In nicht allzu ferner Zeit werde ich mit der Niederschrift einer neuen Theologie beginnen (obwohl mir das Wort ›neu‹ in dieser Hinsicht schwer nur über die Lippen geht; ich sollte von einer ›alten‹ Theologie sprechen). Ein wesentlicher Teil der Betrachtungen wird ums Verständnis dessen, was wir Schönheit zu nennen geneigt sind, kreisen; wobei eine ganz andere Annäherung an den geheimnisvollen Begriff (welcher viel mehr darstellt als ein Begriff dies könnte) zur Ausführung kommen wird. Überhaupt soll eine anders geartete Sprache die Bühne betreten. Ich bin überzeugt, daß ein bedeutungsschweres theologisches Zeitalter anbrechen wird. Wider allen Augenschein wird die Theologie zu den vornehmsten Kleidungsstücken wieder zählen in den Schränken. Wer an der Kirche festhält, an Gottesdienst, Gebet und Theologie (diesem wunderbarsten aller Gewänder des Nachdenkens) gehört zur Avantgarde, zur Minorität feiner Geister. Wie geschwind sich Großwetterlagen der Kultur auch ändern können! Sie werden staunen, die heute mit so großer Selbstgewißheit im verschwätzten , gleichwohl armseligen Atheismus verwurzelten Frauen und Männer, wie urplötzlich aus schmerzverdunkelten Wolken Scharen der Vögel brechen werden, Inbegriffe einer dann schier unstillbar anmutenden Sehnsucht nach theologischem Wissen, nach Bibelgeheimnis, nach gehaltvoller Kaffeebohne und gelungen herausgebackener Laugenbrezel. Das Plappern der Regentropfen, das Tempelgebet der Hochzeitsgäste, das Knien eines Kindes vor Klavierklängen aus vergittertem Saal eines verträumten Anwesens am Fuß der schwäbischen Alb.

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Frühmorgens seelenmutteralleine am Strand. Noch sind die verwöhnten Hunde, die ihre Menschen ausführen, nicht gekommen. Sie führen ihre ›Herrchen‹ an der Leine und lassen sie ins Wasser springen und bellen ihnen zu, wenn sie, die Herrchen, sich allzuweit hinausgewagt. Stets, sofern die Gelegenheit sich bietet, die vornehmen Tiere, die in Vier-Sterne-Hotels wohnen, näher zu betrachten, kommen mir zwei große Texte in den Sinn. Zum einen: Die Prosadichtung »Les bons chiens« von Baudelaire – ein Lobpreis auf die armen Hunde (»Ich singe den kotbespritzten Hund, den herrenlosen Hund ohne Heim, den streunenden Hund, den Gaukler, den Hund, dessen Instinkt, wie bei dem Armen, dem Zigeuner, dem Schmierenkomödianten wunderbar geschärft ist von der Not, jener ach so guten Mutter, jener echten Schutzgöttin der Klugen. Ich besinge die Elendshunde, jene, die einsam durch die gewundenen Schluchten der Riesenstädte streunen…«) ––– zum anderen, vor Jahren bereits erwähnt (ich erlaube mir, die wunderbare Stelle noch einmal wiederzugeben): Louis-Ferdinand Célines Wertschätzung des stolzen Tieres. In D’un château l’autre (Von einem Schloß zum andern) schildert Céline das Sterben der Hündin: »…ich wollte sie hinlegen auf das Stroh…gleich nach dem Morgengrauen…sie wollte nicht, daß ich sie hinlege…sie hat’s nicht gewollt…sie wollte anderswo sein…auf der kältesten Seite des Hauses und auf den Steinen…sie hat sich sehr schön hingelegt…sie hat angefangen zu röcheln…es war das Ende…sie hatten’s mir gesagt, ich glaubte es nicht…aber es stimmte, sie war in Richtung der Erinnerung, von wo sie gekommen war, aus dem Norden, aus Dänemark, die Schnauze nach Norden, nach Norden gedreht…die Hündin, in einer Weise sehr treu, treu dem Wald, in dem sie herumstromerte, Korsör, da oben…treu auch dem harten Leben…der Walt von Meudon (wo Céline mit der Hündin dann lebte) bedeutete ihr nichts…sie ist gestorben nach zwei…drei kurzen Röchlern…oh, sehr diskret…ohne auch nur zu klagen…sozusagen…und in einer tatsächlich sehr schönen Haltung, wie im Sprung, beim Herumstromern…doch auf der Seite, zusammengekauert, am Ende…die Nase in Richtung der Wälder zum Herumstromern, da oben, von wo sie kam, wo sie gelitten hatte…Gott weiß es! Oh, ich habe schon ein paar Agonien gesehen…hier…dort…überall…aber auch nicht im Geringsten so schöne, diskrete…treue…«. In der Ferne die Fähren: überall das Saatgut des Messianischen, Brosamen submarinen Lichts.

