen seiner winzigen Leningrader Wohnung Husserl und Heidegger studiert). Er starb früh. Das Jahr 1989 durfte er nicht mehr erleben. Wie könnten wir existieren ohne die Worte, welche den einsamen Roman »Kotik Letajew« von Andrej Bely (ein Roman des Flußdeltas) beschließen: »Ich kreuzige mich selbst. / Ein Schwarm schwarzer Krähen umringt mich und krächzt; / ich schließe die Augen; und hinter geschlossenen Wimpern liegt das Gefunkel der Kindheit … / Wir sterben in Christo, aufzuerstehen im Geist.« In den Armen geborgen einer durchschnittlich begabten Nacht liegt das von keinem Untergang berührte Viertel.

»Mohammed protestiert mit aller Macht dagegen, dass er als ein Dichter und der Koran als ein Gedicht angesehen wird; er will ein Prophet sein. Ich protestiere mit aller Macht dagegen, dass ich als ein Prophet angesehen werde, will nur ein Dichter sein.« (Søren Kierkegaard, DSKE 5, S.331) »…will nur ein Dichter sein« – und abendlich das Schreiten durch Dörfer, durch Weinberge und Dörfer, durch ein Europa melancholischer Partituren, verlassener Bibliotheken. Abendlich die Ehrfurcht vor Altären, Grabmälern, unterirdisch abgewandten, verschütteten, dantesken Welten und Wettern. Ehrfürchtig berühre ich, vom Verlangen bestimmt, das Heraufkommen einer neuen, anderen Welt wahrzunehmen, zu deuten, den Rand des Taufbeckens. Die Schlange spricht. Ich höre sie sagen: »Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Ich habe die Städte erwandert, Wasser getrunken. Die Menschheit hat keine Wahl; sie wird in den Häusern mit ihren alten Verblendungen leben müssen. »Ihr werdet sein wie Gott.« Wir werden bleiben, was wir seit jeher sind: Ophiten in reinster Gestalt. Das Beharren der Flüsse darauf, daß sie anderen Melodien folgen: Weisen des Hierseins, die wir nie verstanden haben und vermutlich nie verstehen werden (verachten wir doch im Innersten unserer Seele ein Geschehenlassen der Dinge). Dichter sind wie Flüsse, die durch den Abend ziehn.

Wieviel Blut hatte die europäische Erde zu trinken bekommen, daß sie jeden Geschmack verloren und nur noch nach Regenwasser schrie. Des Wahnsinns müde, mochte sie, Europas Erde, nur noch Gemüsebeete und Kornfelder ertragen auf ihrer Haut und versunkene Weiler mit Mühlbächen und andere Idyllen, dieses Heilignüchterne des Wassers eben, alte Boulevards, die buntfarbenen Malstifte von Gründerzeit- und Jugenstilvillen – nicht aber dieses Konglomerat der häßlichen Fabriken und Industriezonen und der Baracken und Betonhöhlen lärmumtost der Vorstädte. Ich wandte den Blick ab von Schrebergärten und Parkhäusern, von den Häusern mit verschwollenen Tränensäcken, welche als Balkone wie auf Fassaden geklebt zu sein schienen.