Ich wertschätze das Werk Gunnar Ekelöfs. Es steht für eine bedeutende, über Jahrzehnte immer wieder zu Rate gezogene Großlektüre. Oft betrachte ich eine Photographie, die Gunnar Ekelöf zeigt, wie er, krank bereits, die unmittelbare Nähe empfindend des Sterbens, gebeugt, ins Nachdenken versunken, im Morgenmantel an einer Kiefer vorbei und an einer Mauer und dem Drahtgeflecht des Zauns entlang, im Bademantel, die Füße in Espadrilles, schreitet durch Gras, das seit längerer Zeit nicht mehr gemäht worden. Versonnen das Wandeln im Garten um sein Haus in Sigtuna, der nördlich von Stockholm gelegenen Stadt. Die Photographie zeigt nicht nur den Dichter als Person und Gestalt, weist hin gleichermaßen auf das Gedicht, auf die darin webende Tiefsinnigkeit; öffnet den Blick auf eine Versonnenheit (wie Hermann Deuser ›musement‹ , den von Charles Sanders Peirce ersonnenen Begriff, ins Deutsche überträgt ––– im Kontext des Peirce’schen Denkens steht ›musement‹ für die aus purem Spiel erwachsene religiöse Meditation: spielerisch, jenseits von wissenschaftlicher Argumentation, sickert die Gegenwart einer anderen Dimension in unser Leben). Der Dichter (›the muser‹, der Versonnene); das eigensinnige dichterische Werk (›the musement‹) als das Versonnene, Gottgeistgegenwart spielerisch Spiegelnde. Und als solches, als Versonnenes, leuchtet die Zerbrechlichkeit des Dichters wie auch die des Gedichtes auf. Darin gewahre ich das eigentlich Humane der Poesie: in ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Feingliedrigkeit, ihrem Todgeweihtsein bei gleichzeitiger Gottursprünglichkeit. Das Gedicht ist die sterbliche Ballerina, die augenblicklang das Göttliche (einen Schattenstreifen des Christusantlitzes) kraft ihres Tanzes in unser Leben hineinzaubert. Der Dichter als Mystiker. Ekelöf: Mystik »ist alles, was dir an Freiheit bleibt, auch wenn diese Freiheit eine Abhängigkeit sein sollte…Die Mystik ist mit anderen Worten eine Art in sich widersprüchlicher Gleichgültigkeit, widersprüchlich deshalb, weil es einem Mystiker nicht gleichgültig ist, ob der, der neben ihm sitzt, leidet…Der Mystiker ist der niedrigste Mensch auf Erden. Hörst du einen völlig verlassenen Hund bellen, so ist es vielleicht so jemand.« (Gunnar Ekelöf, Der ketzerische Prpheus, Münster 1999, S. 175f.)

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Ich spaziere am Konstanzer Seeufer entlang unter Buchen, Eichen, Ulmen, vereinzelten Birken auch, und gewahre in der Ferne Fähren, die anlegen und wieder auslaufen. Sie spiegeln, diese gewissermaßen antiken Schiffe (wie modern die Motoren auch sein mögen), Rhythmen des Seins, das Geborenwerden und Sterben, das Ein- und Ausatmen, Ebbe und Flut. Wer steuert das Boot? An diesem Morgen habe ich aus großer Entfernung gespürt und insofern gesehen, wer am Steuer steht. »Who hears may be incredulous, / Who witnessis, believes // Wer’s hört, mag skeptisch sein, / Wer Zeuge ist, der glaubt.« (Emily Dickinson) Zeuge seit jeher, öffne ich die Thermoskanne, gieße heißen Tee ins Glas und denke ins Grau hinein des späten Morgens ein Wort des polnischen Dichters Zbigniew Herbert: »Wir sind arm, sehr arm. Ein bedeutender Teil der zeitgenössischen Kunst stellt sich auf die Seite des Chaos, gestikuliert in der Leere oder redet von der Geschichte der eigenen sterilen Seele.« Fähren kommen und gehen. Auf einem Baumstamm sitzend höre ich ihr Flehen.