Pflücke Kelche der Nacht diesem wilden Weinlaub aus der Nase. Lass‘ großwerden den Tag vor meinen müden Augen. Ach, die unzerstörbar anmutende Schlaflosigkeit ist in der Welt und geht an meiner Seite spazieren. Ich höre Großmutters Rufen auf dem Sterbelager: »Heiland, hilf mir.« Es war, wie könnte ich es je vergessen, ich war sechzehn Jahre alt damals, etwas unzerstörbar Vornehmes in solchem Flehen: »Heiland…«. Oft frage ich mich, warum wir aufgehört haben, vom Heiland zu sprechen. Niemand mehr sagt ›Heiland‹. Niemand. Nirgendwo höre ich dieses Wort; lese es in keinem Brief. Ein so schönes Wort! Großmutter war die Letzte, die es ausgesprochen. Während all der Jahre meines Pfarrerdaseins habe auch ich es nicht mehr gebraucht. Nicht ausgeschlossen, daß ein Glaube ohne Sehnsucht auf den Ruf nach dem Heiland (dem Heilenden, dem Erlöser) nicht mehr angewiesen. »O Heiland reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab wo Schloß und Riegel für.« – im Liedgut der Kirche darf der Heilnad noch wohnen. Aber wo werden sie noch gesungen, die Lieder der Barmherzigkeit und des Lichts? Wo?

Die aristotelische Poetik, die man nicht als Dogma nehmen, jedoch auch nicht verachten muß, gibt nach wie vor die Ordnung, die Einteilungen vor (das Lyrische, das Epische, das Dramatische). Im weitesten Sinne läßt über das Lyrische sich sagen, es handle über die Welt und die Dinge im Sinne der Erinnerung. Tatsächlich umgibt jede poetische Aussage eine Aura des Sich-Erinnerns. Das verleiht dem Poetischen etwas Schwebendes, unzerstörbar Melancholisches. Wer zurückschaut….

Sprache, die Art des Sprechens, verändert sich von Generation zu Generation. Wovon viele sprechen: Daß englische Begriffe aufgetaucht, daß Dialekte verschwinden – das alles, meine ich, sei zweitrangig. Der eigentliche Wandel hat sich im Bereich einer rhythmischen Prägung der Sprache vollzogen. Man kann, aus der Art, wie die Leute sprechen, Rückschlüsse ziehen auf die Musik, die sie hören. Musik gibt den Rhythmus vor, den Flug der Laute. Ich höre junge Menschen atemlos jetzt sprechen, in ihrem Sagen keine Brosame von Sehnsucht, kein allmähliches Verklingen einer abendlichen Stunde. Alles wirkt gehetzt. Alles ist Jagd. Alles gebärdet lautstark sich und schroff, es ist das Hämmern der Schlagzeuge, das Bellen der Hunde, der Schrei der gejagten Tiere; die Atemlosigkeit des Flüchtenden. Sprache hat die Schatten jeder Nachdenklichkeit verloren, unterbrechende Pausen kommen nicht mehr vor (allenthalben als Stottern und fiebriges Ringen um einen in Vergessenheit geratenen Begriff); Sprache hat die Sinnlichkeit eingebüßt, den Charme verloren jener traurigen Melodien, sie so lange Erde gewesen waren der Sprache. In unserer Sprache wohnt nicht länger die Mozartheiterkeit spielender Kinder. Merkt auf und hört, wie es auf die Sterblichkeit der Boote mit den schwarzen Segeln sich legt: das Geschrei und Gelächter verzweifelter Menschen.

