Seit jeher lese ich die Natur als Gedicht, das Gedicht als Natur; das Ereignishafte (das Gesellschaftliche, das Erträumte, subjektiv Ersonnene) als Spaziergang durch die Wälder des Jesusleibes, als Ewiges. Geschehnisse sind ein Inneres der Christuserscheinung. Das Nichts lese ich als verschwiegenen Mund Gottes. Den Schneefall des Morgens kritzelt der 1938 ermordete Ossip Mandelstam heute in diesen Augenblicken der schlaflos ertragenen Morgenfrühe mir ins Heft. Der seelische Schmerz ist ein Astbruch in den Wäldern der Christuslunge. Jesu Atem fällt als Schnee immerzu in die aufgehaltenen Hände mir. Der provenzalische Sommer meiner Daseinsfreude kann augenblicklang als Einkehr gedeutet werden ins nachbarschaftlich gelegene Café, dort Seraphime eines Weltfremd-Gestimmtseins Wein und Wasser und eucharistisch verklärtes Brot an die Tische tragen. Hat Gottes Mund jemals das Schweigen gebrochen? Städte sind ein klein wenig Make-Up auf des Mondes Wangen. Der ich immerzu, auf Zehenspitzen stehend, an die Oberkante der Mauern mich klammernd, hinausschaue über den graulichtig verzeichneten und übersudelten Küchendämmer ––– ich bin kein Prophet; war ein kleiner Landpfarrer, der den Spuren nachspürte der Schlangen und der Vogelrufe und der Sperber in den Lüften der Erdkrume. Stets nur durch die Hölderlin-Stuben Württembergs wandernd, habe ich mitgeholfen, Risse in der Außenhaut unserer Arche zu verharzen ––– Arche, von welcher die meisten glauben, es sei es handle sich um jene alte Strafgaleere, die wir ›Geschichte‹ zu nennen geneiget. Indessen schreibt der Schneefall des Aprils sehr schöne Seherbriefe.

Ich spaziere am Mantelsaum entlang eines kleinen Regens. Verborgen die Alpen unterm Milchschaum dienstäglich verträumt vor sich hin klagender Wolken. Gut zu wissen, daß ein paar Regentropfen den Kreuzlinger Seepark menschenleer sein lassen; daß man mutterseelenallein zusammen sein darf mit den Vögeln des Sees. Heidegger erkennt im Schmerz des Todes die Wurzel aller irdisch wahrnehmbarer Schmerzen überhaupt (»Weil er, scil. der Tod, der einzige Schmerz ist, der als der einzige jeden Schmerz mit jedem in das Wesen einigt« Das abendländische Gespräch, GA 75, S. 60). An zart verregneten Tagen wie dem heutigen, ritzt die Endlichkeit des Hierseins besonders eindrücklich sich in die Handflächen des Denkens. Allein das einzige Boot draußen, die weithin sichtbar weiß im Dämmer stehenden Segel, künden von der Überfahrt, der Flucht aus irdischer Enge. Ich ängstige mich nicht. Ich spüre buchstäblich die Handschrift ewigen Lebens. Ich sehe, daß Christus auf den Schultern den Bleistift trägt und nicht das Marterholz. »Hinter Fenstern der Labore wird gegrübelt / oft gebetet, wie in einem Altertum geweint. / Das Niederknien einer Träne trüge etwa mild / zerdachte Konsonanten in einer Mülltüte / vors Haus. / Und als Kähne zögerten Vokale / über Meister Eckhardts Abend. So ein / wildes Rudern. // Menschen aber, die doch täglich an die Gräber gehn, / eine Klage auszusprechen, ihrer Toten zu gedenken, / sind wie Uhren, verborgene Uhren unsrer Stadt – // Es ist die Regelmäßigkeit des Tuns, / welches an die Uhrzeiger, deren Kreisen / endlos in sich selbst verloren, / denken läßt; // es ist das Nie-mehr-Müdewerden / eines Hingehns zu den Gräbern, / dem wir so viel / verdanken.« (DIE UHREN EINER STADT) Ach, kleiner Regen – ich schenke Dir ein halb abgebranntes Streichholzdiadem.

Der Völker Geborenwerden und Fallen, das Gras, die Asche, Stein und Sand, die Winterulmen, das Ried, das Vorstadthaus (wie Fahrradfelgen kahl), der nach Honig duftende Ritus, der teerfarbene Fluß. Wir essen Zuckerwatte, lassen Seifenblasen fliegen, empfinden die Leere heute im Innenraum der Welt. »Ahnen sind wir eines Herdfeuers, fragen oft, was Schönheit sei / im Mückengestöber unserer Stadt. Wir gehen den verträumten Weg / um die Verschwiegenheit der Dörfer. // Am Fenster steht ein Kind, das sieht.« (aus: Pulchritudo et mors) Die Kirche des Christus (die Kirche der Reformation) ist eine Kirche am Wegrand, eine Kirche der Flucht, eine Kirche des armen Denkens und der armen Augen, eine poetische Kirche.