Platon saß unter der Platane; Cicero spazierte durch seinen Garten und seine Bibliothek; Hölderlin wanderte nach Bordeaux, Nietzsche durch die Alpen – wir sitzen im Großraumflugzeug und fliegen irgendwohin. Was wir aus unserem Leben machen, bedeutet nichts. Was durch uns (von einem Anderswoher) wirkt ist von Belang. »…aber so vieles geschieht, / Keines wirket, denn wir sind herzlos, Schatten…« (Hölderlin, Brod und Wein)

»Sowohl auf Strafgaleeren wohnen die Gedanken / Als auch im weißen Vogelflug // Abgrund, der sich aufwirft zwischen Todverfallenheit / Und einer Heiterkeit der Alpenpfade // Obstgärten des Abends liegen schwarz geschrieben / Wie Augenringe unter allen diesen Städten der Vergeblichkeit // Es kriecht der Tag aus müder kalter Vogelstimme / Geflatter vor dem Fenster – wer es ratlos geöffnet« (TRAGISCHE THEOLOGIE)

Mario Luzi gehört zu jenen Dichtern, die ganz leise sprechen. »Du sagst: was hat mir dieser Tag gebracht? / Nichts oder wenig mehr als das, was immer / erscheinen läßt und schwinden, / in den niedern unnachgiebigen Tagen, / des Regens offner und geschloßner Vorhang, / Bäume, Stadtausschnitte, Fuhren, / Personen, Regen im Regen, Rauch.« (aus »Schwärze«; ins Deutsche übertragen von Guido Schmidlin) Mario Luzi (1914 – 2005) umkreist mit diesen Versen das Leben in seiner Belanglosigkeit; indes die Kreisbewegung als solche (wie das endlose Sich-Drehen einer Schallplatte) das Geheimnis ahnen läßt, welches gerade unter der Haut niederer, verregneter Tage in Adern und Nervenbahnen sich verzweigt. Der nichtige Tag ist schlechthinniger (in Gott vergrabener) Reichtum für die Seele und die Augen. »Im Dunkel ringsum stehen die Berge schön wie ungeschriebene Gedichte.« (Gunnar Ekelöf) Vielleicht muß man an Grenzen rasten, um die Botschaft zu vernehmen. Ich wohne in Konstanz, an der Grenze zur Schweiz. In zehn Minuten erreiche ich zu Fuß die Grenzstation.