Ein Leben in der Stille – es ist Hölderlins pietistisches Erbe, auf der Suche nach einem solchen durch die Tage zu gehen. »…segne mir lieber dann / Mein sterblich Thun und heitre wieder / Gütiger! heute den stillen Tag mir.« (aus: Des Morgens, StA I, 302v.18ff.) Dabei meint Stille weniger Abwesendsein von Umtriebigkeit, kein Sich-Verbergen vor Welthaftem in seiner schrillen Art – Stille erscheint als innere Haltung eines unbedingten Ausgerichtetseins auf das Heilige im weitesten Sinn (genauerhin als tragisch Poetisches faßbar). Der durch die Epochen und Landschaften des Lebens treibende Einzelne möge verankert sein und bleiben immerzu im letztlich poetischen Grund des Hergebrachten, jemals sichtbar Gewordenen (im Sinne Oetingers und seiner emblematischen, kabbalagesättigten Theologie könnte man sagen, daß wir die über alles hin sich entfaltenden, alles durchdringenden göttlichen Kraftfelder und Räume niemals verlassen können; Glaube aber bedeutet, sich dessen ständig bewußt zu sein. Der Christusleib ein uns unablässig Umgrenzendes! Auch im Sterben und Weggehn um uns her das Fluten der Meere und die Boote, die Boote mit Engeln). So gesehen ist Stille nicht Weltabgewandtsein – vielmehr ein Zugewandtsein, ein genaueres Hinsehen, ein wirkliches Betrachten. Der »Stille im Lande« ist der eigentlich im Leben Verwurzelte, der in der Hingabe tatsächlich Aufgehende. Er lebt, der Stille, nicht abgeschottet vom Lärm, er steht mit beiden Füßen im Zentrum des Lärms, hört und sieht jedoch ein Anderes. Ich spreche vom geheimnisvollen Blick des Frommen (im hölderlin’schen Sinn). Der Dichter, der Fremde, der Freund, der Gütige, bedächtig Handelnde. »…segne mir lieber dann / Mein sterblich Thun und heitre wieder / Gütiger! heute den stillen Tag mir.«

Wunderbar das Kraftwerk der Bienen auch in diesem Jahr; stundenlang dies wundersame Zusammenklingen der summenden Tätigkeit tausender Insekten. So wünschen sich viele, daß es im gesellschaftlichen Ganzen der Demokratie ein vergleichbares Zusammenwirken gäbe. In allen Bereichen wird die interdisziplinäre Orientierung eingefordert. Ein mündiger Bürger – sein Beitrag zum Ganzen; der gesellschaftliche Diskurs, der parlamentarische wie der außerparlamentarische, klammert sich an diese Option, die soziale Perspektive – man ersehnt diesen Bienenschwarm der Subjekte (die, in ihrer Jeweiligkeit geborgen, das Gemeinwohl im Auge haben, der gemeinsamen Melodie sich verpflichtet wissen; daß alle entsprechendes Liedchen pfeifen würden). Tatsächlich sind die Bereiche fein säuberlich getrennt. Die Parteiungen werden auseinandergehalten. Hier die Anhänger von Rock- und Pop; dort die Verehrer ernster Musik; die politisch Inspirierten, die Sportbegeisterten, die Tätowierten, die philosophisch-poetisch Gesonnenen, und und und ––– sie verharren in ihrer Jeweiligkeit, das Gespräch über Grenzen hinweg wird tunlichst vermieden. Es ist wie in den Tierställen der Landwirtschaft oder wie in Fußballarenen, wo die jeweiligen Fanblöcke in ihrem umgitterten Feld ausschließlich sich aufhalten dürfen. Von hoher Bedeutung, daß melancholische Einzelgänger ausgegrenzt bleiben: die dürfen an Waldrändern hingehen wie auch an Rändern alter Städte. Zersiedelt also wie nie zuvor die Flußtäler westlicher wie östlicher Gesellschaften. Das große Theater zwar, die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Sprache – die Zersplitterung dagegen im Licht des Alltäglichen. Ich sitze am Caféaustischchen, rauche meine Zigarre, summe die andere Melodie vor mich hin.