 

Heftig stürzen Fluten von Schnee in den Innenhof, auf den mein Fenster zeigt. Schnee fällt auf die Glaubenslosigkeit der Menschen, die als Möglichkeit in jeder Seele anwest. Dies Unvermögen, den Ruf zu hören in unserer Zeit, darf nur als Schicksalhaftes gelesen und verstanden werden. Niemand, der sagen würde: »Ich glaube einfach nichts.« Der Einzelne kann nicht darüber entscheiden, ob er gläubig oder ungläubig lebe. Die Wolke des Unglaubens liegt über allen Seelen. Schmerzlich in besonderer Weise ist in dieser Hinsicht die Situation des Geistlichen, seine Blindheit, die uns entgegengehaltene Hand des Christus zu sehen und zu ergreifen. »Es ist doch eine verzweifelte Situation für diese Theologen – denn sie sind eben nur Theologen und wirken nicht mehr mit einer apostolischen Berufung.« (Martin Heidegger, Brief an Elisabeth Blochmann, 20. Sept. 1930) Die fehlende Gabe, tief gläubig leben, den Ruf vernehmen zu können, weist indes, so mein Verständnis, darauf hin, daß wir gewissermaßen vor einer neuen Erweckung stehen. Noch flüchtet die Kirche (flüchten die Vielzahl der Gemeinden) in organisatorisches Fragen und Denken, lebt sich in Aktionen aus – das Fieber des Tätigen soll die Verzweiflung zudecken. Die Akazie der Christusgegenwart wird in unseren Herzen wieder wachsen. Sehr viele Menschen werden vom leeren Wort sich abwenden und der Philosophie des Glaubens sich widmen. Sie werden in den Kaffeehäusern sitzen und die jetzt noch so fremd anmutenden Fragen stellen. Bücher werden wieder auf den Tischen liegen. Gottesdienste werden die gebotene poetische Tiefe finden. Die Sehnsucht nach Predigt wird als Phänomen eine ganze Kultur erfassen. Wir werden wieder große und hohe Predigten hören. Man wird lernen dürfen, was Demut wirklich bedeutet. Der späte Schneefall verklärt die Straßen einer müden und kranken Stadt. Alles wartet.

Die Möwe flattert, wie auf einem Notenblatt den Linien folgend, als Heinrich-Schütz-Melodie am Ufer entlang und die Wellen schreiben Cornelius-Becker- Worte des Jahres 1602 auf Kies und dunkel verschatteten Sand: »Ich will so lang ich lebe, rühmen den Herren mein…« Wäre jemand begabt, aus dem Fließen und Strömen des Autobahnverkehrs ein Rühmen und Verehren herauszuhören – oder ereignet sich ein Lärmen um des Lärmens willen? Tatsächlich könnte man vermuten, die Details der technischen Zivilisation (die Klänge für sich genommen, als einzelne betrachtet) seien aus sich selbst heraus nur deutbar und verwiesen auf kein Höheres oder Fremdes, Transzendierendes; indes das Ganze (die Zivilisation als solche) als einziger Hilferuf sich ausnimmt. Die Moderne mit ihren Metropolen, Schienennetzen, Flughäfen, Fabriken und Ateliers, ihren Werkstätten, ihren Kerkern, ihren Bildschirmen, Konzerthallen, Bankhochhäusern, verlassenen Landstrichen, Parteizentralen ––– die Moderne als solche ist eine einsame Frau, die, eine zusammengefaltete Bildzeitung untern Arm geklemmt, am Neckarufer entlanggeht und verzweifelt vor sich hinweint.

Epikurs Ideal einer zurückgezogen gelebten Existenz (láthe biósas) läßt sich im Gemeindepfarramt trefflich verwirklichen. Natürlich die Verwicklungen, das Eingebundensein in einen wilden Alltag – gleichzeitig jedoch das geistige Zuhausesein in der Bibliothek, das Dahintreiben auf dem Strom der Gebete, die permanente Präsenz biblischer Texte und Fragmente im Bewußtsein beim Betrachten der Gegebenheiten. Der Gemeindepfarrer ist der denkbar einsamste Mensch. Er steht gewissermaßen auf dem Marktplatz – und hat doch Teil an den dramatischen Geschehnissen im Inneren der Gottheit. »Ach! der Menge gefällt, was auf dem Marktplatz taugt, / Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen; / An das Göttliche glauben / Die allein, die es selber sind.« (Hölderlin, aus: Menschenbeifall).

Österlich der Ruf der Taube in äußerster Frühe der mittelalterlichen Stadt. Feinsinnig und weiß die Hand des Regens, die, auf der Tastatur des Fenstersimses, klimpert die kleine Melodie des Lebens. Nach schwarzem Kaffee schreit die Seele der Busfahrer, der Polizisten und der Ärzte, die, nach Dienstschluß nun, den Weg in die Heimat an den Stadträndern gehn. Sie alle haben das Unglück gesehen der Nächte – und weinen schon lange nicht mehr. Vielleicht dürfen sie alt werden, viele Jahrzehnte noch zubringen auf dieser Erde, dürfen in den Bergen wandern, mit dem Fahrrad fahren, herzlich lachend Teile des Werkes von Jean Paul lesen, Grausamkeit und Dummheit der politischen Welt vergessen, dürfen mit den Lippen den Abendmahlskelch berühren und leise sterben, in den Nachen des Christus steigen. Ich glaube an das Ewige Leben.