Ein Septembernachmittag um ein Uhr. Wir schreiben das Jahr 1953. Ich war ca. 270 Tage im Zug (im Mutterleib) unterwegs gewesen; nunmehr berührte der Zug die Ränder einer nicht mehr kriegszerstörten Stadt des deutschen Südwestens. Der Zug fuhr an einem brachliegenden Industriegelände entlang, an zerfallenen, in sich zusammengestürzten Hallen, vereinzelt auch neu errichtete Schuppen; eine Dunkelheit spätsommerlicher Hitze, vom müden Licht der Stundenlampe kaum zu vertreiben, lag an diesem frühen Nachmittag über Höfen und Straßen und Reihenhäusern der Vororte. Das Häusermeer flutete wilder allmählich, aufgewühlt womöglich von sehr großen Winden, gegen die Mauern der Zeit. Auf dem Bahnsteig wurde ich von meinen Eltern erwartet. Ich betrat die Hallen des Lebens, das leere Grab des Heilands. Keine Engel indes, der Grabtücher zusammenfaltet hätten. Nur diese Mutter und dieser Vater, die, umspült von den Heerscharen der Bahnhöfe, wie Skulpturen eines verwunschenen Parks, vor mir gestanden und mich erwartet und vielleicht geweint hatten im Ludwigsburger Mittag der Nachkriegszeit. Ich trat in den Haushalt einer ehrbaren Familie. Es war ein einfaches, von bescheiden gelebtem Alltag und dankbarer Frömmigkeit und geistlicher Musik und Bibelpräsenz geprägtes Leben. Kaum konfirmiert, wandte ich dem Schrifttum Heraklits mich zu, befleißigte mich der Lektüre Søren Kierkegaards, las Romane des Albert Camus (von geradezu prophetisch-jesuanischem Klang erschien mir der erste Satz des Romans L’ETRANGER: »Aujourd’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas. J’ai reçu un télégramme de l’asile : »Mère décédée. Enterrement demain. Sentiments distingués.« Cela ne veut rien dire. C’était peut-être hier.« ––– Romananfang, der ein halbes Jahr vor dem Tod meiner eigenen Mutter in meinem Denken sich eingenistet). Ungeachtet aller Dankbarkeit und Anhänglichkeit meinen Eltern und Geschwistern gegenüber, ungeachtet aller verträumten Neigung zum Spiel mit Grashalmen und Ameisen, blieb ich doch das einsame Kind der Toten – will heißen: ich habe von Anfang an (sozusagen gleich nach meiner Ankunft auf dieser Erde) die Gegenwart der anderen Welt gespürt. Es hat immerzu vorgeherrscht ein Etwas, welches, der Unsagbarkeit verschrieben, daneben, oder im Hintergrund zugegen war. Als vielleicht achtjähriger Junge war ich zum Geburtstag eingeladen bei einem Schulfreund. Wir saßen im Garten nahe der Karlshöhe. Kuchen gab es und heiße Schokolade und Süßigkeiten aller Art – als plötzlich das Gartentor aufging zur Straße hin, ohne daß irgend jemand erschienen, das Törchen aufgestoßen hätte und eingetreten wäre. Augenblicklich vom Gedanken ergriffen, daß ich Zeuge geworden einer Erscheinung, ein Toter das Tor geöffnet hätte, blieb ich mein Leben lang ein Kind, das gesehen, wie das Gartentor, von toter Hand berührt (und unsichtbar für unsere Augen) geöffnet worden war. Gar nichts Bedrohliches; als Lichtes (Furchtdämpfendes, Angstnehmendes) eher empfunden und wahrgenommen; als Gewißheit (certitudo) einer wohl unzerstörbaren Hoffnung (daß wir niemals sterben würden), als Liebe zur geistig-religiösen Welt, eines Eingebundenseins in die Poesie meiner schwäbischen Heimat. »Photography is nature seen from the eyes outward, painting from the eyes inward.« (Charles Sheeler, 1938) Ich war und bleibe das Kind des inwendigen Blicks. Vor der Kaffeestube gestern am späteren Vormittag in herbstlicher Kühle sitzend, Tabak rauchend und Tee trinkend, habe ich an meine damalige Ankunft auf dieser Welt gedacht; habe es vor mir gesehen, das Steigen aus dem Zug, das Betreten des Bahnsteigs – habe alles gesehen in der Klarheit, mit welcher Charles Sheeler Industrielandschaften und Städte gemalt. Und in aller Klarheit des Strichs und der Gestaltung von Fläche gleichwohl (inwendig sozusagen) das »Gartentor, wie es aufgetan wurde von wessen Hand?«

Es gibt eine Zeit in der Adoleszenz, während welcher Traurigkeit im weitesten Sinne vorherrscht. Man empfindet ein Alleinegelassensein. Scheinbar niemand, der einem zur Seite stünde. Das ist die Stunde, da geistige Konstellationen in unser Leben treten, die Stunde der Wahl, die Möglichkeit, späteren geistigen Prägungen Räume des Anwesendseins in unserem jeweiligen Hiersein zu verschaffen. Das ist die Stunde, da religiöse Stimmungen, prophetisch-priesterliche Haltungen, künstlerische Gesten und Ausdrucksformen, Philosophien von Heraklit und Kierkegaard, Tanz, Poesie, Hunger, Jesusliebe, die griechische Tragödie, die Offenbarung des Johannes (das Vollkommenste, was jemals ein Mensch niedergeschrieben) ausgesät werden. Jeder einzelne Mensch, ich glaube unabhängig von einem soziologisch beschreibbaren Bezogensein auf Herkunft und Familie, könnte zu dieser Stunde hören den Ruf. Die Wandtafel wird beschrieben. Es ist an uns, die Saat des Tafelanschriebs fruchtbar aufgehen zu lassen in unserer späteren Existenz; bzw. daß alles ausgelöscht würde, das Samenkorn erstürbe. Es ist die Stunde, da unser Hiersein nach Göttlichem klingt, da wir augenblicklang immer wieder streifen dürfen durch den herbstlich schönen Garten des Jesusantlitzes (das Wunderbare uns berührt, das in die Kirche unserer Kindheit hineingeschrieben).